Einleitung #
Demokratie scheint, anders als zuweilen suggeriert wird, als politische Ordnung nicht geeignet, einen besseren Menschen zu formen, sondern sollte als Versuch gesehen werden, mit der Widersprüchlichkeit von Menschen zu leben und konstruktiv umzugehen.
Dieser Versuch steht unter dem Stress sich wandelnder Bedingungen.
Unter „Druck“ soll hier die Überlagerung mehrerer Faktoren verstanden werden: steigende kognitive Komplexität, dadurch wachsende Anforderungen an individuelle Urteilskraft, ökonomische Verengung von Spielräumen, zunehmende Statusunsicherheit.
Die Welt wird als widersprüchlicher, unverständlicher, insgesamt „bedrückender“ erlebt.
Statt mit pluraler Vielfalt zu erfreuen scheint die Realität zu zersplittern. Gewissheiten lösen sich auf, Differenzen zwischen Bürgern nehmen zu, immer mehr Bereiche des Lebens werden zu Konfliktfeldern öffentlichen Dissenses.
Zunehmend lösen sich auch scheinbare Selbstverständlichkeiten im Zusammenleben und in Weltbildern auf und weichen komplexeren Zuständen und Sichtweisen. Was zuvor selbstverständlich schien, wird erklärungsbedürftig. Formen des Zusammenlebens, institutionelle Ordnung und kulturelle Deutungen zeigen sich gleichermaßen „außer Form“. Vielen Bürgern entgleitet mit der Übersicht die Tolleranz. („Hilfe! Wofür standen nochmal LBG…+?")
Alltägliche Entscheidungen bekommen unversehens große Reichweite.1 Wer zum Beispiel vom Rauchen nicht lassen möchte, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern gleich die Gesellschaft. Wer zu viele Eis schleckt, treibt die Gesundheitskosten für alle. Wer häufig Wurst und Fleisch verzehrt, tötet Tiere und schädigt das Klima.
Unter solchen Bedingungen vergrößert sich nicht nur die Zahl der Konflikte, sondern die Fähigkeit und der Wille, diese auszuhalten und dann auch noch angemessen darauf zu reagieren.
Irgendwann wird es zu viel. Das Bedürfnis nach Ordnung wächst. Wo Unsicherheit sich einnistet, reift das Verlangen nach Eindeutigkeit heran. Wo Verantwortung demokratisch auf alle Schultern verteilt werden müsste, wo also demokratische Gleichrangigkeit gefordert wäre, wächst die Versuchung, sie von sich zu weisen und Sündenböcken die Schuld an allem zu geben.
In Frage steht meiner Meinung nach nicht nur, welche Interessen Menschen verfolgen, sondern welche Kosten an Unsicherheit, Verantwortung und Wirklichkeitsbezug sie noch zu tragen bereit – oder fähig? – sind.
In Frage steht, ob und welchen mentalen Druck Menschen auszuhalten vermögen, bevor sie – demokratisch gewählt – Scharlatanen und Marktschreiern das Mandat geben, sie zu entlasten.
Die folgenden Überlegungen bündeln verschiedene, auch empirisch belegte Mechanismen zu einer Deutung. Sie erheben jedoch nicht den Anspruch, jede Form politischer Dynamik zu erklären.
Zwei neuere Sichtweisen eröffneten mir interessante Perspektiven: Eva von Redeckers Diagnose gesellschaftlicher Entwicklung und insbesondere ihr, meine ich, fruchtbarer Begriff des Faschismus; und Hanno Sauers etwas provokante Darstellung eines nicht tilgbaren Klassenbewusstseins im Menschen. Beiden stimme ich zu – möchte aber noch einen weiteren Akzent setzen.
II. Von Redeckers Diagnose: Freiheit als Sachherrschaft #
Eva von Redeckers Verdienst liegt darin, die angedeutete Überforderung nicht vorschnell als bloß psychologisches oder moralisches Problem zu behandeln.2
Von Redecker nennt das Sachherrschaft. Gemeint ist eine Freiheitsform, die sich über Eigentum, Ausschluss und Verfügbarkeit stabilisiert. Das freie Subjekt ist in diesem Modell nicht in erster Linie jemand, der mit anderen handelt, sondern jemand, der über etwas verfügt und gegen andere absichert, was ihm gehört oder zu gehören scheint.
