Neufassung (2026): Wie begegne ich einer Deutung, die ich für unangemessen halte? #
Den Brief „Kleine U-Boote“ habe ich im Mai 2025 geschrieben. Ich lasse ihn stehen, weil er zeigt, wie leicht man einen Fehler, den man kritisiert, selbst begeht. (Dort können Sie auch die Broschüre nachlesen, die mich zur Erwiderung anregte.)
Die Broschüre stellt eine falsche Alternative auf: Entweder seien evolutionäre Mechanismen am Werk oder ein Schöpfergott.
Anstatt diese Alternative abzuräumen, übernahm ich sie und schlug mich nur auf die andere Seite: Ich erhob Wissen über Glauben. Damit habe ich die Alternative zwar zurückgewiesen, meinen Text aber um einen anderen Gegensatz gebaut: Glauben gegen Wissen – als konkurrierten beide um dieselbe Frage, somit die Voraussetzung der Broschüre teilend, nur mit umgekehrtem Ergebnis. Überdies verfiel ich in einen ähnlich missionierenden Ton wie den, den ich im Broschürentext kritisierte.
Das alles kommt mir nicht mehr so klug vor. Hinzu kamen sachliche Ungenauigkeiten. Das passierte ausgerechnet mir, der ich für Genauigkeit werbe.
Ein Artikel von Roger Berkowitz über Hannah Arendt veranlasste mich, den Text einer Revision zu unterziehen. Darin vertritt Berkowitz deren Gedanken, dass Freundschaft wichtiger sei als Einigkeit über die Wahrheit.1 Der aber trägt nur, dachte ich mir bei der Lektüre, wo man sich über die Tatsachen schon einig ist. Was gilt, wenn schon die Tatsachen strittig sind, lässt Berkowitz offen.
In der Neufassung plädiere ich deshalb dafür, zuerst diesen Boden herzustellen – und lade erst dann zum Gespräch ein. Dabei argumentiere ich konsequent säkular. Einen Schöpfergott benötigen wir für den Argumentationsgang nicht.
Das heißt für mich:
- Den Streitpunkt bestimmen. Die Tatsachen, die in der Broschüre beschrieben werden, stimmen. Falsch ist die Behauptung, sie ließen sich nur durch einen Schöpfer erklären.
- Empirische Behauptungen ohne Abfederung bestreiten. Was geprüft und widerlegt ist, nenne ich falsch.
- Nicht-empirische Behauptungen nicht widerlegen wollen. Ob hinter allem ein Schöpfer steht, lässt sich nicht widerlegen. Zeigen lässt sich, dass man ihn zum Erklären nicht braucht.
- Belege statt Beteuerungen. Kein Lob der Wissenschaft, sondern Befunde.
- Die Prüffrage stellen: Was würde Sie umstimmen? Wer darauf nichts nennen kann oder will, dem geht es nicht um Wahrheit.
- Die eigene Position offen nennen, ohne sie zur Bedingung des Gesprächs zu machen.
- Nicht predigen – auch nicht säkular.
Sehr geehrte Verfasserin, sehr geehrter Verfasser des Textes „Kleine U-Boote“, #
Ihre Broschüre lag in meinem Einkaufskorb. Ich antworte auf eine einzige Behauptung darin.
Ihre Beschreibung stimmt: Rote Blutkörperchen bringen Sauerstoff aus der Lunge in den Körper und helfen beim Rücktransport des Kohlendioxids. Das Ungeborene bildet ein eigenes, fetales Hämoglobin, das Sauerstoff fester bindet und ihn so aus dem Blut der Mutter übernehmen kann. In den ersten Lebensmonaten wird es durch das Hämoglobin des Erwachsenen ersetzt.
Falsch ist der Schluss, den Sie daraus ziehen. Sie fragen, ob wir „ernsthaft“ glauben, dieser Mechanismus sei „von alleine – evolutionär“ entstanden.
Die Antwort lautet, anders als Sie erwarten: Ja. Denn wie dieser „Mechanismus“ entstanden ist, ist belegt. Ernsthaft. Man muss hier nichts glauben.
