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Teil 3: Wenn die zivilisatorische Kühlung versagt

··1793 Wörter·9 min
Inhaltsverzeichnis

I. Die Symmetrisierung
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„Die Ukraine trägt Mitschuld am Krieg."

Diesen Satz hört man immer wieder. Hartnäckig und von mehr Leuten, als man denken möchte und als mir persönlich lieb wäre.

Manchmal wird er offen ausgesprochen; des Öfteren klingt er nur an: „Die NATO-Osterweiterung hat Russland provoziert." „Die Ukraine hätte verhandeln sollen." „Beide Seiten haben Fehler gemacht."

Es soll ausgewogen klingen. Differenziert. Überlegt.

Das ist aber nicht der Fall.

Es zeigt sich vielmehr derselbe Mechanismus wie im Fall der Gesundheitsarbeiterin und im Fall des Lehrers, nur in größerem Maßstab – und diejenigen, die sich aus der Affäre ziehen möchten, sind nicht unmittelbar involviert. Sie beobachten das Geschehen, aus scheinbar sicherer Entfernung.

Letzteres zu erhalten ist auch der heimliche Zweck ihrer „Überlegungen“. Indem sie abwiegeln, schaffen sie die Distanz, die groß genug erscheint, um nicht mehr im Arendtschen Sinn hinsehn zu müssen. Sie wollen auf keinen Fall hineingezogen werden; sie wollen keine Bilder im Kopf von Massakern, Elend und Leid – und dabei denken müssen, dass vielleicht sie selbst aktiv werden sollten, um das zu stoppen.

Dabei ist die Sache klar: Ein Land wird angegriffen – mit allem, was heute im konventionellen Krieg aufzubieten ist; und mehr: Mit dem Einsatz atomarer Waffen wird mehrfach gedroht.

Der Verursacher steht fest und ist bekannt. Die einseitige Aggression vollzieht sich vor den Augen der Welt; fast alles wird dokumentiert. Auch, dass weder die Soldaten des Angreifers geschont werden – es soll seit 2022 nach westlichen/NATO-Schätzungen bislang weit über 1 Million russische casualties (getötet oder verwundet) gegeben haben;1 noch dass die Zivilbevölkerung des angegriffenen Landes massiv unter Feuer genommen wird. Sogar Kinder – man spricht derweil von mehr als 20.0002 – werden misshandelt, verbracht und in Waisenhäusern „umerzogen“, bevor sie zur Adoption freigegeben werden.

Der Krieg dauert mittlerweile lange genug, dass internationale Rechtsinstanzen Stellung bezogen und sich festgelegt haben: Der IGH hat Russland 2022 im Eilverfahren zur Aussetzung der militärischen Operationen aufgefordert; der IStGH hat Haftbefehle wegen der unrechtmäßigen Deportation/Verbringung ukrainischer Kinder erlassen; die UN-Generalversammlung hat die Aggression verurteilt und den Rückzug gefordert.3

Und dennoch: Der Verdacht bleibt. Das Opfer könnte mitverantwortlich sein.

Wieder die Frage: Wieso? Entgegen allen Evidenzen?

II. Von Erklärung zu Zurechnung
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Natürlich gibt es eine Vorgeschichte. NATO-Erweiterung, Minsk-Abkommen, Sicherheitsarchitektur, russische Imperiumsvorstellungen. All das lässt sich diskutieren und gehört auch diskutiert. Es gehört zum Kontext.

Aber Kontext ist nicht Zurechnung. Die Frage „Warum griff Russland die Ukraine an?" ist legitim, während die Antwort „Weil die Ukraine…" es nicht ist.

„Beide Seiten haben Fehler gemacht." Das klingt ausgewogen, ist es aber nicht. Es macht aus einer Täter-Opfer-Konstellation einen Konflikt zwischen zwei gleich verantwortlichen Parteien. Das verwandelt Erklärung in Rechtfertigung – erwartet auch und besonders vom Opfer.

Dahinter steht derselbe Selbsttäuschungstrick wie in den Fällen der Gesundheitsarbeiterin oder des Lehrers: Man nimmt oder unterstellt eine Ursachenkette und leitet daraus Mitverantwortung zu Lasten der unschuldigen Seite ab. Man projiziert einen „Sündenbock“.

Das ist bequem. Es entlastet. Man muss nicht ernsthaft urteilen, nicht ernsthaft Stellung beziehen, nicht ernsthaft handeln.

Das ist im Großen wie zuvor im Kleineren – medioker.

III. Warum Symmetrisierung so attraktiv ist
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Ich erinnere an Teil I dieser Trilogie und die beschriebenen sozialpsychologischen Mechanismen, übertragen auf die politische Ebene:

Just-world. Wenn ein Land angegriffen werden kann, ohne etwas getan zu haben, stellt das die Weltordnung in Frage. Daher, so schlussfolgert man eilfertig, muss die Ukraine etwas getan haben und Schuld auf sich geladen haben. Et voilà: Dadurch wird die Welt wieder verstehbar.

Defensive Attribution. Je näher uns das Opfer ist – geografisch, kulturell, politisch –, desto größer das Bedürfnis, Distanz zu schaffen. „Denen ist das passiert, weil sie Fehler gemacht haben. Uns passiert das nicht, weil wir umsichtiger sind. Außerdem: Sollen sie erst einmal die Korruption in ihrem Land in den Griff kriegen."

Entlastung. Stellung zu beziehen kostet: politisch, ökonomisch, sozial, psychisch. Wer „beide Seiten" sagt, mindert diese Kosten. Neutralität wird zum Schutzraum; Distanzierung zur Seelenhygiene.

Aber: Neutralität funktioniert nur aus der Distanz; direkter Aggression gegenüber tut sie es nicht. Wird man angegriffen, muss man reagieren.

Um so mehr wird nach Möglichkeiten der Distanzierung gesucht. Das Völkerrecht bietet diese scheinbar, weil es für die meisten ein noch abstrakterer, abseitigerer Rechtsbereich ist als das gewöhnliche Recht. Und dennoch: Die unverhohlene Verhöhnung des Völkerrechts ist nicht hinnehmbar. Zivilisierte Staaten müssen darauf reagieren.

Wer deshalb Neutralität für sich in Anspruch nimmt, sagt in Wahrheit: „Ich bin raus. Ich beobachte nur und habe ansonsten nichts damit zu tun." Und das läuft klar auf Parteinahme hinaus – und zwar für den Täter.

Im ersten Text zeigte ich, wie Einzelne sich Entlastung verschaffen, indem sie Opfer in Täter umdefinieren. Im zweiten, wie Apparate sich sogar unter Missachtung vorgeschriebener Verfahren auf Biegen und Brechen selbst stabilisieren, indem sie ebenfalls jemand Schwächeren kurzerhand zum Täter erklären.

Auf der dritten Stufen legen ganze Staaten dieses Verhalten an den Tag, unter breiter Zustimmung der Bürger. Man tauscht lieber Wahrheit gegen Stabilität als sich der Realität zu stellen. Es entsteht ein Klima, in dem Opfer im großen Stil erzeugt werden. „Gebt doch den Russen, was sie wollen! Was geht es uns an? Dann ist Ruhe.“

Der Gegenstandsrutsch erreicht neue Dimensionen. Narrative statt das Pochen auf Regeln und Fainess bestimmen die politische Landschaft. Parteiübergreifend bildet sich in dieser Frage sozusagen eine Koalition der Selbstentlastung.

Das kostet scheinbar am wenigsten.

IV. Zivilisation als Kühlung – und ihre Grenzen
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Ich habe an anderer Stelle geschrieben, dass man Zivilisation als den Versuch sehen könnte, über brodelndem, beunruhigend chaotischem, unverständlich-komplexem Geschehen ein wenigstens dünnes, aber immerhin tragendes Eis aufzubauen, auf dem sich alle mehr oder weniger sicher bewegen können, auch und gerade die Schwächeren. Ordnung, Gesetze, Regeln, Institutionen tragen zur notwendigen Abkühlung einer ansonsten unkontrollierbar aufkochenden Entwicklung bei. „Heiße" Impulse: Angst, Zorn, Machtstreben, Aggression, Stammeslogik werden gebändigt und eingehegt durch Recht, Verfahren, Gewaltenteilung, Bildung. Sogar die Starken profitieren davon, da auch sie ohne Eisschicht gleichsam in den Wirbel gerieten. Selbst sie hätten den entfesselten Kräften nichts mehr entgegenzusetzen.

Aber Kühlung kostet. Und sie versagt, wenn eine Gesellschaft die Zumutung des Hinsehens und des eigenen Urteilens nicht mehr in ganzer Breite annimmt. Wenn es anscheinend zu anstrengend wird, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Wenn die Emotionen hochkochen und Vernunft verdampft. Wenn verfügbare Energie auf die einfachen Lösungen gerichtet wird – gierig eher nach Erlösung als nach Lösungen.

Robert Musils Beschreibung macht das deutlich. Eindrücklich zeigt er die Verfallssymptome der europäischen Zivilisation kurz nach 1900 und trifft auch heute noch, ein Jahrhundert später, damit ins Schwarze:

“ (…) der Umfang, den die Katastrophe sofort annahm. Dieses plötzliche, ungeheure Umsichfressen des Feuers erscheint nur möglich, wo alles vorbereitet war und sich nach Erdbeben, Feuersbrunst und Gefühlsstürmen sehnte; wer den Ausbruch des Kriegs in voller Stärke erlebt hat, versteht ihn als die Flucht vor dem Frieden.“4

Es scheint fast wieder so weit. Mediokrität, welche im Zwischenmenschlichen (Teil 1) beginnt, hat schon die Apparate erreicht (Teil 2). Nun weichen schon (wieder) ganze Nationen der wachsenden, fordernden Komplexität aus. Der Ruf nach dem Einfachen – nach einem Feind, einem Führer, einer Lösung – wird lauter.

Die Symptome sind unübersehbar:

Erstens: Gerichte, Medien, Wissenschaft werden pauschal für parteiisch erklärt. Delegitimierung als Prinzip wird bestimmend. Es findet ein Gegenstandsrutsch im Großen statt.

Zweitens: Härte, ohne Anwendung rechtsstaatlicher Kriterien, wird hoffähig. „Hauptsache, es trifft die Richtigen." Wieder übernimmt Empörung die Funktion, welche dem Recht zustände. Man einigt sich darauf, wen man opfern darf. Und schaut dann weg.

Drittens: Einschüchterung, Drohung, Hetze werden alltäglich. Online wie offline. Und wieder: Empörung, Stimmungen setzen sich an die Stelle sachgemäßen Urteilens.

Die Todsünde des Zornes übernimmt die Gemüter. Das zivilisatorische Eis schmilzt gerade, scheint es.

V. Woher kommt die Angst vor Komplexität?
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Menschen sind schlecht ausgestattet für das, was die moderne Welt verlangt. Weder überblicken sie lange Zeithorizonte noch begreifen sie ohne weiteres exponentielle Dynamiken oder globale Verflechtungen. Sie sind gemacht für Gesichter, nicht für Strukturen; für Kausalitäten, nicht für nichtlineare Systeme. Sie kennen ihre Nachbarn, aber überblicken nicht die Welt.

Wenn die Welt zu komplex wird, rückt die zuweilen sehr mühsame Verstehensarbeit in den Hintergrund; und die Frage, wer schuld sei, nach vorn.

Bezogen auf die Todsünden: Das ist Acedia – als gesellschaftlicher Zustand. Ermüdung durch Komplexität verführt zum Rückzug ins Einfache.

Und das Einfachste ist immer: ein Schuldiger.

VI. Die Grenze
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Was im Privaten als Reflex beginnt (Opfer zu Täter), im Apparat als Verfahren endet (Lehrer als Betriebsstörer), wird in der Politik zur Methode (Überhebung der eigenen Gruppe; Personalisierung der Macht).

Der Mechanismus ist derselbe. Nur die Skalierung wechselt.

Eine Gesellschaft wird nicht zuerst ungerecht. Sie wird zuerst gedankenlos. Sie wird nicht grausam, bevor sie nicht müde, kraftlos, kleingeistig wurde.

Mediokrität ist der Anfang des Bösen.

Arendt hat gezeigt: Benennung bannt den Schrecken. Aber die Übel zu benennen, reicht nicht. Zivilisatorische Ordnung und Reflexion, welche keine Rücksicht auf kleine Ichs nehmen, sind vonnöten.

Nicht Moral rettet Gesellschaften, sondern Strukturen, die den Gegenstandsrutsch verhindern; Kriterien, die Empörung in Prüfung übersetzen; Verfahren, die Macht an Verantwortung binden.

Und: Menschen, die nicht aufhören, hinszusehn (Arendt), die Begriff und Emotionen versöhnen (Robert Musil) und mündig (Immanuel Kant) zu handeln immerfort sich bemühen.


  1. Alle Websites abgerufen am 26.01.2026: NATO-Schätzung: Mark Rutte, Keynote in Berlin (MSC in Berlin), 11.12.2025: „over 1.1 million Russian casualties … killed or wounded“; außerdem „on average 1,200 troops a day“ im Jahr 2025. Transkript bei NATO. – Noch eine aktuelle journalistische Einordnung, vgl. Financial Times vom 26.01.2026, „War in Ukraine. In Ukraine, it’s all about the land. Trilateral peace talks seem promising, but territory remains a major obstacle“ by Gideon Rachman: “There is no obvious way around this impasse. There would probably have to be a major shift on the battlefield to force a change in thinking in Moscow or Kyiv. The current assessment by western security officials is that Russia is taking staggering losses in the conflict. It is said that the Russian military sustained 30,000 casualties (killed and wounded) in December alone — with the Ukrainians losing just one soldier for every 25 Russian casualties. These casualty rates are attributed to Ukraine’s increasing skill in drone warfare and to Russia’s “meat-grinder” assaults — which pay little regard to the loss of human life.” ↩︎

  2. Überblick und Einordnung (inkl. Zahlennennung als ukrainische Erhebung, sowie rechtlicher Rahmen): Europäisches Parlament, EPRS Briefing „Russia’s war on Ukraine: Forcibly displaced Ukrainian children“ (EPRS_BRI(2023)747093). – Rechtlicher Primäranker: ICC „Situation in Ukraine“, Haftbefehle vom 17.03.2023 wegen u.a. „unlawful deportation/transfer (children)“ Siehe https://www.europarl.europa.eu/thinktank/en/document/EPRS_BRI%282023%29747093, abgerufen am 26.01.2026. – Vgl. u.a. auch https://www.deutschlandfunk.de/ukraine-kinder-verschleppt-russland-100.html, Ebenso wie bei den Zahlen zu Toten und Verwundeten gibt es keine gesicherten unabhängigen, wohl aber vertrauenswürdige Quellen. ↩︎

  3. Vgl. https://reliefweb.int/report/ukraine/situation-ukraine-icc-judges-issue-arrest-warrants-against-vladimir-vladimirovich-putin-and-maria-alekseyevna-lvova-belova; https://www.icj-cij.org/node/106135, https://docs.un.org/en/A/RES/ES-11/1, abgerufen am 26.01.2026 ↩︎

  4. In seinem Essay Das hilflose Europa oder Reise vom Hundertsten ins Tausendste von 1922, in: Gesammelte Werke. Hg. von Adolf Frisé. Bd. 8: Essays und Reden, Hamburg: Rowohlt, 1978, S. 789–803, reflektiert Musil auf die umstürzende Erfahrung des Ersten Weltkriegs. ↩︎