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Ungleichheit muss sein, Teil 1: Warum sie unvermeidlich ist

··4330 Wörter·21 min
Inhaltsverzeichnis

Warum Ungleichheit unvermeidlich ist — und wann sie zerstörerisch wird
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Dieser Text ist Teil einer dreiteiligen Analyse mit den Grenzen unseres Wirtschaftssystems – und vielleicht unserer Zivilisation. Teil 1 untersucht die Ursachen, Teil 2 die Dynamik, Teil 3 mögliche Antworten.

Ich setze damit eine Reihe fort: In Wohlstand für alle habe ich die exponentielle Mechanik des Wachstumszwangs analysiert. In Wunder gibt es immer wieder? die evolutionären Gründe, warum wir mehr als gefordert sind, unsere Zivilisation zu bewahren.

Hier nun stelle ich die Frage: Warum und wie verwandelt sich funktionale Ungleichheit in destruktive Ungerechtigkeit?

Gesellschaftliche Ungleichheit als solche, sogar wenn sie extrem sich zeigt, ist keine neue Erscheinung. Sie ist weder wegzudenken noch, das mag überraschen, dauerhaft zu beseitigen.

Ungleichheit ist kein Makel, sondern eine Konstante – sie verschwindet nicht, sie verändert nur ihre Form.

Damit, dass Ungleichheit sein müsse, meine ich ihre funktionale Seite. Ohne Differenzierung, komplexe Arbeitsteilung, Spezialisierung und Verantwortung wären Zivilisationen nicht möglich. Sie erfordern unterschiedliche Rollen – und damit ungleiche Zugänge zu Ressourcen.

Doch in unseren Tagen überschreitet die Ungleichverteilung – historisch gesehen: mal wieder – tolerable Grenzen. Nämlich dann, wenn sich wirtschaftliche und politische Macht in wenigen Händen verdichtet. Dadurch nehmen Willkür, Maßlosigkeit und Machtmissbrauch überhand. Wenn wir heute materielle und politische Ungleichheit in den Vordergrund rücken, ist das nur eine ihrer Ausprägungen – allerdings diejenige, die Zivilisationen am stärksten formt. Und spaltet.

Das Wachstum der Nachkriegsjahrzehnte versorgte breite Schichten mit Wohlstand – und kaschierte dabei die eigentliche Dynamik. Nun kann es die strukturelle Schieflage nicht mehr kompensieren.

Die gesellschaftlichen Risse werden unübersehbar. Das Ausmaß an Ungleichheit sprengt gesellschaftlich anzuerkennende, sozial zu akzeptierende Unterschiede in den Lebensmöglichkeiten. Ab einem schwer zu bestimmenden Punkt schädigt dann Ungleichheit das Gemeinwohl irreversibel und unterhöhlt sogar die Lebensgrundlage für „die Reichen“. Vor allem aber hindert sie die unteren Schichten vollends daran, ihr Leben, sei es noch so bescheiden, menschenwürdig zu leben.

Zur begrifflichen Klarheit verwende ich im Folgenden „Ungleichheit“ für funktionale Differenz und spreche von „Ungerechtigkeit“, wo Ungleichheit die Grenze des sozial Akzeptablen überschreitet – wobei allerdings Gerechtigkeit hier begrifflich nicht im Mittelpunkt steht. Diese Unterscheidung zwischen „funktional notwendig“ versus „normativ zu begrenzen“ leitet jedoch den Text.

Meine Grundthese: Ohne strukturell wirksame Eingriffe wird sich die Konzentration von Vermögen und Macht weiter verstärken – schneller, als politische Korrekturen mithalten können. Und die Spannungen ins ökonomisch Untragbare und sozial Unerträgliche werden zunehmen. Das ist die Folge der exponentiell wirkenden Mechanik unseres wachstumsgetriebenen Wirtschafts– und Finanzsystems.

Die Verfestigung von Ungleichheit lässt sich mit einem astronomischen Bild fassen: Ein anfänglich kleiner Himmelskörper (das Startkapital) gewinnt durch die Gesetzmäßigkeit der Beschleunigung (Zins und Rendite) so schnell an Masse, dass er ab einem gewissen Punkt eine solche Gravitation entwickelt, dass niemand mehr entkommen kann. Das Problem liegt nicht im Objekt, sondern in den Gesetzen, die seine Dominanz exponentiell verstärken.

Daraus folgt mit hoher Wahrscheinlichkeit ein systemisches Scheitern – sofern nicht eingegriffen wird. Denn es liegt im Wesen der Wachstumslogik selbst, deren fatale, utilitaristisch fundierte Natur („Mehr ist besser“) ich hier schon versucht habe, anschaulich darzustellen.

