I. Über Verdacht, Entlastung und die Versuchung des Mediokren #
Sie war im Gesundheitswesen tätig. Der Angriff geschah an ihrem Arbeitsplatz – in einem Raum, der nach allen Regeln des Fachs ein geschützter sein sollte: für die Patienten, aber auch für sie. Einer griff sie während der Arbeit mit einem gefährlichen Gegenstand an. Sie wurde schwer verletzt, dauerhaft gezeichnet.
Der Täter wurde gefasst, verurteilt, kam in Haft. Man könnte meinen, damit sei die Sache erledigt gewesen: ein Verbrechen, ein Urteil; Ende. Weit gefehlt. Juristisch war die Sache aufgearbeitet, menschlich keineswegs.
Denn das Opfer verlor über diesem Geschehen viele Freunde, insbesondere Kollegen. Nicht auf einmal, nicht mit einem großen Bruch, sondern als langsamer Verlust von Vertrauen – und eben Vertrauten. Immer wieder, hartnäckig, wurde ihr bedeutet, sie könne ja wohl nicht unschuldig daran gewesen sein. Als Spezialistin müsse sie doch etwas bemerkt haben, hätte Grenzen setzen müssen, hätte die Gefahr kommen sehen können. Es müsse etwas gegeben haben: einen Fehler, eine Provokation, eine Grenzüberschreitung; irgendetwas, das den Angriff erklärbar machte – und damit erträglicher, für die anderen.
So wurde aus dem Entsetzen ein Verdacht, schließlich aus der Angegriffenen eine Mit-Täterin. Und dieser Verdacht fraß sich in ihre Seele. Eine zweite Wunde, die nicht mehr heilte.
Dieser Vorgang – die soziale Umdeutung des Opfers zum Mitverursacher, die ich als Freund selbst miterleben musste – ist der Ausgangspunkt meiner Überlegungen. Er ist so dramatisch, wie er gewöhnlich ist. In ihm offenbart sich ein Verhaltensmuster, das ich medioker nennen möchte – und das weit über diesen einen Fall hinausreicht.1
II. Was ich unter Mediokrität verstehe #
Medioker heißt wörtlich: mittelmäßig, durchschnittlich. Ich verwende das Wort nicht als Beleidigung und nicht als Urteil über Menschen. Ich meine damit einen Modus – eine Art zu reagieren, in die Menschen unter bestimmten Bedingungen kippen: wenn Angst, Überforderung oder die Störung einer Zugehörigkeit stärker werden als die Bereitschaft, genau hinzusehen. In der Regel registrieren sie bei sich kein Fehlverhalten.
Mediokrität in diesem Sinn ist die Versuchung, Urteilskraft zu suspendieren, weil diese Kosten zu verursachen droht. Ein Urteil kann wehtun.
Mediokrität stellt einen Tausch dar: Wahrheit gegen Ruhe, aktiv reflektierte Verantwortung gegen wohlige Anpassung, die Anstrengung des Nachdenkens gegen unwillkürliche Reflexe. Der oder die Mediokre ist nicht dumm und nicht böse, sondern nimmt nur die Abbiegung, nach der die geringsten Widerstände warten.
Das macht mittelmäßiges Handeln gefährlich.
Robert Musil, der in seinem Essay Das hilflose Europa oder Reise vom Hundertsten ins Tausendste von 19222 die Vorgänge, die zum Ersten Weltkrieg führten, analysiert, sprach von Durchschnittsmenschen – von jenen, die 1914 mit Begeisterung und Schellengeklingel in den Krieg zogen.
Anstatt sich klar zu machen, worauf sie sich einließen, seien sie ins Verderben marschiert. Es waren Menschen, die mitliefen, weil Widerstand gegen die allgemeine Mobilisierung, in einer Atmosphäre deutschnationaler Überlegenheitsgefühle, Kosten – mentale, soziale Kosten – für sie mit sich gebracht hätte. Menschen also wie wir alle – in bestimmten Momenten.
Musils Analyse allerdings reicht weiter. Sie hätten sich, stellt er fest, ins Unglück gestürzt, weil ihnen die Begriffe fehlten, um das Erlebte in sich hineinzuziehen.
Die Frage ist: Wieso fehlten sie ihnen? Wie kam es dazu? Und: Ginge es uns Heutigen etwa (immer noch) genau so?
Wenn dem so wäre, schlösse sich die Frage an, ob und wie wir diesen Mangel an Begriffen überwinden könnten.