Evolutionär meint übrigens nicht „von alleine“ im Sinne von zufällig. Zufällig sind die Veränderungen im Erbgut (Mutation). Welche davon sich durchsetzen, entscheidet aber nicht der Zufall, sondern ob sie ihren Trägern unter den jeweiligen Bedingungen nützen oder schaden (Selektion). Über sehr viele Generationen entstehen so Strukturen, die wie entworfen wirken, ohne entworfen zu sein.
Insbesondere beim Hämoglobin lässt sich das im Einzelnen zeigen:
- Globine – Eiweiße, die Sauerstoff binden – gibt es in Bakterien, Pflanzen und Tieren. Die Gene für das menschliche Hämoglobin sind durch wiederholte Verdopplung aus gemeinsamen Vorläufern hervorgegangen und haben sich danach auseinanderentwickelt.
- Die Gene für das Hämoglobin des Embryos, des Fetus und des Erwachsenen liegen auf Chromosom 11 nebeneinander, und zwar in der Reihenfolge, in der der Körper sie im Lauf seiner Entwicklung abliest. Das „Umstellen der Produktion“, von dem Sie schreiben, ist eine Genschaltung.2
- Den wichtigsten Schalter, ein Gen namens BCL11A, kennt man inzwischen so genau, dass man ihn gezielt umlegen kann. Seit 2023 ist eine Gentherapie zugelassen, die bei Menschen mit Sichelzellkrankheit das fetale Hämoglobin wieder einschaltet.3
Ihre Behauptung, dieser Mechanismus könne nicht evolutionär entstanden sein, ist damit schlicht falsch. Man weiß, wie er entstanden ist, und kann ihn erklären. Und man kann sogar gezielt in ihn eingreifen.
Auch Ihr Bild vom „genial konstruierten“ Transportschiff hält nicht. Es gibt ein Gas, das diese Schiffe kapern kann: Kohlenmonoxid. Es entsteht, wenn etwas unvollständig verbrennt – in einem schlecht ziehenden Ofen, in einem Holzkohlegrill im geschlossenen Raum, in Autoabgasen. Man riecht und sieht es nicht. Im Hämoglobin besetzt es genau die Stelle, an der sonst der Sauerstoff andockt, und es haftet dort rund zweihundertmal fester. Ein Rechenbeispiel: Enthält die Atemluft nur ein Tausendstel Kohlenmonoxid, ist auf Dauer etwa die Hälfte des Hämoglobins blockiert.4 Die Schiffe fahren weiter, aber ohne Fracht. Die Zellen ersticken, obwohl man atmet. Schon bei diesem Anteil droht Bewusstlosigkeit, bei längerem Einatmen der Tod.
Ein Konstrukteur, der weiß, was er baut und wofür, hätte die Sache mit dem Kohlenmonoxid vorhersehen müssen.
Die Evolution aber sieht nichts voraus. Sie formt nur, was unter den Bedingungen nützt, unter denen sie wirkt – und in der Luft, in der sich das Hämoglobin entwickelt hat, kam Kohlenmonoxid trotz aller Verbrennungsvorgänge in zu geringen Mengen vor, um einen Selektionsdruck zu erzeugen.
Gegen die kleinen Mengen, die der Körper beim Abbau von Blutfarbstoff selbst erzeugt, ist das Hämoglobin gewappnet; gegen einen Ofen nicht. Das ist kein Beweis gegen einen Schöpfer. Aber wer im einzelnen Organ den genialen Konstrukteur erkennen will, muss ihm auch diese Lücke zuschreiben. Die Evolution erklärt sie ohne Zusatzannahme: Sie bringt nicht das Vollkommene hervor, sondern das unter gegebenen Bedingungen hinreichend Brauchbare.
Ihr Argument ist übrigens über zweihundert Jahre alt. 1802 schrieb der englische Theologe William Paley: Wer auf einer Heide eine Uhr findet, schließt auf einen Uhrmacher – und wer ein Auge betrachtet, muss ebenso auf einen Schöpfer schließen.
