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Nicht investieren, um nichts Böses zu tun?

··1249 Wörter·6 min
Inhaltsverzeichnis

1. Nicht-Investieren macht nicht unverstrickt
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Man hört gelegentlich den Satz: Ich investiere nicht am Aktienmarkt. Ich weiß ja nicht, wohin mein Geld geht. Ich will nichts Böses tun: Öl, Rüstung, Ausbeutung.

Die Haltung ist verständlich. Sie enthält eine richtige moralische Intuition: Geld ist nicht neutral. Kapital ermöglicht, stabilisiert und belohnt wirtschaftliche Tätigkeiten. Wer investiert, beteiligt sich – zumindest indirekt – an Unternehmen, Branchen und Geschäftsmodellen.

Aber die Schlussfolgerung ist zu einfach.

Wer ein Sonntagsbrötchen kauft, nutzt sehr wahrscheinlich eine Produktionskette, in der fossile Energie vorkommt: Landwirtschaft, Dünger, Transport, Strom, Verpackung, Maschinen, Backofen. Ähnliches gilt für Kleidung, Medikamente, Smartphone, Internet, Heizung, Auto, Bahn, Krankenhaus, Schule und Verwaltung.

Das bedeutet nicht, dass alles gleich schlimm wäre. Es bedeutet nur: Die Vorstellung, man könne durch Nicht-Investieren moralisch außerhalb der problematischen Weltwirtschaft stehen, ist eine Illusion. Es gibt kein Draußen.

Man konsumiert weiterhin. Man zahlt Steuern. Man nutzt Infrastruktur. Man lebt in einer wertschöpfenden Ordnung, deren Voraussetzungen nicht vollständig sauber sind.

Die Frage lautet deshalb nicht: Wie bleibe ich völlig rein?

Die bessere Frage lautet zunächst bescheidener: Welche besonders naheliegenden und gut erkennbaren Beteiligungen an schweren Schäden kann ich vermeiden – und wo beginnt eine Verantwortung, die nicht mehr privat moralisch, sondern politisch, gesellschaftlich, institutionell gelöst werden muss?

2. Investieren ist nicht dasselbe wie Kaufen
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Wer eine Aktie an der Börse kauft, gibt dem Unternehmen in der Regel nicht unmittelbar neues Geld. Obwohl es sich um verbriefte Unternehmensbeteiligungen handelt, die ursprünglich der Kapitalbeschaffung dienten, kauft man den Anteil einem anderen Anleger ab.

Das schwächt die direkte Schuldbehauptung: Der Kauf einer Ölaktie ist nicht dasselbe wie der Kauf eines Liters Benzin. Der Kauf einer Rüstungsaktie ist nicht dasselbe wie der Kauf einer Waffe.

Aber es macht Investieren auch nicht bedeutungslos. Aktienkurse berühren in vielfältiger Weise Unternehmen: ihre Kapitalkosten, Managementanreize, Reputation, Indexgewichtung, strategische Spielräume.

Wenn viele Anleger bestimmte Geschäftsmodelle meiden, verteuert das indirekt und langfristig ihre Finanzierung. Oder involvierte Unternehmen kommen unter Umständen schwerer an Kapital und geraten gesellschaftlich unter Rechtfertigungsdruck.

Ein einzelner Kauf wiegt wenig. Viele Käufe wirken sich aus – nur dass niemand genau weiß, wie. Es ist, wie eigentlich immer in der modernen Welt, kompliziert.

3. Beispiele
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Fossile Energie: überall – aber nicht überall gleich
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Die Weltwirtschaft beruht weiterhin erheblich auf fossilen Energien. Fast jeder Konsum ist mindestens indirekt damit verbunden.

Trotzdem gibt es Abstufungen:

  • Ein breit gestreuter Welt-ETF enthält möglicherweise Öl- und Gasunternehmen.
  • Ein gezielter Kauf eines Ölkonzerns ist eine bewusstere Beteiligung.
  • Eine Wette auf steigende Ölpreise ist noch direkter.
  • Ein Investment in Kohleförderung oder neue fossile Erschließung ist besonders problemnah.