III. Warum das Opfer schuld sein muss #
Zurück zum Opfer. Warum reagierten ihre Freunde so? Warum der Verdacht, die Andeutungen, der schleichende Rückzug?
Wenn die Wirklichkeit sich in unbehaglicher Weise nicht mit den eigenen Erwartungen deckt – weil sie, wie in diesem Fall, zeigt, wie wenig Schutz es gibt –, versucht man, beides zur Deckung zu bringen. Im Ergebnis heißt das dann: Wer getroffen wurde, muss etwas beigetragen haben.
Auf diese Weise kann die Welt wieder als Ort erscheinen, in dem Dinge nicht einfach passieren, sondern daraus folgen, dass jemand etwas falsch gemacht hat. Das Entsetzliche bekäme einen Sinn.
Der Gedanke, die Betroffene habe es sich wohl irgendwie selbst zuzuschreiben, entlarvt in Wahrheit die Person, die so denkt: Sie will glauben, dass es Regeln gibt, und dass diese schützen, sofern sie befolgt werden. Psychologen nennen das den Just-world-Reflex – den Glauben an eine gerechte Welt, in der Unschuldige verschont bleiben. Wo dieser Glaube erschüttert wird, entsteht Dissonanz. Dissonanz jedoch ist schwer auszuhalten und will ausgeglichen werden – am einfachsten aber auf Kosten anderer.3
Die billigste Auflösung liegt nahe: das Opfer abwerten! Ansonsten könnte ja sein, was nicht sein darf: Dass es jeden treffen kann, jederzeit, grundlos. Das wäre zu bedrohlich.
Hinzu kommt, was man defensive Attribution nennt:4 Je ähnlicher mir das Opfer ist, desto größer mein Bedürfnis, Distanz zu schaffen. Sie hat etwas falsch gemacht heißt dann: Mir kann das nicht passieren, weil ich es richtig mache. Was sich als Reflexion geriert, ist in Wahrheit ein bloßer Reflex, zum Schutz des eigenen Selbst. Kaum jemand ist davor gefeit, diesem Reflex nachzugeben.5
In unserem Fall wurde die Sache noch verschärft durch die unausgesprochene Erwartung, sie hätte professionell ihre Patienten lesen können müssen, Gefahren erkennen, Grenzen setzen, wo nötig. Wenn ihr trotzdem so etwas widerfahren ist, denkt man, muss sie versagt haben.
Wäre nicht sonst die Welt ein Ort, an dem selbst Expertise und Professionalität nicht schützen? Ein unerträglicher Gedanke.
IV. Der Impuls, den man kennt #
Ich kenne das alles aus eigener Erfahrung. Natürlich! Jeder, der ehrlich mit sich ist, kennt diesen Impuls, sich selbst zu schützen, und sei es auf Kosten anderer. In Momenten der Überforderung, wenn eine Nachricht zu nah kommt, wenn das Unglück eines anderen die eigene Sicherheit berührt, fragt man sich: War da nicht doch etwas, was falsch gemacht wurde? Man denkt sie vielleicht nicht zu Ende, man spricht sie nicht aus – aber sie ist da.
Deshalb ist es wichtig, sie nicht zu unterdrücken. Nicht um sich zu geißeln, sondern um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, den Mechanismus zu verstehen. Mediokrität ist kein Charakterfehler bestimmter Menschen. Es ist ein Modus, in den fast jeder fällt, wenn die Zumutung zu groß wird und die Kosten des genauen Hinsehens zu hoch erscheinen.
Die Freunde und vor allem Kollegen, von denen im Fall die Rede ist, waren in diesem Sinne vermutlich keine schlechten Menschen. Sie waren überfordert. Wohl vor allem damit, sich selbst, ihre Angst und Schwäche in den Fokus zu stellen. Was, wenn es morgen sie selbst träfe? Wenn jemand grundlos auf sie losginge?
Und so griffen sie nach dem, was ihre Ängste verscheuchte und Sinn versprach; was das Geschehen erklärte. Dass damit das Opfer allerdings zum Mitverursacher „erklärt“ wurde, musste als Kollateralschaden hingenommen werden.
Das ist abgeschmackt, aber nicht bösartig. Es ist medioker.
V. Gedankenlosigkeit #
Hannah Arendt, die als deutsche Jüdin vor den Nationalsozialisten fliehen musste, sprach 1962, vier Jahrzehnte nach Musil, von: Gedankenlosigkeit als dem Innersten der bis heute fassungslos machenden Großkatastrophen des nationalsozialistischen Totalitarismus, des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust.