Einer seiner begeisterten Leser war ein junger Theologiestudent in Cambridge namens Charles Darwin. Paleys Beweisführung habe ihn, schrieb er später, so erfreut wie Euklid.
Paley hatte eine gute Frage gestellt – woher kommt die Zweckmäßigkeit der Lebewesen? – und sie auf seine Weise beantwortet.
Nur: Darwins Theorie der Evolution beantwortete sie sparsamer, nämlich radikal innerweltlich. Es braucht keinen göttlichen Designer. Darwin selbst schrieb später, das alte Argument, wie Paley es gab und wie es ihm einst so schlüssig erschienen sei, versage, seit das Gesetz der natürlichen Auslese entdeckt sei.5
Ihre U-Boote sind Paleys Uhr vergleichbar.
Nebenbei: Die Alternative „Evolution oder Gott“ teilen nicht einmal die großen Kirchen.6 Ich führe das nicht an, weil kirchliche Lehre für mich persönlich ein Argument wäre, sondern weil Ihr Text nahelegt, dass jeder Gläubige sich zwischen beidem entscheiden müsse. Muss er nicht.
Meine eigene Position ahnen Sie vermutlich schon: Ich brauche keinen Schöpfer, um die Welt zu verstehen, und halte den Glauben an ihn für keine relevante Antwort auf die Probleme, die wir haben. Ihr Staunen über die roten Blutkörperchen dagegen teile ich. Etwas erklärt zu haben nimmt ihm keineswegs allen Zauber.
Zweifellos kann Glaube Menschen antreiben, auch die ernsthaftesten Forscher. Johannes Kepler etwa suchte in den Planetenbahnen die Harmonie des göttlichen Plans. Dazu gehörten für ihn, wie für die Astronomie seit der Antike, vollkommene Kreisbahnen. Gefunden hat er die elliptischen, und zwar weil die Kreisbahn des Mars um acht Bogenminuten von Tycho Brahes Messungen abwich.
Der Glaube hatte seine Frage zwar angeregt, zur Antwort führte ihn jedoch die Messung. Kepler selbst nannte Tychos Genauigkeit ein Geschenk Gottes – und folgerte daraus, dass er die acht Minuten nicht übergehen durfte.7 Bei ihm entschied die Messung, und sein Glaube stellte sich nicht dagegen. Oder anders gewendet: Erkannt haben solche Forscher wie Kepler nicht als Gläubige, sondern als methodisch vorgehende, der Wahrheit verpflichtete Menschen, die sich am Ende von guten Gründen überzeugen lassen. Wer dagegen in eine Erklärung einen Schöpfer einsetzt, sieht keinen Prozess mehr und somit keinen Raum für weitere Begründungen. Er stellt die Neugier still.
Deshalb meine Frage an Sie: Was müsste man Ihnen zeigen, damit Sie zugeben, dass dieser Mechanismus durch Evolution entstanden sein kann? Ein Fossil? Ein Gen? Ein Experiment?
Ich sage Ihnen, was umgekehrt mich umstimmen würde: wenn die Gene des Hämoglobins keine gemeinsame Abstammung erkennen ließen – wenn also die Verwandtschaft, die man aus ihnen abliest, derjenigen widerspräche, die Fossilien und Körperbau zeigen.
Wenn Sie etwas Derartiges anführen können, könnten wir darüber reden. Wenn nicht, nicht. Denn auf welcher Grundlage sollte der Dialog stattfinden? Ohne etwas, das Sie – oder eben mich – umstimmen könnte, unterhielten wir uns von zwei diametral entgegengesetzten Enden aus. Wir säßen sozusagen barrikadiert in Stellungen fest. Für einen Dialog aber müssten wir ungeschützt ins freie Feld dazwischen, Gründe und Argumente tauschend.
Wenn Sie nichts nennen können, was Sie umstimmen würde, dann scheinen Ihnen Belege egal zu sein. Ist dem so? – Übrigens gäbe es auch dafür in der Philosophie einen Namen: epistemic insouciance. Der britische Philosoph Quassim Cassam hat Gleichgültigkeit gegenüber Belegen so benannt – also wenn es einem egal ist, ob das, was man behauptet, durch irgendetwas gedeckt ist.8 Aus solcher Gleichgültigkeit entsteht schließlich, was der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt ohne Umschweife als bullshit etikettiert hat:9 Gerede, dem es nicht darauf ankommt, ob es wahr ist.
Das Angebot, zu prüfen, ist keine Gefälligkeit, die ich Ihnen zugestehe. Es ist das, was Wissenschaft ausmacht; ist das, was mich überzeugt: Jede Behauptung, ganz gleich von wem erhoben, muss offengelegt werden, mit Daten und Verfahren, und jede/r darf versuchen, sie zu widerlegen. Unfehlbar wird Wissen dadurch nicht, aber es korrigiert sich, wo es scheitert. Im wissenschaftlichen Diskurs hat schlechterdings keine Behauptung Bestand, die sich gegen jede Prüfung abschirmt.
Die Debatte ist nicht neu, und wie man sie führt, auch nicht. Ich erinnere an Robert FitzRoy, den Kapitän der Beagle, auf der Darwin von 1831 bis 1836 als Naturforscher mitreiste. Beide begannen die Reise als fromme Männer; Darwin sollte nach der Rückkehr Landpfarrer werden.
Doch FitzRoy trat nach Erscheinen von Darwins Hauptwerk (1859) als dessen Gegner auf. Denn Darwin hatte sich von seinen Befunden zu einer anderen Erklärung als der Schöpfer-These führen lassen.
In Oxford stritten am 30. Juni 1860, bei einer Tagung der British Association for the Advancement of Science im neuen Naturkundemuseum der Universität, der Bischof von Oxford, Samuel Wilberforce, und der Zoologe Thomas Henry Huxley über Darwins Buch. Eine Mitschrift gibt es nicht; der berühmte Wortwechsel ist nur aus Briefen und späteren Erinnerungen überliefert. Wilberforce soll Huxley gefragt haben, ob er großväterlicher- oder großmütterlicherseits vom Affen abstamme. Huxley schrieb wenig später, er habe geantwortet, er ziehe einen Affen als Großvater einem begabten Mann vor, der seinen Einfluss dazu benutze, eine ernsthafte wissenschaftliche Diskussion ins Lächerliche zu ziehen. FitzRoy, inzwischen Admiral, bekundete als alter Freund Darwins sein tiefes Bedauern über dessen Ansichten. Als er mit theologischen Argumenten fortfahren wollte, unterbrachen ihn Zwischenrufe, und der Vorsitzende bat ihn, sich zu setzen. Spätere Darstellungen lassen ihn dabei eine Bibel über den Kopf heben – gesichert ist das nicht.10
Darwins Glaube verlor sich in den Jahren nach der Reise nach eigenen Worten zwar sehr langsam, und übrigens nicht nur aus wissenschaftlichen Gründen. Doch letztlich so vollständig, dass er sich im Alter gar als Agnostiker bezeichnete.11
Seither sind mehr als 160 Jahre vergangen. Darwins Theorie steht. Und mehr: Sie wurde vielfach verstärkt durch Befunde, die erst nach ihm gewonnen wurden – darunter die Gene, um die es hier ging.
Bleibt die Frage, was Menschen verbindet.
Gemeinsame Gefühle tun es: das Gebet, das Lied, das Fest. Das gilt ebenso für die Fahne, die Partei, den Verein. Diese Bindungen sind echt, sie beruhen jedoch auf Zugehörigkeit. Und Zugehörigkeit zieht eine Grenze gegenüber anderen.
Geteiltes Wissen dagegen setzt keine Zugehörigkeit voraus. Was man über Hämoglobin weiß, gilt für Sie wie für mich, ganz gleich, wem wir uns zugehörig fühlen.
Nur gründet diese Verbindung nicht auf Gefühl, sondern auf Denken und Wissen, und das schwächt sie wohl. Dass zwei Menschen dasselbe Lehrbuch für richtig halten, macht sie noch nicht zu Gefährten.
Lebendig wird sie erst im Austausch. Wo Menschen Gründe tauschen, sich prüfen lassen und einander zugestehen, dass jeder von ihnen irren kann, entsteht mehr als Übereinstimmung: vielleicht Freude, vor allem aber ein Vertrauen, das sich statt auf Zugehörigkeit auf die gemeinsame Bereitschaft stützt, sich von der Sache belehren zu lassen.
Das gelingt nur auf dem freien Feld zwischen den Stellungen. Es steht jedem offen, auch dem Gläubigen. Kepler hat es betreten – mit seinem Glauben, aber ohne ihn an die Stelle der Messung zu setzen.
Dorthin lade ich Sie ein.
Mit freundlichen Grüßen
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Roger Berkowitz: Hannah Arendt and why friendship matters more than truth. In: Financial Times, 10. Oktober 2026 (Bezahlschranke). – Ausführlich: ders.: A World We Share. Hannah Arendt and the Power of Friendship in a Broken World. New Haven: Yale University Press, Oktober 2026. ↩︎
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Ross C. Hardison: Evolution of Hemoglobin and Its Genes. In: Cold Spring Harbor Perspectives in Medicine 2 (2012), Nr. 12, a011627. Frei zugänglich: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3543078 – Zu Hämoglobinen in Bakterien, Pflanzen und Einzellern: Ross C. Hardison: A brief history of hemoglobins: plant, animal, protist, and bacteria. In: PNAS 93 (1996), S. 5675–5679. Frei zugänglich: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC39118 ↩︎
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Zum Schalter: Vijay G. Sankaran u. a.: Human Fetal Hemoglobin Expression Is Regulated by the Developmental Stage-Specific Repressor BCL11A. In: Science 322 (2008), S. 1839–1842. Zusammenfassung frei: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19056937/ – Zur Therapie: Haydar Frangoul u. a.: CRISPR-Cas9 Gene Editing for Sickle Cell Disease and β-Thalassemia. In: New England Journal of Medicine 384 (2021), S. 252–260. Volltext frei im Repositorium der Universität Regensburg: https://epub.uni-regensburg.de/56388/ – Das Präparat Casgevy wurde im November 2023 in Großbritannien zugelassen, im Dezember 2023 in den USA (Sichelzellkrankheit), Anfang 2024 in der EU (jeweils für Patienten ab 12 Jahren). ↩︎
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Standardangabe der Physiologie: Die Affinität von Hämoglobin zu Kohlenmonoxid liegt etwa 200- bis 250-mal über der zu Sauerstoff. – Das Rechenbeispiel folgt der Haldane-Gleichung: Das Verhältnis von CO-besetztem zu O₂-besetztem Hämoglobin ist im Gleichgewicht etwa gleich der Affinitätskonstante (rund 200–250) mal dem Verhältnis der Partialdrücke von CO und O₂. Bei 0,1 % CO und 21 % O₂ ergibt sich ungefähr 1 : 1. Bei 0,1 % CO in der Atemluft wird Bewusstlosigkeit angegeben, bei starken Rauchern sind bis zu 20 % der Bindungsstellen blockiert; siehe University of Bristol, Molecule of the Month: Hemoglobin (Februar 2006): https://www.chm.bris.ac.uk/motm/hemoglobin/ – Dass der Körper beim Abbau von Häm selbst geringe Mengen Kohlenmonoxid bildet (durch das Enzym Hämoxygenase), ist physiologisches Lehrbuchwissen. ↩︎
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William Paley: Natural Theology. London 1802, Kap. 1 (Uhr) und Kap. 3 (Auge). – Charles Darwin: Autobiographie (verfasst 1876), über seine Cambridger Zeit: „The logic of this book and, as I may add, of his ‚Natural Theology,‘ gave me as much delight as did Euclid“; zum Designargument: „The old argument of design in nature, as given by Paley, which formerly seemed to me so conclusive, fails, now that the law of natural selection has been discovered.“ Darwins Werke frei zugänglich: https://darwin-online.org.uk – Zur Einordnung: Darwin hat seine Theorie nicht entwickelt, um Paley zu widerlegen; das Urteil über Paley ist ein späterer Rückblick. Siehe Michael Ruse: That Darwin Always Rejected the Argument from Design in Nature and Developed His Own Theory to Replace It. In: Kostas Kampourakis (Hg.): Darwin Mythology. Cambridge 2024, S. 47–55; ferner Darwin Correspondence Project: Darwin and design, https://www.darwinproject.ac.uk/commentary/religion/darwin-and-design ↩︎
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Evangelisch: Kirchenamt der EKD (Hg.): Weltentstehung, Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube in der Schule. Eine Orientierungshilfe des Rates der EKD (EKD-Texte 94). Hannover 2008 (https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/ekd_texte_94.pdf). Die Studie lehnt die Vorstellung ab, „dass entweder die Evolutionstheorie dem Schöpfungsglauben oder der Schöpfungsglaube der Evolutionstheorie weichen muss“; der Kreationismus sei „eine Verkehrung des Glaubens an den Schöpfer in eine Form der Welterklärung“, Intelligent Design „pseudowissenschaftlich“ (zit. nach der Pressemitteilung der EKD vom 1. April 2008: https://www.ekd.de/news_2008_04_01_2_ekd_text_94.htm). – Katholisch: Johannes Paul II., Botschaft an die Päpstliche Akademie der Wissenschaften vom 22. Oktober 1996, Nr. 4: Neue Erkenntnisse führten dazu, „in der Evolutionstheorie mehr als eine Hypothese“ zu sehen (frz. Original: „plus qu’une hypothèse“, https://www.vatican.va/content/john-paul-ii/fr/messages/pont_messages/1996/documents/hf_jp-ii_mes_19961022_pont-accad-scienze.html). Die Zustimmung steht unter Vorbehalt: Mit dem Glauben unvereinbar seien Theorien, die den Geist als bloßes Erzeugnis der Materie ansehen (ebd., Nr. 5). Schärfer Kardinal Christoph Schönborn: Evolution im Sinne gemeinsamer Abstammung möge wahr sein, nicht aber als ungelenkter, ungeplanter Prozess (Finding Design in Nature. In: The New York Times, 7. Juli 2005). ↩︎
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Johannes Kepler: Astronomia nova. [Heidelberg] 1609, Pars II, Kap. 19, S. 113 f.; kritische Ausgabe: Gesammelte Werke, Bd. 3, hg. von Max Caspar, München 1937, S. 178, Z. 1–12 (frei zugänglich: https://publikationen.badw.de/de/002334739): „Nobis cum divina benignitas Tychonem Brahe observatorem diligentissimum concesserit, cujus ex observatis error hujus calculi Ptolemaici VIII minutorum in Marte arguitur; aequum est, ut grata mente hoc Dei beneficium et agnoscamus et excolamus. In id nempe elaboremus, ut genuinam formam motuum coelestium (his argumentis fallacium suppositionum deprehensarum suffulti) tandem indagemus. Quam viam in sequentibus ipse pro meo modulo aliis praeibo. Nam si contemnenda censuissem 8 minuta longitudinis, jam satis correxissem (bisecta scilicet eccentricitate) hypothesin cap. XVI inventam. Nunc quia contemni non potuerunt, sola igitur haec octo minuta viam praeiverunt ad totam Astronomiam reformandam, suntque materia magnae parti hujus operis facta.“ – Übersetzung (Claude/Anthropic): „Da uns die göttliche Güte in Tycho Brahe einen überaus sorgfältigen Beobachter geschenkt hat, aus dessen Beobachtungen sich beim Mars ein Fehler dieser ptolemäischen Rechnung von acht Minuten erweist, ist es recht und billig, dass wir diese Wohltat Gottes dankbar anerkennen und nutzen. Daran also wollen wir arbeiten, dass wir – gestützt auf diese Beweise, die falsche Annahmen aufgedeckt haben – endlich die wahre Gestalt der Himmelsbewegungen aufspüren. Auf diesem Weg will ich im Folgenden nach meinem bescheidenen Vermögen anderen vorangehen. Hätte ich nämlich geglaubt, die acht Minuten in der Länge vernachlässigen zu dürfen, so hätte ich die in Kapitel 16 gefundene Hypothese bereits hinreichend verbessert (nämlich durch Halbierung der Exzentrizität). Weil sie sich aber nicht vernachlässigen ließen, haben allein diese acht Minuten den Weg zur Erneuerung der ganzen Astronomie gewiesen und sind zum Stoff für einen großen Teil dieses Werkes geworden.“ – Mit der „ptolemäischen Rechnung“ ist die Berechnung der Marsbahn nach Ptolemäus’ Verfahren mit halbierter Exzentrizität gemeint; sie weicht bis zu acht Bogenminuten von Tychos Beobachtungen ab. Ptolemäus, dessen Beobachtungen nur auf zehn Minuten genau waren, konnte diesen Fehler nicht bemerken (ebd., S. 177, Z. 31–40). – Vollständige deutsche Übersetzung: Johannes Kepler: Neue Astronomie. Übers. und eingel. von Max Caspar. München/Berlin 1929 (Nachdruck München 1990). – Zu Keplers Suche nach dem geometrischen Plan Gottes: ders.: Mysterium cosmographicum. Tübingen 1596. ↩︎
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Quassim Cassam: Epistemic Insouciance. In: Journal of Philosophical Research 43 (2018), S. 1–20. Kurzfassung frei zugänglich im Blog der American Philosophical Association (23. März 2018): https://blog.apaonline.org/2018/03/23/epistemic-insouciance/ – Cassam knüpft ausdrücklich an Frankfurt an. ↩︎
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Harry G. Frankfurt: On Bullshit. Zuerst in: Raritan 6 (1986), Nr. 2; als Buch Princeton 2005; deutsch: Bullshit. Frankfurt a. M. 2006. ↩︎
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Zeitgenössischer Bericht über FitzRoys Auftritt: Oxford Chronicle and Berks and Bucks Gazette, 21. Juli 1860, S. 3 („Admiral FITZROY stated, as an old friend of Mr Darwin’s, he deeply regretted the views he had put forth“), frei zugänglich: https://darwin-online.org.uk/converted/Ancillary/1860_OxfordChronicle_A1088.html – Huxleys eigene Fassung seiner Antwort: Brief an Frederick Dyster vom 9. September 1860; dazu und zu den abweichenden Fassungen der Frage Wilberforces: Jonathan Smith: The Huxley-Wilberforce „Debate“ on Evolution, 30 June 1860. In: BRANCH: Britain, Representation and Nineteenth-Century History, https://branchcollective.org/?p=1940 – Zur Legendenbildung: J. R. Lucas: Wilberforce and Huxley. A Legendary Encounter. In: The Historical Journal 22 (1979), Nr. 2, S. 313–330. ↩︎
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Zu FitzRoy: Kurzbiografie der Science Museum Group (frei zugänglich): https://collection.sciencemuseumgroup.org.uk/people/cp45056 – Ausführlich: Peter Nichols: Evolution’s Captain. The Dark Fate of the Man Who Sailed Charles Darwin Around the World. New York 2003. Nichols betont den Konflikt mit Darwin als Ursache für FitzRoys späteren Suizid stärker, als es die meisten Darstellungen tun; neben Depression gelten berufliche, finanzielle und gesundheitliche Belastungen als wesentliche Ursachen. – Zu Darwin: Autobiographisch schreibt er im Abschnitt über seinen religiösen Glauben: „Thus disbelief crept over me at a very slow rate, but was at last complete.“ Neben wissenschaftlichen Gründen nennt Darwin dort moralische Einwände, vor allem gegen die Lehre von der ewigen Verdammnis der Ungläubigen. Vollständig ist dieser Abschnitt erst in der Ausgabe von Nora Barlow (London 1958). ↩︎