Die Konsequenz: Das Problem ist nicht nur ökonomischer, sondern auch anthropologischer Natur. Um die Mechanik der Ungleichheit zu entlarven, müssen wir zunächst verstehen, wie Ungleichheit in menschlicher Gesellschaft überhaupt entsteht und persistiert. Deshalb wenden wir uns den historischen und anthropologischen Wurzeln der Akkumulation zu.

Mein Kompass: Funktionale Ungleichheit ist akzeptabel, solange sie Zivilität trägt. Destruktive Konzentration von Vermögen und Macht hingegen ist zu begrenzen. In meinen Lösungsvorschlägen genießen Ordnungspolitik, Transparenz und kooperative Gemeinwohl–Governance Priorität vor bloßer Umverteilung.

Wie reißende Wölfe, Blut zu vergießen
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Auch wenn wir heute, allzu geschichtsvergessen, doch klassenbewusst sinnend unsere Bauchnäbel umkreisen: Klagen über zu große, sich immerzu vertiefende soziale Unterschiede begleiten den Prozess der Zivilisierung seit rund 10.000 Jahren, mindestens seit Sesshaftigkeit und Akkumulation einsetzten.

Denn wo sich Ressourcen, Macht und Wissen konzentrieren, kommt es zu gesellschaftlichem Gefälle, sich ausdrückend in Elitenbildung1 und dem Genuss durchaus obszöner Privilegien.

Und diese Privilegien, beobachten Historiker, halten sich. Lange. Auch werden sie bei Bedrohung mit Zähnen und Klauen verteidigt, wie es in der Bibel heißt. Und das ist keine bloße Metapher. Sondern das Festhalten der Oberen Zehntausend am Wohlleben auch auf Kosten aller anderen hat historisch sich als eine Gegebenheit erwiesen.

Nehmen wir als illustrierendes Beispiel den biblischen Propheten Hesekiel (ca. 593–571 v.u.Z.), der erkannte:

„Ihre Fürsten sind darin wie reißende Wölfe, Blut zu vergießen und Seelen zu verderben um ihres Gewinnes willen" (Hes 22,27)2.

Mitreißend und alttestamentarisch bildstark, ist es doch im Grunde schon systemisch gedacht! Es geht nicht um diesen oder jenen Fürst. Es geht um diese ganze Klasse da oben, die allen anderen das Leben schwer macht.

Wölfe jagen nämlich im Rudel. Sie gehen gezielt, fast strategisch, und organisiert vor. Wie diese Raubtiere kämpfen Privilegierte, falls erforderlich, um ihre Sonderstellung. Und zwar mit all den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln.

Hesekiel schlägt daher vor:

„Schlagt tot ohne Erbarmen: Alte, Jünglinge, Jungfrauen, Kinder und Frauen [, die nicht] seufzen und jammern über alle Gräuel" (Hes 5–6; 9,4).

Will sagen: alle, die zur Wolfsklasse gehören.

Die Botschaft ist brutal und eindeutig: radikale Eliminierung der herrschenden Klasse. „Die werdet ihr nur los, wenn ihr sie ausrottet. Alle!“

Damit erklärt der Prophet Moral für untauglich und diagnostiziert strukturell: Wo sich nur noch Täter und Opfer gegenüberstehen, und wo jene das System, das sie tragen soll, destabilisieren und die Opfer mit sich reißen; dort sind sie, im Namen und mit Billigung Gottes, zu tilgen von dieser Erde.

Hesekiel mag („gefühlt“) recht gehabt haben. Seine Empörung war begründet. Nicht zuletzt erfüllte sich seine Prophezeiung sogar. Jerusalem fiel neun Jahre nach seinem revolutionären Aufruf.

Nur: Gebracht hat es, auf lange Sicht und mit Blick über seine doch kleine Gemeinschaft hinaus, nicht viel. Die Ungleichheit erhob ihr Haupt erneut, in Jerusalem und anderswo.

Gewöhnlich trotzen Privilegierte beinahe mit Leichtigkeit sowohl moralischen Appellen als auch mehr oder weniger brachialen Umverteilungsversuchen.

Zu Revolutionen kommt es selten. Neuanfänge blieben historisch überhaupt die Ausnahme, und selbst tiefgreifende Reformen führten meist nur zu begrenzten Justierungen. Walter Scheidel hat in The Great Leveler (2017) gezeigt, dass substanzielle Reduktionen hoher Vermögensungleichheit nahezu ausschließlich infolge extremer „nivellierender“ Schocks eintraten – Kriege, Revolutionen, Staatskollaps oder Pandemien – und dass freiwillige oder graduelle Umverteilung in komplexen Gesellschaften historisch kaum je nachhaltige Gleichheit erzeugte.3

Scheidel hat zudem gezeigt, dass Phasen geringerer Ungleichheit historisch fast immer nur vorübergehend waren: Sobald der jeweilige Schock abgeklungen war, setzte die Tendenz zur Re-Akkumulation erneut ein. Gleichheit erwies sich als episodisch; Ungleichheit als der stabile Normalzustand komplexer Gesellschaften.3

Denn die Unterprivilegierten spielen ja mit, signalisieren sogar nicht selten Einverständnis mit einer hierarchisch-pyramidalen Ordnung – was wiederum auf eine anthropologische Komponente hindeutet. In diese Richtung argumentiert zum Beispiel der Philosoph Hanno Sauer.

