Stellen Sie sich ein verborgenes Reservoir vor, dessen Füllstand niemand sieht. Die Aufseher rufen: „Sparen!“, doch an den Wasserhähnen genehmigen sich die Verbraucher völlig unterschiedliche Mengen.
In diesem Wasserspiel gewinnt man am besten gemeinsam – doch solange keiner weiß, wie tief das Becken ist oder wie viel der andere schöpft, wird jeder zum Skeptiker. Wer möchte schon „der Dumme“ sein, der seinen Garten vertrocknen lässt oder den Kindern das Plantschbecken vorenthält, während er ahnt oder vermutet, dass an anderer Stelle das Wasser verschwendet wird?
Genau das erlebt Prem im August 2026: Der Notverbund mit Steingaden ist aktiv, die Gemeindeverwaltung bittet um Zurückhaltung – ohne weitere Informationen.
Da keiner weiß, wie umfassend das Reservoir ist oder wer wie viel entnimmt, ist es gewissermaßen „rational“, so viel wie möglich für sich zu sichern, bevor es leer ist.
Funktionierende Lösungen für dieses Problem basieren deshalb nicht auf moralischen Appellen, sondern auf radikaler Sichtbarkeit, die unsolidarisches Verhalten „teuer“ macht. Es gibt dafür historische Beispiele in größerem Maßstab:
- In Südtirol regelten die Waalordnungen die Verteilung durch offene Kanäle – jeder Diebstahl war sofort für alle sichtbar. Das gilt noch heute.
- Auf Bali koordinieren Subaks den Wasserfluss so, dass die Gemeinschaft den individuellen Eigennutz durch soziale Kontrolle begrenzt.
Was diese historischen Lösungen eint, hat die Ökonomin Elinor Ostrom – dafür mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet – als allgemeines Muster beschrieben: Gemeingüter lassen sich weder durch Privatisierung noch durch reine Verwaltungsvorschrift zuverlässig bewahren, sondern durch von der Gemeinschaft selbst durchgesetzte, sichtbare Regeln.
Aktuell müssen sich die Bürger der Gemeinde Prem (wie auch anderswo) mit einer Informations-Asymmetrie abfinden. Es braucht Mechanismen, die Verschwendung spürbar teurer machen.
Teil der Lösung könnte daher sein, die Gemeinde als „Schiedsrichter“ auftreten zu lassen, der nicht nur zum Sparen auffordert, sondern Maßstäbe offenlegt und Einhaltung von Regeln einfordert. Wenn klar definiert ist, ab welchem Pegelstand welche Nutzung (Pool vs. Landwirtschaft) Vorrang hat, wird das Gleichgewicht technisch-administrativ stabilisiert, wobei zugleich den Bürgern der Stand der Dinge kommunziert wird, z.B. durch eine „Wasserampel“ (wie in Mühltal) .
Ergänzend und ausführlicher habe ich andernorts – in „Bitte sparen Sie Wasser!“ sowie in Wasserspiel II – darüber nachgedacht, etwa welche Prioritäten dabei gelten könnten oder wie die Sache aus spieltheoretischer Sicht aussieht.
Appelle an den guten Willen verpuffen, solange Verschwendung für den Verursacher kostenlos ist. Ein faires Gleichgewicht entsteht erst, wenn der Nutzen von Übernutzung (der grüne Rasen, der volle Pool, Verschwendung beim Bauer oder im Gewerbe) geringer ist als die persönlichen Kosten dafür.
- Konsequentes Verursacherprinzip: Die Gemeinde zahlt bereits einen Wassercent von 10 Cent pro Kubikmeter an den Freistaat Bayern. Diese Kosten sollten nicht pauschal auf alle Einwohner umgelegt, sondern progressiv nach Verbrauch gestaffelt werden. Ein Grundbedarf, gestaffelt nach Nutzergruppe, bleibt günstig – Luxusverbrauch wird teuer. Problem bei allem ist, Grenzen des Wasserverbrauchs fair festzulegen.
- Transparenz: Ohne eine Wasserbilanz, die zeigt, welche Nutzergruppe wie viel verbraucht, bleibt jede Sanktion blind. Alle Beteiligte müssen darüber einen Überblick bekommen, um gezielt dort ansetzen zu können, wo die größte Schonung der Ressourcen erreicht wird.
Fazit: Wasser wird absehbar zur Mangelressource. Erst wenn Verschwendung nicht mehr durch die Allgemeinheit subventioniert wird, ändert sich das Verhalten; es muss das Verursacherprinzip gelten. Transparenz ist dabei die zwingende Voraussetzung, um Verantwortung dort einzufordern, wo sie tatsächlich liegt. Dabei muss man anerkennen, dass eine datenbasierte Wasserbilanz zwar eine abstraktere, nachträgliche Transparenz bietet als die physische Sichtbarkeit historischer Waale, aber dennoch die unverzichtbare Grundlage für faire Maßstäbe bildet. Dieser Text kann jedoch bloß eine erste Anregung geben; die konkreten Modalitäten müssten in einem kommunalpolitischen Prozess unter Berücksichtigung vorhandener Daten und Gestaltungsressourcen festgelegt werden. Deren Ausgangspunkt ist die Offenlegung der Daten und der daraus abgeleiteten Maßstäbe. Erst wenn Sichtbarkeit und Preis zusammenwirken, hört Sparen auf, eine Frage des guten Willens zu sein.