Gedankenlosigkeit? Ein Negativum im Zentrum des Schlimmsten, was Menschen sich bis dato angetan hatten?
In ihrem berühmten „Bericht“ über den Eichmann-Prozess – der im Übrigen weit über Zeitungsmäßstäbe hinaus als rhetorisch ausgefeilte moralphilosophische Beweisführung zu lesen ist – zielt Arendt mit dieser nur scheinbar unscheinbaren Charakterisierung des Furors nicht auf einen Mangel an Intelligenz, sondern auf die so alltägliche wie unbegreifliche Weigerung, die Implikationen des eigenen Tuns auf sich zurück zu beziehen und zwar ernsthaft. Deshalb greife ich ihre Gedanken hier wieder auf. Meines Erachtens trifft Arendt damit ins Herz der ubiquitären Mediokrität.
Sie – wie schon Musil – beschrieb im Grunde dasselbe Phänomen: Menschen, die nicht aus Bosheit sich weigern, unbefangen zu urteilen, sondern aus Entlastungsbedürfnis. Menschen, die mitlaufen, weil gegen den Strom zu laufen sie zu viel kostet. Arendt brachte dieses Verhalten auf einen weiteren, fast noch paradoxeren, Begriff: auf den der Banalität des Bösen.
Das klang damals in manchen Ohren ungeheuerlich, verrückt. Aus der Feder einer Jüdin! Und das tut es noch, wenn man nicht selbst liest und mitdenkt.
Arendt verharmlost keineswegs „das Böse“. Sondern sie zeigt uns mit diesem Begriff die Leere, dem es entspringt. Seht!, sagt sie. Im Zentrum des Schreckens ist es still. Totenstill! Wir sollten unsere Aufmerksamkeit diesem Loch im Zentrum des Wirbelsturms zuwenden. Und sie gibt auch einen Hinweis zu seiner Entstehung. Es, das Böse, entsteht nämlich durch die Weigerung hinzusehn. Daraus seine Schlüsse zu ziehen. Und dann erst: Entsprechend zu handeln.
Adolf Eichmann, der oberste Logistiker des Holocaust, funktionierte in einem System, das ihm nicht nur erlaubte, sondern sogar befahl, keine Verantwortung zu übernehmen. Ein anscheinend unwiderstehliches Angebot. Entgegenkommender konnte keines sein, um ALLES zu tun. Musste man dafür nicht dankbar sein?
Was richtig war, wurde ihm – und nicht zu vergessen: Millionen anderer, dem sogenannten deutschen Volk – vorgeschrieben, und er brauchte nur in die Tat umzusetzen. Allfällige Schuld wurde in amtsdeutsche Verwaltungssprache gekleidet und so gleichsam getarnt: Als Dienst am Volk, als Beitrag zur Wiederauferstehung und Gesundung der Nation usw. Als Beitrag jedenfalls zu etwas ganz Großem. Was bedeuteten da Opfer? Für die ultimative Entlastung brauchte man sich nur noch in den Bannbezirk des glorreichen Führers zu begeben, der alle Last von einem zu nehmen versprach. Nicht umsonst war, sich an Vorschriften zu halten, erste (nationalsozialistische) Bürgerpflicht. Der Rest war Gewöhnung.
In einem Brief an Mary McCarthy bemerkte Arendt, sie habe den „Bericht“ in einem Zustand von Euphorie geschrieben. Und gegenüber einem deutschen Korrespondenten sprach sie von einer cura posterior: Zwanzig Jahre nach Auschwitz sei etwas in ihr „nachgeheilt“, eine Blockade des Denkens, die sie selbst nicht losgeworden war.6
Arendts Analyse hat etwas Magisches: Sie bannt den Schrecken durch Benennung. (Das Wort Banalität geht etymologisch tatsächlich auf frz. ban (Bann, Bannbezirk, Verkündung als Herrschaftsakt) zurück.)7 Durch ihre Worte – Gedankenlosigkeit, Banalität des Bösen, hinsehn – machte sie das diffuse, namenlose Grauen greifbar, zog es aus der Sphäre des Schicksalhaften heraus in die Sphäre des Urteilbaren.
Aber es fehlt noch etwas. Diagnose und Urteil bringen leider noch keine Heilung. Benennung allein reicht nicht. Worte ändern keine Reflexe, keine Anreize, keine Institutionen.