Sauer zeigt in Klasse: Die Entstehung von Oben und Unten, wie das funktioniert: Das System selbst reproduziert Privilegien durch institutionelle Trägheit, kulturelle Codes und Netzwerkeffekte. Privilegierte müssen ihre Position oft über Generationen nicht aktiv schützen. Sie wird durch die gesellschaftliche Kultur erhalten, in der und mit der alle leben. Mehr noch: Privilegien erzeugen eine eigene moralische Grammatik („Ich habe hart gearbeitet“, „Jeder kann es schaffen“), die strukturelle Vorteile tendenziell verschleiert oder als individuellen Verdienst umdeutet.4


Solche Erkenntnisse seien allzu eifrigen Umverteilern ins Stammbuch geschrieben:

Denkt anthropologisch, historisch, systemisch! Nicht von unten nach oben. Denkt global! Denkt als Menschen!

Selbst die größten Nationen und ihre Zustände können heute nicht mehr zum Maß genommen werden. Stellt euch der Frage, wieso trotz aller Revolutionen und kurzfristiger Machtwechsel die Ungleichheit als gesellschaftliches Phänomen geschichtlich überdauert hat. Sie verschwand nicht nur nicht; sie vertiefte und verfestigte sich sogar! Immer wieder von Neuem.

Die Quälgeister „da oben“ ausrotten zu wollen, löst das Problem nicht. Die Enteignung von Vermögen durch Substanzbesteuerung, also gewissermaßen das rechtstaatliche Äquivalent fürs Totschlagen, mag kurzfristig befriedigen, falls es überhaupt gelingt. So wie Rache kurzfristig eine Untat scheinbar wieder „gut zu machen“ vermag. Doch wird eine Steuer die Ungleichheit als solche niemals besiegen!


Demgegenüber könnte, dafür plädiere ich, eine sogenannte Gemeinwohl-Governance ein positives Signal senden („Ko‑Gestaltung“). Dieser Ansatz würde die Expertise und Netzwerke der Privilegierten nutzen statt nur neidisch darauf zu schielen, um etwas abzubekommen. Er könnte bestenfalls sogar ein ganz grundsätzliches “Wir”-Gefühl zutage fördern statt nur sinnlos noch mehr Keile zwischen Reich und Arm zu treiben. Nämlich ein Wir, das die Menschheit umfasst. Nichts eint uns mehr als Mensch zu sein.

Erkennt an, Umverteiler, dass schon das Leben selbst ungleich verteilt: Kräfte, Fähigkeiten, Begabungen, Glück oder Scheitern. So auch Armut und Reichtum. Man sagt zwar: Die oder jene seien von Armut „betroffen“. Doch so ungewohnt es klingt: Umgekehrt ist es ebenso! Reichtum „trifft“ die einen so wie Armut die anderen. Es ist derselbe Zufall, dasselbe Glück oder Pech. Der Großteil der reichen Personen wird reich geboren oder ist/wird reich durch Familienbande. Ein im Vergleich verschwindend kleiner Teil macht sein Glück. Verdient jedoch, verdient ist es nie.

Ein Abbau der übersteigerten Extreme kann meines Erachtens nur, wenn überhaupt noch, mit den Vermögenden zusammen, mit ihrem grundsätzlichen, wenn auch wohl zähneknirschenden Einverständnis, jedoch nicht gegen sie dauerhaft gelingen. Denn sie verfügen über die Ressourcen. Die Macht ist mit ihnen! Solange jedenfalls, bis die Verhältnisse insgesamt aus den Fugen geraten und keiner mehr verschont bleibt – was nun niemand ernsthaft wünschen kann.

Überzeugt, Umverteiler, die Reichen davon, dass alle Menschen, ja alles Leben, letztlich im selben Boot sitzt. Es trägt den Namen „Erde“ und treibt verloren durch ein weites, ungeheuerliches All.

Macht denen da oben klar, dass WIR alle zur Hölle fahren in diesem Boot, wenn WIR so weiter machen. Und es wird keinen Unterschied mehr geben zwischen Arm und Reich.

Seit ungefähr 250 Jahren treibt die Menschheit immer offensichtlicher in Richtung unbekanntes Terrain, vielleicht sogar über einen Ereignishorizont hinaus, über den hinaus sie jeder Kontrolle verlustig zu gehen droht – vergleiche dazu meine Schwarze-Loch-Metapher und die Erörterung einer mathematischen Gesetzmäßigkeit).

