1 Vorbemerkung #
Ich habe im folgenden kein Referat im üblichen Sinne verfaßt. Es handelt sich eher um eine Art Selbstverständigung – oder wenigstens den Ansatz dazu. Dem entspricht der zuweilen persönliche Ton, dem entspricht auch die z. T. lose, ja auch wie zufällige Reihung einiger Textpassagen. Es wird wenig begründet, schon gar nicht abschließend (das würde auch dem vorangegangenen Seminar nicht gerecht).
Denn das, worüber ich schreibe, läßt mich nicht kalt. Ich will selbst Lehrer werden. Und ich möchte ein guter Lehrer sein. Das Problem dabei ist: wie werde ich ein guter Lehrer?
Ich glaube, die Frage, was denn ein guter Lehrer sei, läßt sich nur zum Teil im Rekurs auf irgendwelche Fachliteratur beantworten. Diese kann helfen, relevante Aspekte herauszustellen, sie kann Orientierungspunkte aufzeigen. Doch sie kann keine gültige Antwort geben. Die muß jeder, den die Frage beschäftigt, für sich selbst finden, in einem ganz ursprünglichen Sinn.
Womit ein weiteres Problem angedeutet wäre: die Intimität der Überlegungen. Denn ernstgenommen rührt die Frage ans Eingemachte. Erinnerungen, Erfahrungen, Emotionen spielen eine große Rolle, wenn ich das „gut“ nicht nur technisch verstehen will, was einigermaßen lächerlich wäre. Denn ein guter Lehrer muß, soviel ist klar, irgendwie auch ein guter Mensch sein. (Und wenn ich das nach eigenem Befund nicht bin: könnte ich es denn werden?)
2 Schule in der Gesellschaft #
Auf die Frage, wie eine Gesellschaft beschaffen sein müsse, in der Kinder und Jugendliche es als selbstverständlich ansähen, ihre Begabungen und Fähigkeiten zu entfalten, schrieb 1981 Gerold Scholz:
„Eine Antwort ist sicher. Eine technokratisch-kapitalistische Gesellschaft kann dies nicht leisten. Und eine Lehrerausbildung, die den Lehrer lehrt, seine Schüler auf eben diese Gesellschaft vorzubereiten, zerstört die Persönlichkeit des Lehrers und die der Schüler.“ (S. 179)
Fünfzehn Jahre später ist in einem Zeitungsartikel über den evangelischen Kirchentag 1995 in Hamburg zu lesen:
„Da saßen sie in lichten Hallen und dunklen Kirchen und suchten nach Alternativen zum alles verschlingenden Markt. […] Heiner Geißler (CDU) forderte donnernd, die Gesellschaft brauche den dritten Weg, den Königsweg. […] Doch auch er hat nichts gesagt, was die Zuhörer weitergebracht hätte. Viele gingen vorzeitig, ermüdet von Rede und Gegenrede, von Forderungen wie: Wir müssen etwas gegen den grassierenden Ökonomismus tun. Schön gesagt, nur: Wie? […] Also weitersuchen. […] Solche Berichte sind nicht neu, aber sie gehen unter im bunten Wohlstandsalltag.“
Noch ein drittes Zitat von Hilbert Meyer:
„Ich fasse zusammen: In Schulen sind sowohl Strukturmomente von Organisationen wie auch von Institutionen miteinander vermengt. […] Deshalb bietet sich eine Mischdefinition an:
Definition Nr. 4: Schulen sind historisch gewachsene und bürokratisch organisierte Institutionen zur Reproduktion der Gesellschaft und zur Sozialisation des einzelnen.“
Ich möchte diese Zitate gar nicht weiter kommentieren. Sie erfüllen ihren Zweck, wenn das folgende gelesen wird vor dem durch sie entworfenen Hintergrund. Denn seine Identität gewinnt niemand nur für sich – gerade seine berufliche nicht.
3 Schule und die berufliche Situation der Lehrer #
Aus der Sicht eines ehemaligen Schülers #
Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, erinnere ich mich vornehmlich der Lehrer: ihnen war ich, tagein, tagaus, auf Jahre hin ausgesetzt. Der Schulstoff, ja selbst die Beziehungen zu den Mitschülern treten in meiner Erinnerung im Vergleich zu ihnen zurück.
Ich lernte sie hassen – die Lehrer und ihre Schule. Anscheinend selbstherrlich entschieden sie über mein Wohl und Wehe. Ich erlebte sie als autoritäre, anmaßende, nicht selten sadistische Persönlichkeiten, unter denen ich litt. Daß ich von der Schule flog, war eine der Konsequenzen.