Was also hilft, wenn nicht die nachträgliche Analyse? Vielleicht etwas, das früher ansetzt; nicht nur Begriffe, sondern Frühwarnzeichen, die anzeigen, wo wir anfällig sind, bevor wir kippen und Entlastung um jeden Preis suchen. Nicht Regeln, die sagen, was man tun soll – sondern Warnlampen, die daran erinnern, woran gewöhnlich Menschen scheitern, gerade wenn sie es eigentlich besser wissen und wissen sollten.
VI. Warnlampen, keine Verdammungsurteile #
Solche Warnzeichen gibt es. Schon lange.
Die alte Lehre von den Todsünden – oft missverstanden als starrer Moralkatalog – war in ihrem Ursprung genau das: eine Anthropologie der Selbstverfehlung. Sie fragte nicht Was gilt?, sondern Woran scheitern Menschen – gerade wenn sie es besser wissen?
Drei dieser alten Kategorien treffen den hier beschriebenen Mechanismus:
Acedia – die moralische Ermüdung. Nicht Faulheit, sondern der Rückzug vor der Zumutung des Entscheidens. Man entzieht sich der Verantwortung, delegiert das Urteilen an Verfahren, an Gruppen, an die richtige Seite. Heute zeigt sich Acedia oft in Formen, die vor dem Ernst der Lage schützen, etwa gängig als Zynismus oder als ironische Distanz.
Zorn – der Kurzschluss vom Affekt zur Handlung. Urteil wird durch Reaktion ersetzt. In digitalen Öffentlichkeiten ist Zorn zur Beschleunigungskraft geworden: Empörung erzeugt Sichtbarkeit – die Währung der sozialen Medien.
Hochmut – die moralische Selbstimmunisierung. Nicht die klassische Eitelkeit, sondern die Verwechslung von Überzeugung mit Überlegenheit. Wer hochmütig ist, erlebt Kritik als Angriff auf die eigene Integrität, nicht als Einladung zur Prüfung seiner selbst.
Diese „Sünden“ sind keine Verdammungsurteile. Sie gleichen Warnlampen, die anzeigen, wo das Denken lästig wird und die ersehnte Entlastung beginnt.
Die Freunde und Kollegen handelten vermutlich aus einer Mischung von Acedia (es war zu schwer, auszuhalten) und einer Art defensivem Hochmut (wir hätten das kommen sehen, wir hätten anders gehandelt).
VII. Was sich entgegensetzen lässt #
Was lässt sich dem entgegensetzen? Nicht viel – aber auch nicht nichts.
Man kann bei sich selbst anfangen: den Impuls bemerken, bevor er zum Satz wird. Welche Entlastung suche ich gerade? Was würde ich unterschreiben? Solche Fragen unterbrechen den Automatismus – nicht immer, aber manchmal.
Man kann bei der Sprache anfangen:
Täter und Opfer strikt trennen. Ein körperlicher, bewaffneter Angriff ist Täterschuld. Punkt. Jede Diskussion über Mitverantwortung des Opfers ist keine Klärung, sondern bereits eine Form der Schuldverschiebung.
Und: Die Beweislast umkehren. Wer Mitschuld andeutet, muss konkret werden: Welche Handlung? Welcher Zusammenhang? Welche Evidenz? Die vage Andeutung (Da wird schon was dran sein) ist keine Analyse, sondern ein Symptom.
Man kann vielleicht praktisch anfangen, auch wenn den Umfang des Engagements jeder persönlich für sich abwägen muss: Solidarität muss nicht heroisch sein. Manchmal genügt es, dabei zu sein, zuzuhören, Fakten festzuhalten. Das ist wenig – aber es verhindert Isolation. Unser „Fall“ verlor ihre Freunde. Diese „verschwanden“ oft einfach, ohne Erklärung. Schon bloße Anwesenheit ohne Schuldzuweisung wäre viel gewesen.
VIII. Benennung ist der Anfang #
Das Mediokre ist nicht Dummheit und nicht schon Bosheit. Es ist zunächst nur die Weigerung, die Zumutung des Urteilens und dann des entsprechenden Handelns auf sich zu nehmen. Es ist der Tausch von Wahrheit gegen Ruhe, von Verantwortung gegen Mitläufertum, von Nachdenken gegen Reflex.