Das Einverständnis der Privilegierten in diesem einen Punkt einzuholen, sollte nicht unmöglich sein. WIR, arm wie reich, erleben und durchleben schließlich gerade Jahrzehnte, in dem das Durcheinander für alle beschleunigt zunimmt. Wer nicht vollständig dem Drei-Affen-Syndrom erlegen ist,5 fühlt sich nicht mehr ganz wohl in seiner Haut. Jeder Mann und jede Frau kann das Unheil spüren, auf das wir uns zuzubewegen scheinen.

Zur Grundlage der Verständigung müssten wir nehmen, dass funktionale Ungleichheit zu akzeptieren ist, wenn auch zähneknirschend. Systemisch destruktive Ungleichheit jedoch, schreiende Ungerechtigkeit, die allen den Boden unter den Füßen entzöge, ist es nicht.

Darüber hinaus wäre natürlich zu wünschen, dass nicht nur Angst vor Absturz, sondern die Sorge um das Gemeinwohl zu Änderungen motivieren würde.


Ich möchte mir – und Ihnen, die Sie hier lesen – gerne einreden, dass die Offenlegung der „Mechanik" der Ungleichheit dazu beiträgt, diesem oder jener die Augen zu öffnen. Und dass dies am Ende vielleicht sogar zu Bemühungen führt, die Aus- und Nebenwirkungen immerzu weiter getriebenen Wachstums nachhaltig zu begrenzen.

Begleiten Sie mich auf folgenden Weg:

  • Zunächst skizziere ich historische und anthropologische Wurzeln von Ungleichheit; ich zeige, dass es egalitäre Versuche gegeben hat, und dass sie in einem gewissen Rahmen sogar etabliert werden konnten.

  • Sodann erläutere ich (noch einmal) die Finanzmechanik, die zur gesellschaftlich unhaltbaren Konzentration von Vermögen führt.

  • Anschließend weise ich auf die Grenzen moralischer Appelle hin.

  • Schließlich leite ich zur Ordnungspolitik über – mit konkreten Instrumenten und Messpunkten.

In diesem Text frage ich mithin nicht nach individuellen Schicksalen, sondern nach systemischen Gründen, warum Ungleichheit entsteht, sich verschärft und persistiert; und warum darauf bauende Privilegien sich verhärten anstatt zu verschwinden.


Wo Ungleichheit entsteht: Sesshaftigkeit, Skalierung und menschliche Natur
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Wer Ungleichheit verstehen will, muss ihre Ursprünge ergründen. Woher kommt sie? Wieso scheint sie jegliche Zivilisation zu begleiten? Ja, zu bedingen!

Mit der Sesshaftigkeit begann der lange Weg der Differenzierung. Die Kontrolle über Ressourcen – Land, Wasser, Saatgut – ermöglichte erstmals systematische Akkumulation. Einmal angelegte Vorräte mussten geschützt, verwaltet, verteilt werden. Was als praktische Notwendigkeit begann, verfestigte sich zu Hierarchien. Die Menschen ordneten sich ein und fanden darin ihren Platz. Zivilisationen in der Form immer komplexerer Verbände entwickelten sich.

Egalitäre Gegenmodelle
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Aber war dieser Weg wirklich unvermeidlich?

David Graeber und David Wengrow haben in The Dawn of Everything (2021) eine Gegenthese formuliert: Ungleichheit ist keine Naturnotwendigkeit, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen. Sie belegen ihre These archäologisch, etwa durch Beispiele wie Çatalhöyük in der heutigen Türkei – eine neolithische Stadt mit mehreren tausend Bewohnern, ohne Paläste, ohne Prunkgräber, ohne erkennbare Eliten–Phänomene. Alle Häuser ähnlich groß, keine ersichtliche monumentale Architektur der Macht. Und: Sie hatte offenbar über mehr als tausend Jahre Bestand.6

Auch andere Gesellschaften experimentierten mit egalitären Formen, weltweit: Manche nordamerikanischen Mound-Kulturen wechselten bewusst zwischen hierarchischen und egalitären Phasen. Indigene Konföderationen wie die Irokesen entwickelten komplexe politische Strukturen ohne ökonomische Dominanz. Die Indus-Kultur baute hochentwickelte Städte – ohne auf Herrscher zugeschnitten gewesen zu sein.

Es gab also Alternativen. Sie funktionierten. Über Jahrhunderte, teils Jahrtausende.

Sie setzten sich aber offensichtlich nicht flächendeckend durch.

Weiter: Wenn wir Zivilisation nicht nur im Städtebau verwirklicht betrachten, sondern als komplexe kulturelle Organisation – mit Rechtsnormen, Ritualen, Genealogien, Handelsnetzwerken, politischen Strukturen –, dann waren auch nomadische Gesellschaften durchaus zivilisatorisch, obwohl keine übermäßigen Hierarchien institutionell ausgeprägt wurden.