Moralisch zählt also nicht nur, ob irgendwo in der Kette fossile Energie vorkommt. Es zählt auch Nähe, Absicht, Vermeidbarkeit und Gewicht.

Rüstung: nicht eindeutig, aber auch nicht harmlos
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Bei Rüstung ist die Lage ähnlich kompliziert. Viele Güter sind „dual use“: Software, Sensoren, Halbleiter, Satelliten, Drohnen, Logistik, KI, Cloud-Infrastruktur, Stahl, Chemie und Maschinenbau können zivil und militärisch genutzt werden.

Wer jede indirekte Berührung ausschließen will, müsste große Teile moderner Industrie meiden.

Trotzdem gibt es klare Grenzfälle: geächtete Waffen, Angriffskriege, Repression, autoritäre Exportkunden, Streumunition, Landminen, nukleare Eskalationssysteme. Hier ist ein Ausschluss gut begründbar.

Eine seriöse Regel wäre also nicht: Rüstung ist immer eindeutig erkennbar und vollständig vermeidbar.

Nur: Hier beginnt das Problem. Als Privatanleger habe ich fast keine Möglichkeit, solche Verflechtungen verlässlich zu erkennen. Und selbst professionelle Anleger können Dual-Use-Zusammenhänge, Lieferketten, Tochtergesellschaften und Endverwendungen kaum, falls überhaupt, sauber trennen.

Atomkraft und Uran: ein anderer Grenzfall
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Bei Atomkraft geht es nicht nur um CO₂. Das für mich stärkste Gegenargument betrifft die Langzeitverantwortung: hochradioaktive Abfälle bleiben über Zeiträume gefährlich, die menschliche Institutionen weit übersteigen. Wir reden von Hunderttausenden von Jahren.

Aber auch hier, schon wieder: Es gilt abzuwägen. Sollte man nicht doch bestehende Atomkraftwerke noch dulden und zwar um einer Verringerung der CO2-Emissionen willen?

Man muss nicht behaupten, Endlagerung sei technisch unmöglich. Es reicht die vorsichtigere These:

Ich möchte nicht gezielt Rendite aus einer Technologie ziehen, deren Nutzen heute anfällt, während ein Teil der Last über sehr lange Zeiträume künftigen Generationen zugemutet wird.

Das ist kein Reinheitsargument, sondern ein Verantwortungsargument.

4. Moralische Geldanlage braucht keine Heiligkeit
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Eine vernünftige Herangehensweise könnte gestuft erfolgen:

  1. Akzeptiere die unvermeidbaren, letztlich undurchsichtigen Verflechtungen.
  2. Vermeide bestenfalls offensichtlich schädliche Unternehmen, eventuell Sektoren.
  3. Bevorzuge Unternehmen und Anlagevehikel, die eine Transformation in die richtige Richtung versprechen. (Allerdings ohne Gewähr!)
  4. Mache deine Hausaufgaben und prüfe – statt dich vorschnell moralisch selbst zu beruhigen.

Zusammengenommen verhilft eine solche Sicht der Dinge zu einer ehrlicheren Herangehensweise.

5. Der Sozialstaat lebt nicht von moralischer Unberührtheit
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Ein weiterer Punkt wird oft übersehen: Moderne Sozialstaaten sind auf industrielle und technologische Wertschöpfung angewiesen. Renten, Krankenversicherung, Pflege, Bildung, öffentliche Verwaltung, Justiz, Infrastruktur, innere Sicherheit und ökologische Transformation finanzieren sich nicht aus moralischer Distanz, sondern aus Steuern, Sozialbeiträgen, Unternehmensgewinnen, Löhnen und Konsum.

Wer sich aus der produktiven Wirtschaft heraushalten möchte, steht deshalb vor einem Problem. Denn obwohl sie zweifelsohne problematische Nebenfolgen zeitigt, schafft sie auch die materielle Grundlage für soziale Sicherung und öffentliche Handlungsfähigkeit.