Darin liegt die analytische Schärfe ihres Ansatzes. Er erklärt, warum Gleichheit in solchen Ordnungen nicht nur als Verteilungskonflikt erscheint, sondern tiefer trifft: als Beschädigung eines Selbstverhältnisses, das Freiheit mit Verfügung verwechselt. Wer sich nur frei fühlt, solange er über etwas herrscht, erlebt Begrenzung als Kränkung.
Von Redeckers Begriff des Phantombesitzes beschreibt dabei nicht nur reales Eigentum, sondern einen Vorrang, der oft gar nicht materiell abgesichert ist: kulturelle Überlegenheit, nationale Selbstverständlichkeit, geschlechtlicher Status, die Gewohnheit, nicht gefragt zu werden. Gerade weil vieles davon nicht als Besitz ausgewiesen ist, wird sein möglicher Verlust umso gereizter abgewehrt.
In ihrer neueren Faschismusdiagnose wird daraus mehr als bloß autoritäre Verhärtung. Faschismus erscheint bei von Redecker nicht einfach als Rückkehr alter Symbole oder als bloße Radikalisierung eines diffusen „Wir gegen sie“. Er ergibt sich vielmehr aus einer entfesselten Eigentumslogik, in der Gegner nicht mehr als politische Gegner, sondern als „Diebe“ oder „Plünderer“ erscheinen. Geschützt wird dann ein Quasi-Eigentum – Nation, Volk, Familie, Sprache –, das als bedroht imaginiert wird und im Ausnahmezustand mit Härte, Selbstjustiz und liquidierender Gewalt verteidigt werden soll.
Phantombesitz ist damit noch nicht als solcher Faschismus; auch autoritäre Stabilisierung bleibt möglich. Faschistisch wird die Lage dort, wo Phantombesitz im Ausnahmezustand frenetisch verteidigt wird und Vernichtung als Notwehr erscheinen kann.
Eben an dieser Stelle setzt mein Einwand ein. Von Redecker bestimmt präzise, wie das wohl lange niemandem mehr so gelang, was verteidigt wird.3 Weniger klar bleibt, wodurch diese Verteidigung affektiv eskaliert, warum sie nach Ausnahme, Härte und Vernichtung verlangt und weshalb sie für so viele subjektiv attraktiv wird.
III. Klasse als Rang- und Signalsystem #
Eine andere Perspektive erfahre ich bei Hanno Sauer.4
Klasse erscheint als Geflecht von Signalen: Geschmack, Bildung, Sprache, Lebensstil, moralische Selbstverortung. Sie markieren Positionen, ohne dass diese immer unmittelbar an Besitz gebunden sind. Man kann wenig haben und dennoch auf Distanz zu anderen bestehen. Man kann verlieren und doch darauf beharren, nicht zu denen zu gehören, die man als „unter sich“ wahrnimmt.
Diese Perspektive erklärt, warum Konflikte sich nicht auf Eigentum reduzieren lassen. Verteidigt wird oft weniger das, was jemand besitzt, als das, was er zu sein glaubt.5 Rangordnungen stabilisieren sich über Unterschiede, über Abgrenzung,6
Sauer ergänzt damit von Redeckers Analyse, verschiebt aber den Akzent. Während dort die Logik der Verfügung im Zentrum steht, rückt hier die Logik der Unterscheidung in den Vordergrund. Beides greift ineinander: Besitz kann Rang sichern, Rang kann Besitz kompensieren.
Doch keine der beiden Perspektiven erklärt für sich genommen, warum „normale“ Menschen unter Druck so schnell verhärten. Beide teilen sich eine gemeinsame Grenze; beide referierten Deutungen erfassen, was in Konflikten verteidigt wird. Sie erklären aber nicht hinreichend, warum Menschen unter steigender Belastung zu Ausschluss, Vereinfachung und Hierarchisierung tendieren.
IV. Der blinde Fleck: Reaktion unter Druck #
Warum also eskalieren diese Verteidigungen? Entscheidend ist aus meiner Sicht die Veränderung der Reaktionslage, vor allem wenn der Druck, gefühlt oder tatsächlich, steigt – und mit ihm die Kosten durch die Zumutungen der Realität.
Angesichts steigender Komplexität und Unsicherheit erhöhen sich die Anforderungen an die Urteilskraft: Ambiguität muss ausgehalten, Folgen antizipiert, Verantwortung geteilt werden. Das ist kognitiv, emotional und sozial kostspielig. Wächst der Druck, erhöht das auch die Kosten.
Die Reaktion darauf ist eine Verschiebung im Modus des Handelns. Überwältigende Komplexität wird simplifiziert, Ambiguität verdrängt, Verantwortung verlagert.7 „Dieser Drang nach Härte“ wird unwiderstehlich, um von Redecker Beobachtung wieder aufzunehmen.
Diese Dynamik verbindet die zuvor getrennten Ebenen. Die Verteidigung von Eigentum erhält unter Druck eine affektive Schärfe, die über materielle Interessen hinausgeht. Für den Erhalt des eigenen Status wird eine mentale Festung errichtet. Selbst die Realität erfährt eine „Korrektur“ dahingehend, dass sie auszuhalten ist. Gleichrangigkeit, auf welche eine Demokratie baut, erscheint nicht mehr als Voraussetzung politischer und institutioneller Verfahren, sondern als Bedrohung.
Autoritäre Angebote werden entsprechend dankend aufgenommen. Sie wirken attraktiv, weil sie weniger Ambiguität versprechen, weniger Verantwortungsdiffusion und mehr Eindeutigkeit. Sie versprechen, die Kosten des Umgangs mit Wirklichkeit zu senken, indem sie diese verschieben.
Regression erscheint so nicht als Rückfall, sondern als angemessene, rettende Reaktion auf steigende Anforderungen. Sie stabilisiert kurzfristig angeschlagene Egos – obwohl sie auf Dauer die Voraussetzungen dieser Stabilität untergräbt und zudem die zugrunde liegenden Probleme nicht löst.
V. Die Kosten des Wirklichkeitsbezugs #
Wirklichkeitsbezug meint hier nicht bloß Tatsachensinn oder Nüchternheit. Gemeint ist die Fähigkeit und Bereitschaft, Realität im vollen Umfang an sich heranzulassen; in der Form also, in der sie zur Zumutung wird: Unsicherheit auszuhalten, Komplexität nicht vorschnell zu leugnen, Verantwortung nicht reflexhaft nach außen zu verschieben und die Gleichrangigkeit anderer auch dann anzuerkennen, wenn sie die eigenen Ansprüche begrenzt.
Das ist teuer: kognitiv, emotional und sozial. Wer Wirklichkeit an sich heranlässt, verliert Übersicht, Unschuld und einfach auch Bequemlichkeit. Man muss mit widersprüchlichen Informationen leben, Ambivalenzen ertragen, Verzicht akzeptieren, Schuldanteile erkennen, Grenzen hinnehmen und beachten.
Wirklichkeitsbezug kostet nicht nur kognitive Anstrengung, sondern auch Selbstgefühl. Er kratzt an Überlegenheitsphantasien, schwächt Gewissheiten und zwingt dazu, sich selbst nicht länger als natürlichen Mittelpunkt zu behandeln. Er fordert von allen eine ganz persönliche kopernikanische Wende.
Was von Redecker als „Drang nach Härte“ beschreibt, lässt sich in diesem Rahmen als Strategie lesen, die Kosten des Wirklichkeitsbezugs zu vermeiden. Das gilt ebenso für den Erhalt des eigenen Status, vor allem, wenn er eher gefühlt als real ist.
Diese Kosten steigen unter Druck. Wo Ressourcen knapper werden, wo Zukunftserwartungen sich eintrüben, wo soziale Sicherheiten schwinden und Verhältnisse unübersichtlicher werden, wächst die Versuchung, Wirklichkeit nicht mehr als etwas zu behandeln, dem man sich stellt, sondern als etwas, das man zurechtlegt. Dann tritt an die Stelle der Wirklichkeitsprüfung die Wirklichkeitsbearbeitung: Man vereinfacht, lagert aus, moralisiert, personalisiert.
Damit wird verständlich, warum Regression so verführerisch sein kann. Sie spart nicht einfach Mühe, sondern schützt ein beschädigtes Selbstverhältnis. Sie erlaubt, Widersprüche zu glätten, Verantwortung zu entmischen und die Last des Urteilens durch klare Feindbilder, Hierarchien oder Führungsfiguren zu mildern.
Der Preis dafür ist hoch, aber zunächst nicht für jene sichtbar, die sich entlasten.
In diesem Sinn ist Wirklichkeitsbezug nicht nur eine psychologisch-epistemische, sondern eine politische Kategorie. Demokratien setzen voraus, dass genügend Menschen die Kosten von Unsicherheit, Mitverantwortung und Gleichrangigkeit tragen, ohne sie sogleich nach unten, nach außen oder auf Schwächere abzuwälzen. Wo diese Bereitschaft schwindet, verlieren demokratische Verfahren ihren inneren Halt. Sie bleiben dann vielleicht formal bestehen, werden aber zunehmend mit Erwartungen überfrachtet, die sie nicht erfüllen können.
Die Frage ist daher nicht nur, wie viel Wahrheit Gesellschaften ertragen, sondern wie viel Wirklichkeit ihre Mitglieder sich selbst noch zumuten. Darin liegt der tiefere Zusammenhang zwischen anthropologischer Begrenztheit, institutioneller Erosion und autoritärer Versuchung.
VI. Regression als Kostenverschiebung #
Wenn Wirklichkeitsbezug Kosten verursacht, stellt sich die Frage, wer diese trägt. Gesellschaften können die Kosten selbst auf sich nehmen, oder verteilen, oder verschieben. Hier setzt der Mechanismus an, der autoritäre Regression verständlich macht.
Regression bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur Rückgriff auf frühere Muster, sondern eine systematische Verschiebung der Lasten, die mit Unsicherheit, Urteil und Verantwortung verbunden sind. Was nicht mehr ausgehalten werden soll, wird ausgelagert: auf andere Gruppen, auf schwächere Positionen, auf abstrakte Feindbilder oder auf Institutionen, die anstelle individueller Urteilskraft entscheiden sollen.
Diese Verschiebung folgt keiner einheitlichen Logik, zeigt aber wiederkehrende Formen. Verantwortung wird personalisiert („Juden!“), Komplexität moralisiert („die da oben sind schuld“), Unsicherheit in Schuld umgedeutet („die nehmen uns alles weg“).8
Dabei werden bestehende Ungleichgewichte verstärkt. Wer über weniger Ressourcen verfügt, trägt einen größeren Teil der ausgelagerten Kosten. Wer sich ohnehin in prekärer Lage befindet, wird zum Träger von Zuschreibungen, die andere entlasten. Auf diese Weise stabilisiert sich eine Ordnung, die ihre eigene Fragilität verdeckt.
Autoritäre Politik greift diesen Mechanismus auf und organisiert ihn. Sie bietet keine Lösung im Sinne einer Bearbeitung der zugrunde liegenden Probleme, sondern schafft Strukturen, in denen Kosten systematisch verschoben werden. Sie reduziert Komplexität, indem sie klare Zurechnungen etabliert, und entlastet, indem sie Verantwortung konzentriert.
Das macht ihre Attraktivität verständlich. Sie erscheint als Möglichkeit, die Anforderungen an Wirklichkeitsbezug zu senken, ohne auf Handlungsfähigkeit verzichten zu müssen. Ihre Stabilität ist jedoch begrenzt, weil sie die Bedingungen untergräbt, unter denen Probleme überhaupt noch angemessen bearbeitet werden können.
In diesem Sinne ist Regression kein Zufall, sondern eine Reaktion auf steigende Anforderungen, die nicht mehr getragen werden. Sie ist eine Form von Ordnung, die auf Vermeidung beruht – und damit langfristig instabil bleibt.
VII. Demokratie ohne Wachstumspuffer #
An dieser Stelle gewinnt der Zusammenhang von Demokratie und Wachstum sein Gewicht. In der Zeit nach den beiden Weltkriegen, einer historischen Anomalie, die sich aufgrund der nie gesehenen menschlichen wie sachlichen Zerstörung niemand wieder herbeiwünscht, konnten demokratische Gesellschaften viele Konflikte deshalb abfedern, weil ihre materiellen Grundlagen lange expandierten. Es musste, was zerstört worden war, wieder errichtet werden.
Wo mehr verteilt werden konnte, mussten Verteilungskämpfe nicht mit voller Härte ausgetragen werden. Ansprüche ließen sich vertagen, Verluste kaschieren, neue Gruppen integrieren, ohne dass die etablierten ihren Rang oder Besitz unmittelbar gefährdet sahen.