Auch sie erscheinen als tendenziell egalitär, weil:

  • eine umherwandernde Bevölkerung die Akkumulation von Kapital mindestens be-, wenn nicht verhindert.
  • in Stammes– und Familienverbänden direkte soziale Kontrolle die Regel bleibt.
  • die „Exit-Option" (Abwanderung) die Zentraliserung, gar Personalisierung von Macht erschwert.

Doch selbst nomadische Gesellschaften teilen das Schicksal egalitärer Ansätze; auch sie kippen, hat es historisch gesehen den Anschein, unter imperialer Skalierung in Hierarchie.

Berühmtes Beispiel: Unter Temüjin, bekannter als Dschingis Khan, wurden lockere Stammesverbände militärisch in eine hierarchische, auf die Herrscherperson zugespitzte Dezimalorganisation überführt, Entscheidungen im Kurultai7 (Fürstenversammlung) gebündelt und Tribut- und Verwaltungsstrukturen aufgebaut. Mit dem Ergebnis einer deutlich ausgeprägten Stratifikation („soziale Schichtung“) und der Etablierung eines zentralen Machtzentrum. Expansion scheint Komplexität und damit Ungleichheit zu erzwingen.


Warum also führte der „Hauptstrom" der Geschichte zu stratifizierten Gesellschaften, in denen Komplexität mit Hierarchie Hand in Hand ging?

Die Antwort liegt wohl in der Skalierung.

Egalitäre Gesellschaften funktionierten dort, wo Menschen persönlich vernetzt waren: in überschaubaren Gruppen, wo man sich kannte oder jedenfalls noch kennen konnte, wenn man es wollte; wo Scham und Rituale soziale Kontrolle ermöglichten; wo Überschüsse rituell verteilt oder gar nicht erst akkumuliert wurden. Oder wo es gelang, externe Gründe für Ungleichheit den Menschen glaubhaft zu vermitteln („gottgewollte Ordnung“).

Doch sobald Gesellschaften wuchsen – zu Städten, zu Staaten, zu Imperien –, änderte sich die Dynamik:

  • Anonymität ersetzte persönliche Beziehungen
  • Institutionen ersetzten direkte Kontrolle
  • Überschüsse wurden streitbar
  • Äußerer Druck (Krieg, Expansion) begünstigte Hierarchie

Gleichheit war nicht unmöglich – aber sie erwies sich als umso fragiler, desto komplexer das Zusammenleben wurde. Hierarchische Systeme erwiesen sich als effizienter, skalierbarer, durchsetzungsfähiger. Nicht weil sie menschlicher, sondern weil sie strukturell überlegen waren.

All das bestätigt damit die These: Ungleichheit ist nicht politisch zwingend; es gab egalitäre Ansätze. Aber Gleichheit scheint systemisch unwahrscheinlicher bei Sesshaftigkeit, Akkumulation und, anscheinend vor allem, Komplexität und Skalierung.

Die Frage: „Welche strukturellen Bedingungen begünstigen Ungleichheit?“ führt also anscheinend immer zu den Phänomenen der Sesshaftigkeit und Komplexität.

Anthropologische Konstanten auf Individualebene
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Dennoch, scheint mir, ist das Phänomen der Ungleichheit nicht allein ursächlich auf sich verbreitende Sesshaftigkeit zurückzuführen, sondern wurzelt tiefer, nämlich auch in verbreiteten menschlichen Eigenschaften.

Anhand wiederkehrender Figuren in jeder Gesellschaft und einem bekannten Brüderpaar aus der griechischen Mythologie möchte ich daran erinnern:

Das strategische Subjekt - Oder der Pursuit of Happiness
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Die amerikanische Declaration of Independence spricht vom “pursuit of Happiness” – dem Streben nach Lebensglück. Menschen verfolgen Ziele, handeln strategisch, maximieren ihren Vorteil. Das ist nicht verwerflich, sondern konstitutiv für menschliches Handeln.
Aber: Im Zweifel geschieht das auf Kosten anderer. Nicht unbedingt aus Bosheit – sondern aus der Logik begrenzter Ressourcen und unbegrenzter Wünsche.

Der Trittbrettfahrer – Das opportunistische Wesen
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Mancur Olson identifizierte ökonomisch und Robert Trivers in seiner evolutionsbiologischen Forschung das fundamentale Problem des „free-riding“: Individuen, die von kollektiver Kooperation profitieren, ohne selbst beizutragen.8
Sie nutzen Normen instrumentell – befolgen sie, wenn sie ihnen nützen; umgehen sie, falls nicht und wenn sie damit davonkommen.

In kleinen Gruppen kann soziale Kontrolle (Scham, Ausschluss, Sanktion) solches Verhalten begrenzen. In anonymen, großen Gesellschaften versagt dieser Mechanismus. Trittbrettfahrer werden strukturell begünstigt.

