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Hölle der Mittelmäßigkeit: Eine Trilogie moralischer Entlastung

··437 Wörter·3 min

Hinführung
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„Eine Hölle der Mittelmäßigkeit" (a hell of mediocrity) – der Ausdruck stammt von Francis William Lauderdale Adams (1862–1893), der ihn 1892 in einem polemischen Dialog über Demokratie verwendete. Bei Adams bezeichnete er die Befürchtung, eine von der Masse dominierte Gesellschaft werde Exzellenz durch Durchschnitt ersetzen – ein kulturpessimistischer Topos seiner Zeit.

Ich verwende den Ausdruck anders.

Mir geht es nicht um Elite gegen Masse, nicht um Genie gegen Normalität. Sondern um einen Modus, in den Menschen – alle Menschen – fallen können: die Versuchung, Urteilskraft zu suspendieren, sobald deren Schlussfolgerungen wehtun. Wahrheit gegen Ruhe zu tauschen. Verantwortung zu delegieren, weil die Zumutung zu groß erscheint.

Das Mediokre in diesem Sinn zielt nicht auf so etwas wie mittelmäßige Intelligenz. Sondern vielmehr auf die Weigerung, die Zumutung des Urteilens auf sich zu nehmen. Denken ist anstrengend. Und moralisches Handeln erwächst zunehmend – je komplexer die Verhältnisse werden, desto mehr – aus geistiger Arbeit, bevor es praktisch wird.

Robert Musil sprach von „Durchschnittsmenschen". Hannah Arendt – vier Jahrzehnte und weitere Katastrophen später – von deren banaler „Gedankenlosigkeit". Beide beziehen sich ebenfalls nicht auf „Dummheit“, sondern auf die Weigerung, die Implikationen des eigenen Tuns auf sich zu beziehen. Denn täten die Menschen das durchgängig, sich also einerseits selbst als jemand anderen und andererseits aus Sicht von jemand anderem auf sich zu sehen, würde das Mediokrität überwinden helfen.

Um die Mechanismen freizulegen, greife ich auf die alte asketisch-monastische Lehre von den Todsünden zurück. Nicht als Moralkatalog, sondern als Frühwarnsystem. Diese Lehre fragte nicht nach dem Was-gilt?, sondern danach, woran Menschen scheitern – gerade wenn und obwohl sie es besser wissen.

Acedia (moralische Ermüdung), Zorn (Reaktion statt Urteil), Hochmut (moralische Selbstimmunisierung), Geiz (Minimierung von Verantwortung) – das sind keine Verdammungsurteile, sondern diese „Sünden“ signalisieren, wo das Denken aufhört und das Streben nach Entlastung sich manifestiert.

In allen drei Texten tauchen diese Kategorien auf: auf privater, institutioneller, politischer Ebene.

Text I – im Privaten: Wie aus Opfern Mitverursacher gemacht werden, weil das die Welt für Beobachter und entfernt Beteiligte erträglich hält.

Text II – in Institutionen: Wie Apparate Wahrheit gegen Stabilität tauschen und „Schuld“ nach unten, von sich weg verschieben.

Text III – in der Politik: Wie Gesellschaften Sündenböcke erzeugen („Selbst schuld!“), nur um sich nicht einlassen zu müssen.

Der Mechanismus ist jeweils derselbe; die Skalierung ändert sich.

Diese Texte sind Skizzen – Vorbemerkungen zu einem größeren Projekt über die Möglichkeit von Moral im 21. Jahrhundert. Sie benennen ein Muster, das mich beschäftigt: Nicht der Mangel an Moral ist das Problem, sondern die Flucht vor ihren Zumutungen, vor allem denen der praktischen Vernunft.

Januar 2026, am 81. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz