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Wasserspiel II - (Nicht nur) für Freunde der Theorie

··1549 Wörter·8 min
Inhaltsverzeichnis

Ausgangslage
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Nehmen wir an, zwei repräsentative Wassernutzer – A und B – stehen jeweils vor derselben Entscheidung:

  • sparen
  • nicht-sparen

„Nicht-Sparen“ bezeichnet ausdrücklich nur die Strategie im spieltheoretischen Sinn, den eigenen Verbrauch nicht einzuschränken. Es ist nicht moralisch gemeint.

Weiterhin werden für alle möglichen Ergebnisse Auszahlungen angesetzt. Je höher die Zahl, desto günstiger ist das Ergebnis für den jeweiligen Spieler. Wichtig ist: In einer spieltheoretischen Matrix sind 4, 3, 2, 1 keine empirisch ermittelten Nutzenwerte. Sie sollen zunächst nur eine Ordnung ausdrücken: 4 > 3 > 2 > 1 – also die Rangfolge der Ergebnisse, aus Sicht der Spieler.

Daher:

  • 4: Am günstigsten ist es für einen Spieler, selbst nicht zu sparen, während der andere spart: Er behält den vollen privaten Nutzen seines Wasserverbrauchs und profitiert zugleich von der Einsparung des anderen.

  • 3: Wenn beide sparen, nimmt jeder eine gewisse Einschränkung in Kauf, zugleich wird aber die gemeinsame Wasserversorgung wirksam entlastet.

  • 2: Wenn niemand spart, ersparen sich beide zunächst die eigene Einschränkung, die gemeinsame Knappheit verschärft sich jedoch.

  • 1: Am ungünstigsten ist es für einen Spieler, allein zu sparen, während der andere nicht spart: Er trägt die Einschränkung, ohne dass das gemeinsame Problem dadurch ausreichend gelöst wird.

Das Modell vereinfacht die Wirklichkeit daher stark. Diese Vereinfachung soll die strategische Struktur eines Sparappells sichtbar machen.

  • Es unterstellt zunächst, dass Wassersparen für den Einzelnen mit einem (kleineren) privaten Nachteil verbunden ist – etwa mit weniger Komfort oder zusätzlichem Aufwand –, während der Nutzen der Einsparung allen zugutekommt.
  • Zugleich wird angenommen, dass der Beitrag eines einzelnen Nutzers für sich genommen die Wasserknappheit nicht beseitigt.
  • Moralische Motive, soziale Anerkennung, verbindliche Regeln, Preise oder Sanktionen lasse ich hier außer Betracht.

Bringen wir nun diese Ausgangssituation in eine 2x2-Spielmatrix:

B spart B spart nicht
A spart 3 / 3 1 / 4
A spart nicht 4 / 1 2 / 2

Anmerkung: Die erste Zahl bezeichnet jeweils die Auszahlung für A („Zeilenspieler“), die zweite die für B („Spaltenspieler“).

Zu lesen wäre das folgendermaßen:

  • Sparen beide, bleibt die Wasserversorgung stabil. Entsprechend gestalten sich die Auszahlungen: 3 / 3.
  • Einer spart, der andere nicht: Der Nicht-Sparer erhält den privaten Nutzen seines Verbrauchs: 4, während der Sparer die Einschränkung trägt: 1.
  • Sparen beide nicht, muss zunächst niemand die Kosten des Sparens tragen, aber die gemeinsame Wasserknappheit verschärft sich: 2 / 2.

Was tun?
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Stellen Sie sich vor, Sie seien Spieler A.

Wenn B spart, haben Sie die Wahl:

  • Sie sparen ebenfalls: 3
  • Sie sparen nicht: 4

-> Nicht zu sparen ist für Sie günstiger.

Wenn dagegen B nicht spart:

  • Sie sparen: 1
  • Sie sparen ebenfalls nicht: 2

-> Wieder ist Nicht-Sparen günstiger.

Ganz gleich also, was Ihr Gegenspieler B tut: Für Sie als A ist „nicht sparen“ die individuell vorteilhaftere Strategie.

Für B gilt umgekehrt dasselbe.

Ein Gleichgewicht – aber kein gutes
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Damit landen beide Spieler bei:

B spart nicht
A spart nicht 2 / 2

Das ist kein Zufall, sondern ein Nash-Gleichgewicht.

Ein Zustand also, in dem keiner der Beteiligten sein Ergebnis verbessern kann, indem er allein seine Strategie ändert.

Wenn beide nicht sparen, könnte A zwar anfangen zu sparen. Sein Ergebnis würde sich dadurch aber von 2 auf 1 verschlechtern. Also hat A keinen Grund, sein Verhalten zu ändern.

Dasselbe gilt für B.

Und dennoch stellten sich beide mit

sparen / sparen = 3 / 3

besser als mit dem individuell rationalen

nicht-sparen / nicht-sparen = 2 / 2.

Spieltheoretisch entspricht das dem Typ Gefangenendilemma. Kooperation wäre für beide besser, aber individuell rationale Entscheidungen verhindern sie unter diesen Modellbedingungen.

Für jeden Einzelnen ist „Nicht-Sparen“ unabhängig vom Verhalten des anderen die günstigere – genauer: die dominante – Strategie. Beide handeln damit individuell rational und erzeugen gerade dadurch ein für beide schlechteres Ergebnis.

Die Pointe für das wahre Leben:

Was für jeden Einzelnen unter diesen Modellbedingungen vernünftig ist, kann sich für alle gemeinsam fatal auswirken. Allerdings: Im wirklichen Leben ist man diesem Ergebnis nicht ausgeliefert. Viele Bedingungen sind kein Schicksal; sie können gestaltet und zielführend angepasst werden. Die „Spieler“ können kommunizieren, Regeln vereinbaren und ihr Verhalten wiederholt aufeinander abstimmen.

Es sei noch einmal betont: Es handelt sich um ein stilisiertes Gemeingutproblem. Es wird nicht behauptet, dass die tatsächliche Wassernutzung genau dieser Matrix folgt. Ich möchte lediglich verdeutlichen, welche strategische Struktur unter bestimmten Annahmen entsteht.

Was bewirkt „Bitte sparen Sie Wasser!“?
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In unserem bisherigen Modell zunächst nichts. Der bloße Appell verändert die Spielstruktur nicht. Und diese führt dazu, dass sowohl von A als auch von B verlangt wird, freiwillig die ungünstigere Strategie zu wählen.

Solange Sparer nicht erfahren,

  • ob die anderen ebenfalls sparen,
  • wie viel sie verbrauchen,
  • ob große Verbraucher ebenfalls einbezogen werden,
  • wie viel insgesamt eingespart werden muss,
  • und ob ihr eigener Beitrag überhaupt einen erheblichen Unterschied macht,

wird es auch so bleiben. In einer Gefangenendilemma-Struktur gibt es nur dieses eine individuell rationale, aber kollektiv schädliche Nash-Gleichgewicht.

Die Frage

Warum sollte gerade ich sparen, wenn ich nicht weiß, ob die anderen es ebenfalls tun?

ist somit kein Ausdruck von Egoismus.

Achtung, Spieländerung nötig!
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Wenn bloße Appelle eine Anreizstruktur unverändert lassen, in der Nicht-Sparen individuell vorteilhafter ist, sollte man zielführendere Maßnahmen ins Auge fassen. Und das Ziel liegt unstreitig in Richtung nachhaltiger Wassernutzung.

Im wirklichen Leben kann man, wenn man Fehler erkennt, adaptiv vorgehen. Man ändert die Spielbedingungen!

Kommunalpolitik müsste, um das eigentliche, von allen wünschbare Ziel zu erreichen, deshalb mehr tun, als lediglich moralische Appelle loszulassen. Sie müsste die Anreizstruktur so verändern, dass gemeinsames Sparen gegenüber einseitigem Nicht-Sparen an Attraktivität gewinnt.

Spieltheoretisch abstrahiert beispielsweise so ausgedrückt:

B spart B spart nicht
A spart 4 / 4 1 / 3
A spart nicht 3 / 1 2 / 2

Nun hätten wir eine andere Situation:

Wenn B spart, hat A die Wahl:

  • A spart ebenfalls: 4
  • A spart nicht: 3

Und vice versa.

In dieser Struktur gibt es nun zwei Nash-Gleichgewichte in reinen Strategien:

  1. beide sparen
  2. beide sparen nicht

Das Gefangenendilemma ist damit in ein Koordinationsproblem transformiert. Genauer: in ein Spiel vom Typ „Hirschjagd“. Und das heißt: Jetzt kommt es darauf an, welches der beiden Gleichgewichte die Beteiligten erwarten können und sollten, damit sie ihr Verhalten daraufhin koordinieren. Für jeden Spieler wird Sparen rational, wenn er erwarten kann, dass auch der andere spart.

Kurz: Wenn A erwarten kann, dass B spart, lohnt es sich für ihn zu sparen. Erwartet A dagegen, dass B nicht spart, erscheint es weiterhin vernünftig, ebenfalls nicht zu sparen.

Wo kann Politik ansetzen?
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Politik übernimmt damit eine institutionelle Rolle zwischen den Spielern: Sie gestaltet (abgestimmte, der Lage angemessene) Regeln und muss dafür sorgen, dass deren Anwendung glaubwürdig und vorhersehbar ist.

Die leitende Frage lautet somit: Wie können sowohl die Auszahlungen als auch die Erwartungen so verändert werden, dass Sparen für jeden zur besten Antwort auf das erwartete Sparen der anderen wird – und dieses gemeinsame Sparen glaubwürdig erwartet werden kann?

Antwort:

  • Politik kann zum einen Regeln und Anreize so verändern, dass gemeinsames Sparen attraktiver wird.
  • Zum anderen kann sie – das ist der kniffligere Teil – die Erwartungen aller Beteiligten entsprechend lenken.

Konkret könnte man sich das Drehen an folgenden Stellschrauben vorstellen:

  • Information: Wer verbraucht wie viel?
  • Transparenz: Welche Nutzergruppen tragen zur Knappheit bei?
  • Ziele: Oberziel: Nachhaltige Nutzung. Aktuelles Ziel: Wie viel muss derzeit eingespart werden?
  • Kriterien: Wo kann Wasser mit möglichst geringen Einschränkungen eingespart werden? (Unnötige Verschwendung identifizieren.)
  • Fairness: Werden alle relevanten Nutzergruppen angemessen einbezogen und belastet?
  • Rückmeldung: Wird (dynamisch) sichtbar, ob das gemeinsame Sparen tatsächlich wie erhofft wirkt?

(Siehe dazu auch hier; oder da: dem zeitlich ersten, längeren Text dazu, zu dem der Sparaufruf der Gemeinde mich angeregt hatte.)

Die Botschaft lautet nicht mehr bloß:

Spare, wenn und weil du ein guter Mensch sein willst.

Sondern:

Wir haben ein gemeinsames Problem. Wir wissen, worin es besteht. Wir kennen die Größenordnungen. Für alle gelten nachvollziehbare Kriterien. Jeder leistet einen angemessenen Beitrag – und wir können gemeinsam überprüfen, ob es funktioniert und dynamisch, der jeweiligen Lage angepasst nachjustieren.

Die beste Antwort wäre dann: Kooperation! Wenn jeder vernünftigerweise erwarten kann, dass die anderen kooperieren, wird Kooperation für jeden zur besten Antwort.

Ein gemeinsames Projekt
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Moralisierende Appelle allein sind keine verlässliche Strategie. Sie verändern eine problematische Anreizstruktur nicht und können deshalb Kooperation nicht sicherstellen.

Um das aufzubrechen, sollte es allen darum gehen,

die Wassernutzung nachhaltig zu gestalten, indem Klarheit über die Lage geschaffen, unnötige Wasserentnahmen identifiziert und mit möglichst geringem Aufwand eingedämmt oder beseitigt werden.

Damit kommt der Gemeinde eine Rolle als Regelsetzerin und Schiedsrichterin zu. Die Einhaltung von Regeln, die von allen gemeinsam getragen werden, muss von ihr überwacht werden. Wo Regeln, Anreize oder Sanktionen vorgesehen sind, müssen sie verlässlich und nach nachvollziehbaren Kriterien angewendet werden. Darauf müssen sich alle Beteiligten verlassen können.

Alle „Spieler“ sollen ein Spielfeld vorfinden, auf dem alle sich zum Nutzen aller am Lebenselixier „Wasser“ erfreuen. Alle gewönnen.


Um kurz noch einmal auf den Anlass dieser Überlegungen zurückzukommen:

Ein gefülltes Planschbecken oder erst recht ein größerer Pool ist sichtbar. Deshalb müssen diese aber noch lange nicht das größte Problem sein.

Ein Leck im Leitungsnetz ist unsichtbar. Welche Verluste es bewirkt, muss man herausfinden. Sie könnten bedeutend sein.

Ein landwirtschaftlicher oder gewerblicher Verbrauch kann sehr hoch sein. Deshalb muss er noch keine Verschwendung darstellen.

Es geht also nicht um Schuldzuweisungen.

Es geht darum, das Spiel im Sinne der nachhaltigen Wassernutzung vernünftig zu organisieren. Dazu ist Kooperation nötig.

Aus „Bitte spart!“ muss „Wir lösen dieses Problem gemeinsam!“ werden.