Später wurden allerdings von Elinor Ostrom diese Ansichten relativiert, präzisiert und kontextualisiert. Sie zeigte, dass funktionierende Kooperation ohne zentralen Zwang oder moralische Überhöhung möglich ist – sofern klare, lokal verankerte Regeln bestehen.9

Ihre empirischen (!) Untersuchungen widersprechen der alten Dichotomie von Markt und Staat: Gemeinschaften können kollektive Ressourcen eigenständig verwalten, wenn sie anerkannte Normen, Überwachung und abgestufte Sanktionen etablieren.

Solche „bottom-up“-Institutionen sind Beispiele modern gefasster praktischer Vernunft – in Aktion, nicht in Predigtform. Sie beweisen, dass moralische Einsicht wünschenswert ist, aber nicht notwendig, solange Strukturen Kooperation belohnen.

Der Trickster – Die Figur der Ambivalenz
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In den Mythologien aller Kulturen taucht eine dritte Figur auf: der Trickster.10 Loki in der nordischen Mythologie, Hermes bei den Griechen, Anansi in westafrikanischen Erzählungen, Coyote in indigenen nordamerikanischen Traditionen, Eulenspiegel im europäischen Mittelalter. Der Trickster erscheint kulturübergreifend. Es sind Gestalten, die Grenzen austesten, Regeln brechen, Chaos stiften – und Veränderungen anstoßen.

Gemeinsam ist den Deutungen die Erkenntnis, dass der Trickster keine pathologische Abweichung darstellt, sondern eine anthropologische Konstante – eine Figur, die Systeme testet, Erstarrung verhindert, aber auch Instabilität erzeugt. Sie steht für Wandel.

In modernen, anonymen Gesellschaften verliert die Trickster-Energie ihre rituell gebundene, gemeinschaftlich kanalisierte Form und kann in destruktive Muster umschlagen: aus spielerischer Subversion wird systematische Täuschung, aus kreativem Regelbruch wird opportunistische Ausbeutung von Grauzonen.

Der Trickster verkörpert ein anthropologisches Grundmuster: den Drang zur Subversivität – aus Spieltrieb, Neugier, Rebellion, Überlebenswillen, Kreativität.

Jedoch: Der Trickster wirkt mehrdimensional. Anders als der Trittbrettfahrer ist der Trickster nicht rein eigennützig. Er fordert erstarrte Strukturen heraus, schafft aber auch zuweilen neue Möglichkeitsräume. Er stabilisiert und destabilisiert zugleich. Nur in unübersichtlichen, anonymen Systemen mutiert kreative Subversion gelegentlich zu systematischem Missbrauch.

Beide Figuren erinnern uns daran, dass soziale Regelsysteme nie lückenlos funktionieren – sei es aus strategischem Kalkül oder aus dem fundamentalen Bedürfnis, etablierte Grenzen zu überschreiten.

Der oder die grundlos Böse
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Obwohl in idealisierten Moraltheorien oft ausgeblendet und überhaupt gerne übersehen: Es gibt Menschen ohne gelebte Empathie, ohne Fairness, ohne moralische Rücksicht und sogar welche, die durchaus mit Empathie ausgestattet sind, doch nur, um diese manipulativ einzusetzen. Man kennt sie als „die Bösen“.

Sie sind keine Opportunisten, keine Trickster, – sondern Menschen, die einfach nehmen, was sie wollen, wenn man sie nicht stoppt. Gangster, Sozio– und Psychopathen, Sadisten, Narzissten – Menschen, die Albert Camus’ Logik nicht erreicht: dass aus der individuellen Revolte gegen das Absurde die Anerkennung der Würde aller folgen müsste.

Sie verstehen vielleicht diese Logik. Aber sie bedeutet ihnen nichts.

Psychologische Forschung (Robert Hare, James Fallon) zeigt: Solche Menschen können moralische Begriffe verbal beherrschen, ohne sie jedoch innerlich zu erleben. Sie wissen, was “falsch” ist – aber es berührt sie nicht.11

In chaotischen Zeiten gelangen diese „Typen" eher „nach oben" – nicht trotz, sondern wegen ihrer Skrupellosigkeit. Sie versprechen Ordnung, Stärke, Eindeutigkeit. Und viele folgen ihnen, zum Beispiel, weil Angst und Umstände dazu treiben.

Die ungleichen Brüder: Prometheus und Epimetheus
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Ein weiterer Aspekt: Menschen handeln überwiegend nicht rational. Nicht einmal dann, wenn ihre eigenen Interessen auf dem Spiel stehen. Das gilt insbesondere in Bezug auf andere, im Politischen.

Die griechische Mythologie bietet ein Sinnbild für diese Konstellation: Prometheus und Epimetheus, die ungleichen Brüder. Der erste, der Feuer– und Kulturbringer, denkt voraus, plant, antizipiert Konsequenzen; der zweite – der Nachbedenkende – handelt impulsiv, kurzfristig, getrieben, um dann, vielleicht, nachzudenken.12

Will sagen: Beide Tendenzen existieren in uns – und in unseren sozialen Systemen. Die Fähigkeit zur vorausschauenden Vernunft wird beständig unterlaufen von unmittelbaren Anreizen, situativen Verlockungen, emotionalen Triebkräften.