Wachstum wirkte damit nicht nur ökonomisch, sondern psychopolitisch. Es senkte die sichtbaren Kosten von Gleichrangigkeit; es erlaubte, Konflikte zu überdecken, statt sie auszutragen, und machte es möglich, Grenzen nicht thematisieren zu müssen. Wer mehr bekam, musste weniger darüber nachdenken, auf wessen Kosten dies möglich war. Konflikte wurden nicht gelöst, sondern überdeckt. Die Zumutung endlicher Ressourcen und ökologischer Grenzen blieb verdeckt.9
Darin liegt ein entscheidender Punkt. Der demokratische Puffer bestand nicht nur im Mehr an Wohlstand, sondern in der Möglichkeit, Wirklichkeitsbezug zu entlasten. Wo Expansion die Last verdeckte, musste weniger offen verhandelt werden, wie viel Ungleichheit, Verzicht, Begrenzung und Gegenseitigkeit eine Gesellschaft sich zumuten kann.
Wenn dieser Puffer schwindet, treten die verdeckten Kosten hervor. Dann zeigt sich, dass ein erheblicher Teil des demokratischen Friedens von Externalisierungen lebte.10
Damit verändert sich die Lage grundlegend. Demokratie steht dann nicht nur vor dem Problem knapperer Spielräume, sondern vor der Rückkehr von Wirklichkeit in Bereiche, die sich lange ihrer Zumutung entziehen konnten. Verteilungskonflikte werden schärfer, Statusverluste spürbarer, Gleichrangigkeit kostspieliger. Was zuvor durch Expansion überzuckert war, muss nun politisch und mental bearbeitet werden.
Das fördert die Versuchung der Regression. Wo Wachstum den alten Modus der Befriedung nicht länger trägt, erscheint es leichter, Kosten erneut zu verschieben, statt sie gerecht zu verteilen. Die Ordnung nach unten, außen oder auf Schwächere hin zu entlasten, wird wieder attraktiver als die mühsame Arbeit an tragfähigen Formen demokratischer Begrenzung.
Demokratie ohne Wachstumspuffer ist deshalb nicht einfach Demokratie unter schwierigeren Bedingungen. Sie ist eine Ordnung, die gezwungen ist, offener mit Grenzen, Endlichkeit und der Nichtverallgemeinerbarkeit ihres alten Versprechens umzugehen. Ob sie dazu fähig ist, entscheidet sich nicht zuletzt daran, ob sie andere Formen von Sicherheit, Anerkennung und Verlässlichkeit hervorbringen kann als jene, die von Expansion und Externalisierung lebten.
VIII. Die eigentliche Gefahr #
Gesellschaften scheitern nicht zuerst an Bosheit oder offenem Willen zur Zerstörung. Sie geraten in Schwierigkeiten, wenn die Bereitschaft schwindet, die Kosten von Wirklichkeitsbezug zu tragen.
Dann verschiebt sich die innere Logik politischer Ordnungen. Verfahren bleiben bestehen, verlieren aber ihre Substanz. Konflikte werden nicht mehr geklärt, sondern zugerechnet. Verantwortung wird nicht mehr geteilt, sondern abgewehrt. Gleichrangigkeit wird nicht mehr als Voraussetzung gemeinsamer Politik verstanden, sondern als Belastung, die nach Hierarchie verlangt.
In diesem Zustand werden autoritäre Angebote anschlussfähig, ohne dass sie sich als Bruch präsentieren müssen. Sie knüpfen an vorhandene Muster der Kostenverschiebung an und führen sie konsequenter aus. Was zuvor noch als Ausnahme erschien, wird zur Regel: Vereinfachung ersetzt Aushandlung, Zurechnung ersetzt Analyse, Ordnung ersetzt Gleichrangigkeit.
Die eigentliche Gefahr liegt daher nicht in einzelnen politischen Bewegungen oder Figuren. Sie liegt in der Erosion einer Haltung: der Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten, Verantwortung zu übernehmen und die Begrenztheit eigener Ansprüche anzuerkennen. Wo diese Fähigkeiten verloren gehen, wird Demokratie von innen ausgehöhlt.
Der Übergang ist dabei oft unspektakulär. Es braucht keinen abrupten Bruch. Es genügt, dass die Bereitschaft zur Selbstzumutung schrittweise nachlässt und durch Erwartungen an Entlastung ersetzt wird. Was als pragmatische Anpassung erscheint, kann so in eine Dynamik münden, die die Grundlagen der Ordnung untergräbt. Womit wir „Faschismus“ als wieder möglich in Betracht ziehen müssen.
IX. Mögliche Auswege #
Wenn die Schwierigkeit nicht primär in falschen Überzeugungen liegt, sondern in steigenden Kosten des Wirklichkeitsbezugs, müssen Antworten dort ansetzen, wo diese Kosten entstehen und verteilt werden. Appelle genügen nicht. Entscheidend sind Arrangements, die Tragfähigkeit erhöhen, ohne in Vereinfachung und Ausschluss auszuweichen.
Erstens: Kosten sichtbar machen. Konflikte verlieren an Eskalationsdynamik, wenn Zurechnungen überprüfbar sind und Externalisierungen benannt werden. Das betrifft ökologische, soziale und fiskalische Zusammenhänge gleichermaßen. Sichtbarkeit ersetzt keine Lösung, begrenzt aber die Spielräume willkürlicher Zuschreibung.
Zweitens: Kosten verteilen. Wo Lasten systematisch nach unten oder nach außen verschoben werden, entsteht der Druck, der Regression begünstigt. Verteilungsfragen sind daher keine Nebenbedingungen, sondern Stabilitätsfragen. Verfahren müssen so gestaltet sein, dass Lasten nachvollziehbar und revidierbar zugewiesen werden können.
Drittens: Kosten senken, ohne sie zu verleugnen. Verlässliche öffentliche Güter, robuste Infrastrukturen und berechenbare Sicherungssysteme reduzieren die individuelle Urteilslast und die Notwendigkeit, ständig komplexe Zusammenhänge eigenständig zu bewerten.11
Viertens: Statuskonflikte entschärfen. Wo Rangordnungen permanent sichtbar und symbolisch aufgeladen sind, steigt die Anfälligkeit für Kränkung und Abwertung. Institutionen können diese Dynamik dämpfen, indem sie Anerkennung weniger an exklusive Signale binden und Übergänge zwischen Positionen erleichtern.
Fünftens: Verfahren stabilisieren. Gegenstandsrutsch, Personalisierung und moralische Übercodierung lassen sich nicht vollständig vermeiden, aber begrenzen. Klare Zuständigkeiten, überprüfbare Begründungen und die Trennung von Diagnose und Zurechnung erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Konflikte bearbeitet statt verschoben werden.
Keiner dieser Punkte löst das Grundproblem. Sie verändern jedoch die Bedingungen, unter denen mit ihm umgegangen wird. Eine „Tür nach draußen“ besteht nicht in einem Zustand jenseits von Konflikt und Begrenzung, sondern in der Möglichkeit, die damit verbundenen Kosten so zu organisieren, dass sie nicht regelmäßig auf dieselben Schultern fallen. Auch nicht vermeintlich.
X. Schluss #
Demokratie ist nicht die Form für an sich gute Menschen. Sie ist ein Verfahren, mit begrenzten, widersprüchlichen und unter Druck reagierenden Menschen so zu leben, dass Konflikte bearbeitet werden können, ohne regelmäßig in Vernichtung umzuschlagen.
Von Redeckers Analyse macht sichtbar, wie sehr moderne Freiheitsvorstellungen an Verfügung und Vorrang gebunden sind und wie deren Verlust als Kränkung erfahren wird. Sauers Perspektive ergänzt, dass sich diese Dynamik nicht im Besitz erschöpft, sondern in Rang, Signalen und Zugehörigkeiten fortsetzt. Beides zusammen erklärt, was verteidigt wird und warum Gleichrangigkeit als Zumutung erscheint.
Die hier vorgeschlagene Linie verschiebt den Akzent. Sie fragt weniger, was Menschen haben oder sind, als was sie auszuhalten bereit sind. Unter Druck entscheidet sich, ob die Kosten von Wirklichkeitsbezug getragen, geteilt oder verschoben werden. Wo sie dauerhaft ausgelagert werden, kehren Vereinfachung, Zurechnung und Hierarchie zurück – zunächst als Entlastung, dann als Struktur.
Es gibt keinen Zustand jenseits dieser Spannung. Es gibt nur Arrangements, die sie erträglicher oder zerstörerischer machen. Ob eine Gesellschaft bestehen kann, entscheidet sich daran, ob sie die Zumutungen von Unsicherheit, Mitverantwortung und Gleichrangigkeit aushält, ohne sie systematisch auf andere abzuwälzen.
Demokratie ist damit kein Versprechen auf ein besseres Leben. Sie ist der Versuch, unter schwierigen Bedingungen so zu leben, dass wir alle überleben. Und zwar miteinander.
Ob dieser Versuch unter Bedingungen schrumpfender Spielräume gelingt, ist offen.