Aus Lehrersicht #
Demgegenüber stehen Berichte, nach denen Lehrer selbst unter ihrem Beruf leiden. In keinem anderen Beruf scheiden mehr Personen frühzeitig aus.
Ärger, Angst, Streß, Schlafstörungen gehören zu den zermürbenden Begleiterscheinungen. Viele fliehen in Krankheit oder vorzeitigen Ruhestand. Genannt werden Herz- und Kreislaufleiden, Schäden des Bewegungsapparates und vor allem Nervenerkrankungen.
Aus der Sicht der Forschung #
Ende der siebziger Jahre zeigten sich noch etwa 80 % der Lehrer mit ihrem Beruf zufrieden. Die Tätigkeit scheint strukturell die Persönlichkeit zu stärken:
- hohe Autonomie in Planung und Durchführung
- große Freiheit bei Unterrichtsgestaltung
- geringe Fremdkontrolle
- hoher sozialer Status
Dennoch stellte Merz fest, daß progressive Lehrer unzufrieden sind:
„Ein progressiver Lehrer kann im derzeitigen Schulsystem nicht zufrieden werden.“
Weidenmann formuliert zugespitzt:
„Die Vorzüge des Lehrerberufs können den Lehrer verkümmern lassen.“
4 Lehrerpersönlichkeit und Erziehung #
Unbestritten ist die Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit. Bildung entsteht nicht aus Stoff, sondern aus persönlich vertretener Weltauffassung.
Lehrer wirken nicht primär durch Wissen, sondern durch Persönlichkeit. Diese ist selbst geworden, geprägt durch eigene Erfahrungen – auch verdrängte. In der Erziehung begegnet man nicht nur dem Kind vor sich, sondern auch dem Kind in sich.
Daraus entsteht ein Spannungsfeld:
- eigene Geschichte wirkt in pädagogischem Handeln fort
- Kritik wird oft persönlich genommen
- daraus entsteht „Lehrerindividualismus“ als Schutzmechanismus
Von Seiten der Schüler gilt:
Erziehung gelingt nur, wenn Lehrer die Geschichte ihrer Schüler verstehen – besser verstehen, als diese sich selbst. Dies ist keine Anmaßung, sondern Verantwortung.
5 Vom Studenten zum Lehrer #
Die Hochschulausbildung trägt diesem Umstand kaum Rechnung:
„Pädagogik studieren heißt: Aneignung von Wissen und Methoden […] aber nicht Entwicklung einer pädagogischen Persönlichkeit.“
Studenten bleiben oft Objekte eines Vermittlungssystems. Ihre eigene Entwicklung bleibt Privatsache.
Ein alternatives Seminar versuchte, Praxis und Reflexion zu verbinden:
- Praxis hervorbringen
- Praxis verstehen
- Erkenntnisse entwickeln
- Erkenntnisse wieder in Praxis überführen
Ein solcher Ansatz scheiterte im konkreten Fall weitgehend am mangelnden Engagement der Teilnehmer.
6 Identitätsfindung – Übungen für die Arbeit am Selbst #
Das Thema „Ich/wir als zukünftige LehrerInnen“ wurde nur unzureichend bearbeitet. Gruppenarbeit kam kaum zustande.
Die Reflexion blieb letztlich individuell. Sie speist sich aus persönlichen Erfahrungen:
- Ablehnung der Schule in der eigenen Jugend
- später differenziertere Sicht als Vater und Bürger
- Einsicht in die gesellschaftliche Bedeutung der Schule
Die Schule ist nicht nur Opfer der Gesellschaft, sondern kann diese auch verbessern.
Die vorbereiteten Übungen blieben ein Fragment – ein nicht eingelöstes Experiment.
7 Literatur #
- Gudjons, H./Reinert, G.-B. (Hrsg.): Lehrer ohne Maske? Königstein/Ts. 1981.
- Merz, J.: Berufszufriedenheit bei Lehrern. Weinheim 1979.
- Scholz, G.: „Ein Stück Auflehnung gegen das Bestehende“. In: Gudjons/Reinert 1981.
- Weidenmann, B.: „Deformiert der Lehrerberuf die Persönlichkeit?“ In: Gudjons/Reinert 1981.
- Homfeldt, Hans Günther / Schulz, Wolfgang / Barkholz, Ulrich: Student sein – Lehrer werden? Selbsterfahrung in Studium und Beruf. München: Kösel, 1983.