Auch wohlmeinende Gesellschaftsentwürfe müssen sich an der Realität messen lassen. Allzu idealistische Hoffnungen übersehen die epimetheische Seite unserer Natur. Menschen handeln regelmäßig, bevor sie gewissenhaft denken! 13

Michael Tomasello, langjähriger Direktor der Abteilung Vergleichende Entwicklungspsychologie am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, bestätigt diese Diagnose aus entwicklungsgeschichtlicher Perspektive:14 Menschen sind zwar im Allgemeinen, als Spezies, zur Kooperation fähig – jedoch nicht grenzenlos.

Wir kooperieren am besten in überschaubaren Gruppen, mit jenen, die wir als „zu uns gehörig“ erkennen. Das verwundert nicht. Unsere moralischen Intuitionen entstanden für Stammesgruppen von 30 bis 150 Personen – nicht für anonyme Märkte, globale Lieferketten oder Mega–Millionenstädte. Sie sind nicht kalibriert für abstrakte Prinzipien, langfristige Folgen, verschlungene Aus– und Nebenwirkungen oder gar eine Weltgesellschaft.

Zwischenfazit: Ungleichheit als emergentes Muster
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Evolutionäre Dispositionen bilden den Resonanzraum, in dem strukturelle Ungleichheit gedeiht. Nicht primär aus Bosheit oder Verschwörung, auch nicht durch “Leistung” oder “Verdienst” – sondern als emergentes Muster aus Millionen Einzelentscheidungen, die nicht selten auf ebenso kurzsichtige wie kurzfristige Vorteile getrimmt sind, während langfristige Folgen im Nebel der Zukunft verschwinden.

Die Diagnose lautet:

  • Sesshaftigkeit + Akkumulation schaffen die Bedingung für dauerhafte Ungleichheit
  • Skalierung + Anonymität unterlaufen soziale Kontrolle
  • (Mindestens) vier anthropologische Konstanten (strategisches Eigeninteresse, Trittbrettfahren, Trickster-Dynamik, empathielose Machtmenschen) treiben die Spreizung voran
  • Begrenzt rationales bis sorglos irrationales Verhalten sowie tribal geprägte Moral verhindern wirksame Gegensteuerung

Ungleichheit ist kein rein sozialtechnisches Problem. Sie ist tief in menschlicher Sozialität verankert und wird durch Größe und Anonymität moderner Gesellschaften verstärkt. Sie lässt sich nicht durch einen bestimmten ökonomischen Mechanismus – Vermögenssteuer! – beheben.

Das bedeutet nicht, dass wir sie und die resultierenden Ungerechtigkeiten fatalistisch hinnehmen müssen – wohl aber, dass ihre Eindämmung mehr erfordert als moralische Appelle, einzelne Gesetze oder bloße Umverteilung.

Hinzu kommt: In wachstumsgetriebenen Gesellschaften wird die “natürliche” Ungleichheit noch einmal außerordentlich verschärft. Wie genau – das zeigt in Kurzform der nächste Abschnitt.


Teil 2: Warum Ungleichheit unvermeidlich ist


  1. Der Begriff „Elite“ stammt etymologisch über das Französische (élite) aus dem lateinischen eligere – „auswählen, herauslesen“. Die antike Vorstellung, auf die allerdings häufig angespielt wird, findet sich hingegen im griechischen ἄριστοι („die Besten“; vgl. „Aristokratie“), das einen normativen Anspruch an Tüchtigkeit und Charakter enthielt. Der moderne Gebrauch oszilliert zwischen beiden Bedeutungsräumen: einerseits dem Anspruch besonderer Befähigung (im Sinne der ἄριστοι), andererseits dem – gelegentlich ironisch verwendeten – Moment des bloßen „Auserwählt-Seins“, das mehr über soziale Mechanismen als über persönliche Exzellenz aussagt. ↩︎

  2. Hesekiel (oder Ezechiel nach katholischer Schreibweise, interessanterweise als Priester Teil der nach Babylon deportierten jüdischen Elite, beklagt dort im Exil „wie ein brüllender Löwe" (V. 25) die umfassende Korruption der Jerusalemer Führungsschicht. Nur wer sich aktiv davon distanziere, werde verschont. So sei Gottes Wille. ↩︎

  3. Walter Scheidel, The Great Leveler: Violence and the History of Inequality from the Stone Age to the Twenty-First Century, Princeton University Press, 2017. ↩︎ ↩︎