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Daniel Kahneman, Thinking, Fast and Slow, 2011; Gerd Gigerenzer, Gut Feelings, 2007. Die Anmerkung stützt hier nicht den inhaltlichen Beispielsatz zu Limo und Eis, sondern die allgemeinere Annahme, dass Menschen Komplexität und Fernfolgen typischerweise nur begrenzt intuitiv verarbeiten und deshalb zu Vereinfachungen neigen. ↩︎
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Eva von Redecker fiel mir erstmals mit ihrer Magisterarbeit auf, die sie dankenswerterweise öffentlich gestellt hat, so dass ich sie aus dem Web laden konnte: Gravitation zum Guten: Hannah Arendts Moralphilosophie (2013). Danach bekam ich persönlich nicht mehr viel mit von ihr. Bis jetzt: Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus, Frankfurt a.M. 2026, entwickelt (noch einmal) ihren Begriff von Faschismus. – Hier referiere ich kurz: Sachherrschaft, eigentumsförmige Freiheit, Phantombesitz, Härte und Ausnahmezustand. Von Redecker verschiebt den Blick auf die Form von Freiheit selbst, in der moderne Gesellschaften sich verstehen. Freiheit erscheint dann nicht zuerst als politische Teilhabe oder als gemeinsame Gestaltung, sondern als Verfügung: als das Vermögen, über Dinge, Räume, Ressourcen und schließlich auch über die Bedingungen des eigenen Lebens zu herrschen. ↩︎
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Ich habe ihre Begriffsentwicklung für mein eigenes Verständnis in ein Diagramm) gefasst, das die innere Logik ihrer Argumentation sichtbar macht. ↩︎
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Hanno Sauer, Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten, München: C.H. Beck, 2023. Die Anmerkung verweist auf den für diesen Abschnitt zentralen Gedanken, dass Klassenordnungen nicht nur materiell, sondern auch über Rang, Prestige, Moral und Signale reproduziert werden. setzt hier an. Wenn von Redecker zeigt, dass Freiheit eigentumsförmig strukturiert ist, weist Sauer darauf hin, dass soziale Ordnung sich nicht im Besitz erschöpft. Klassenunterschiede betreffen nicht nur Ressourcen, sondern auch Rang, Prestige und Zugehörigkeit. ↩︎
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Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten, Berlin 2017. Die Referenz soll die These stützen, dass moderne Konflikte stark über Status, kulturelle Aufladung und moralische Selbstverortung vermittelt sind. ↩︎
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Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede, Frankfurt a.M. 1982. Herangezogen wird hier vor allem die Einsicht, dass soziale Ordnung sich über Geschmacksurteile, Habitus und symbolische Unterschiede stabilisiert. über das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. ↩︎
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Karen Stenner, The Authoritarian Dynamic, Cambridge 2005; John Duckitt / Chris G. Sibley, „A Dual-Process Motivational Model of Ideology, Politics, and Prejudice“, in: Psychological Inquiry 21 (2010), S. 186–200. Die Anmerkung stützt die Annahme, dass Bedrohung, Normauflösung und Unsicherheit häufig Vereinfachung, stärkere Ordnungsbedürfnisse und autoritäre Reaktionsweisen begünstigen. ↩︎
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Albert Bandura, Moral Disengagement, New York 2016. Die Beispiele sind stilisierte Chiffren für Mechanismen der Verantwortungsverschiebung; gemeint ist nicht historische Gleichsetzung, sondern die immer wiederkehrende Tendenz, komplexe Lagen durch personalisierte Schuldzuschreibung zu entlasten. ↩︎
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Donella H. Meadows et al., The Limits to Growth, New York 1972. Die Anmerkung markiert den Hintergrund für die Behauptung, dass demokratische Expansion nicht auf unbegrenzten materiellen Voraussetzungen beruhen kann. ↩︎
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Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis, Berlin 2016. Die Referenz stützt die These, dass Wohlstandszonen ihre sozialen, ökologischen und politischen Kosten lange an andere Orte und Gruppen weitergeben konnten. ↩︎
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Elinor Ostrom, Governing the Commons, Cambridge 1990. Die Anmerkung soll nicht suggerieren, Ostrom liefere eine Theorie des Wohlfahrtsstaats; sie ist hier als Beleg dafür gesetzt, dass tragfähige institutionelle Arrangements kollektive Lasten besser organisieren und Konflikte bearbeitbarer machen können. ↩︎