Dieser Tausch geschieht nicht nur im Privaten. Er wird in Institutionen zur Routine und in Gesellschaften zur Gefahr. Aber er beginnt hier: bei der einzelnen Reaktion, beim einzelnen Satz, bei der leisen Andeutung, die niemand zu Ende denkt.
Robert Musil, Hannah Arendt (und andere) haben gezeigt, dass Benennung den Schrecken bannt. Doch Benennung ist nur ein Anfang. Was folgt, ist Praxis: die tägliche, kleine, oft unbemerkte Entscheidung, nicht in den Modus der Entlastung zu geraten.
Es fehlt nicht an Moral, könnte man sagen, sondern an der Bereitschaft, sie sich ernsthaft zuzumuten.
Im Privaten ist das ein Reflex. In Institutionen wird es zum Verfahren. Davon handelt der nächste Teil.
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Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wurden identifizierende Details (Bezeichnungen, einzelne Umstände) verändert. Ablauf, Struktur und argumentative Pointe sind unverändert. ↩︎
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In: Gesammelte Werke. Hg. von Adolf Frisé. Bd. 8: Essays und Reden, Hamburg: Rowohlt, 1978, S. 789–803. ↩︎
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Der Gerechte-Welt-Glaube (just-world belief) geht auf den Sozialpsychologen Melvin J. Lerner zurück, der das Phänomen ab den 1960er Jahren systematisch untersuchte. Lerner zeigte in Experimenten, dass Versuchspersonen Opfer von Unrecht abwerteten – selbst wenn das Leid offensichtlich unverschuldet war. Er deutete dies als fundamentales Bedürfnis, die Welt als vorhersehbar und kontrollierbar zu erleben: Wer glaubt, dass Menschen bekommen, was sie verdienen, kann sich durch eigenes Wohlverhalten geschützt fühlen. Wird dieser Glaube erschüttert, entsteht kognitive Dissonanz, die häufig durch Abwertung des Opfers aufgelöst wird. (Vgl. Melvin J. Lerner: The Belief in a Just World. A Fundamental Delusion, New York 1980.) ↩︎
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Die defensive attribution ergänzt den Gerechte-Welt-Mechanismus um eine selbstbezogene Komponente: Je ähnlicher mir das Opfer erscheint (und je stärker ich mich involviert fühle), desto größer das Bedürfnis, Distanz herzustellen – etwa über die Zuschreibung von (Mit-)Verantwortung –, um die bedrohliche Möglichkeit abzuwehren, selbst Opfer werden zu können. Vgl. Kelly G. Shaver: “Defensive attribution: Effects of severity and relevance on the responsibility assigned for an accident.” Journal of Personality and Social Psychology 14 (2) (1970), 101–113. DOI: 10.1037/h0028777. ↩︎
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Zur Evidenzlage vgl. Jerry M. Burger: “Motivational biases in the attribution of responsibility for an accident: A meta-analysis of the defensive-attribution hypothesis.” Psychological Bulletin 90 (3) (1981), 496–512. DOI: 10.1037/0033-2909.90.3.496. Burger zeigt, dass einfache Haupteffekte (z.B. „je schwerer der Unfall, desto mehr Schuldzuweisung“) insgesamt eher schwach bzw. inkonsistent ausfallen, während die von der Theorie erwarteten Interaktionen – insbesondere Schwere × (personale/situative) Ähnlichkeit – deutlich konsistenter in Richtung defensiver Zuschreibungsmuster weisen; zugleich markiert er Grenzen und konkurrierende, nicht-motivationale Erklärungen. ↩︎
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Arendt schreibt Mary McCarthy am 23. Juni 1964, sie habe Eichmann in Jerusalem „in a curious state of euphoria“ geschrieben und sei seitdem „light-hearted about the whole matter“: Hannah Arendt/Mary McCarthy, Between Friends: The Correspondence of Hannah Arendt and Mary McCarthy, 1949–1975, hg. Carol Brightman, 1st ed., New York: Harcourt Brace, 1995, S. 167. – Den Ausdruck „cura posterior“ verwendet Arendt in einem Brief an Meier Cronemeyer vom 18. Juli 1963 („Das Schreiben war mir damals eine cura posterior“); Kontext und Nachweis der Briefstelle bei Jerome Kohn, „Evil: The Crime against Humanity“, Library of Congress (Hannah Arendt Papers). ↩︎
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Vgl. DWDS, https://www.dwds.de/wb/banal; außerdem Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Stichwort „banal“. ↩︎