Das rechtfertigt nicht jedes Geschäftsmodell. Kohleförderung, geächtete Waffen, schwere Menschenrechtsverletzungen, die gesellschaftsschädigende Förderung von hate speech oder erkennbar irreversible Langzeitrisiken können weiterhin gute Ausschlussgründe sein.

Aber es spricht gegen die pauschale Verwerfung eines Großunternehmens, eines Wirtschaftssektors oder einer ganzen Produktionskette.

Die Frage lautet daher nicht: Wie halte ich mein Geld von der Wirtschaft fern?

Das ist gar nicht möglich.

Sondern: Wie setze ich es in den mir gegebenen Grenzen sinnvoll ein?

Und hier schließt sich der angedeutete Kreis. Individuelle, Rendite suchende Geldanlage kann gesellschaftlich von Verantwortungsgefühl zeugen – vorausgesetzt, sie ersetzt nicht die Prüfung aus Punkt 2 von eben, sondern setzt sie voraus. Erstens unterstütze ich mit meinen Ersparnissen den wirtschaftlichen Fortgang. Zweitens sorge ich, wenn ich unter Berücksichtigung des Gesagten Ersparnisse gewinnbringend anlege, nicht nur für mich selbst vor, sondern helfe potenziell sogar, Rentenkassen und Sozialsysteme zu entlasten.

6. Die Grenze privater Ausschlussethik
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So weit die Theorie. In Wirklichkeit können Privatanleger kaum seriös beurteilen, welche Unternehmen mehr Schaden als Nutzen stiften. Selbst professionelle Anleger stoßen schnell an Grenzen.

Kapitalmärkte sind dafür nicht transparent genug und können es letztlich nicht sein. Fonds, ETF und andere Anlagevehikel enthalten Hunderte oder Tausende Unternehmen. Unternehmen wiederum haben Tochterfirmen, Zulieferer, Forschungskooperationen, Abnehmer, Finanzierungsbeziehungen und staatliche Aufträge. Und alles spielt sich oft global ab.

Manchmal springen bestimmte Unternehmen und Produkte als offensichtlich schädlich in die Augen. Man muss dennoch zugleich anerkennen, dass, wenn man sie meidet, keine moralische Reinheit erreicht wird.

Auch Zertifizierungen, Ausschlusslisten, ESG-Siegel befördern kein abschließendes Urteil – denn sie sind selbst überprüfungsbedürftig.1

Deshalb ist es eine Überforderung, vom einzelnen Anleger – also auch von sich selbst – eine präzise moralische Kartierung seiner Kapitalbeteiligungen zu verlangen.

Möglich bleibt nur eine bescheidenere Regel:

Informiere dich, aber verwechsle Vermeidung nicht mit verantwortlichem Verhalten. Prüfe, was prüfbar ist – und denke ab da politisch weiter. Es ist am Ende ein gesellschaftliches Problem, das politisch zu lösen ist.

Die unmittelbare Verantwortung liegt, meine ich, nicht beim einzelnen Anleger, weder dem privaten noch dem professionellen. Was systemisch vielfach verflochten ist, lässt sich nicht allein durch individuelles Kauf- oder Nichtkaufverhalten ordnen.

Auch sich moralisch gerierende Geldanlage gibt keine Gewähr, saubere Hände zu behalten. Sie ist bestenfalls eine begrenzte Praxis der Schadensvermeidung unter Bedingungen struktureller Intransparenz.


  1. ESG steht für Environmental, Social, Governance, also Umwelt-, Sozial- und Unternehmensführungs-Kriterien. ESG-Ratings und nachhaltige Fonds ersetzen jedoch keine Moralurteile. Sie beruhen auf unterschiedlichen Methoden, Gewichtungen und Schwellenwerten; oft messen sie eher finanzielle Nachhaltigkeitsrisiken für das Unternehmen als den tatsächlichen Schaden, den ein Unternehmen verursacht. ESG-Siegel können höchstens bei der Orientierung helfen; einfach zu trauen ist ihnen nicht. Sie ersetzen keine politisch verbindliche Regeln. ↩︎