  4. Hanno Sauer: Klasse: Die Entstehung von Oben und Unten | Status, Klasse, Prestige: faszinierende Einblicke in unsere Gesellschaft, München 2025. Sauer argumentiert auch, dass Privilegien eine epistemische Dimension haben: Sie erzeugen systematische blinde Flecken, die verhindern, dass Privilegierte ihre strukturellen Vorteile als solche erkennen. Er analysiert außerdem, wie Klassenpositionen sich durch systematische Abwertung und Diskriminierung verfestigen – ein Phänomen, das er als “Klassismus” begrifflich fasst. ↩︎

  5. Das aus Japan stammende „Drei-Affen-Prinzip" (mizaru, kikazaru, iwazaru) – ursprünglich eine Mahnung zu weiser Zurückhaltung – verkehrte sich im Westen zur Metapher für bewusste Ignoranz. Die drei Affen symbolisieren hier Realitätsverweigerung: aktives Wegschauen trotz offensichtlicher Krisenanzeichen. Psychologisch entspricht dies der „willful blindness" (Heffernan, 2011) – dem selektiven Filtern unbequemer Wahrheiten, das im Kontext systemischer Krisen zur kollektiven Pathologie wird. ↩︎

  6. David Graeber und David Wengrow: “The Dawn of Everything: A New History of Humanity” (Farrar, Straus and Giroux, 2021). – Ca. 7500-5700 v.u.Z. wies Çatalhöyük trotz beachtlicher Größe (bis zu 10.000 Einwohner) keine erkennbaren hierarchischen Strukturen oder bauliche Bevorzugung von Eliten auf. Dies widerspricht dem lange dominierenden Narrativ, dass komplexe Siedlungen zwangsläufig soziale Stratifikation hervorbringen müssen. – Siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Neolithische_Revolution#Sozialstrukturen ↩︎

  7. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Mongolische_Kriegf%C3%BChrung#Aufbau_und_Organisation und auch https://de.wikipedia.org/wiki/Kurultai für erste Einblicke. Allerdings sind diese Wikipedia-Artikel nicht besonders ausgebaut. Abgerufen am 23.11.2025 ↩︎

  8. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Trittbrettfahrerproblem – Der Begriff des „Trittbrettfahrers“ (free rider) wurde in der modernen Sozialwissenschaft vor allem durch Mancur Olson etabliert, insbesondere in The Logic of Collective Action (1965). Olson zeigte, dass Individuen in großen Gruppen dazu neigen, öffentliche Güter zu nutzen, ohne selbst beizutragen, sofern sie erwarten können, von den Beiträgen anderer zu profitieren. Robert Trivers hat das Phänomen später evolutionsbiologisch vertieft, indem er Mechanismen asymmetrischer Kooperation, Betrug und strategischer Vorteilnahme beschrieb – nicht als Ursprung, wohl aber als grundlegende biologische Erweiterung des von Olson theoretisch verankerten Problems. ↩︎

  9. Elinor Ostrom, Governing the Commons. The Evolution of Institutions for Collective Action, Cambridge: Cambridge University Press, 1990. ↩︎

  10. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Trickster , abgerufen am 21.11.2025 ↩︎

  11. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Böse – Zur Psychopathie und dissozialen Persönlichkeitsstörung siehe Robert D. Hare: Without Conscience: The Disturbing World of the Psychopaths Among Us (1993); James Fallon: The Psychopath Inside (2013). Hannah Arendt beschreibt in Eichmann in Jerusalem (1963) das Phänomen der Banalität des Bösen – Böses, das nicht aus dämonischer Absicht, sondern aus Gedankenlosigkeit und fehlender Urteilskraft entsteht. ↩︎

  12. Das ist die wörtliche Übersetzung von “Epimetheus” (epi = nach, metis = Gedanke/Weisheit) und kontrastiert passend mit Prometheus’ vorausschauendem (pro) Wesen. ↩︎

  13. Die Prävalenz intuitiven, vorrationalen Handelns wird durch moderne neurowissenschaftliche Forschung unterstützt. Kahneman und Tversky prägten mit ihrer “Dual-Process-Theorie” die Unterscheidung zwischen schnellem, intuitivem “System 1” und langsamem, deliberativem “System 2” Denken (Daniel Kahneman: Thinking, Fast and Slow, 2011). Antonio Damasio zeigt, wie Emotionen Entscheidungen vorstrukturieren, bevor bewusstes Nachdenken einsetzt (The Strange Order of Things: Life, Feeling, and the Making of Cultures, 2018). Jonathan Haidt demonstriert in seinem “Social Intuitionist Model”, dass moralische Urteile primär intuitiv gefällt und erst nachträglich rationalisiert werden (The Righteous Mind: Why Good People Are Divided by Politics and Religion, 2012). Lisa Feldman Barrett belegt in How Emotions Are Made (2017), dass affektive Reaktionen kognitiven Prozessen vorausgehen. Besonders relevant für soziale Ungleichheit: Paul Piff’s Forschung zeigt, wie privilegierte Positionen die Empathiefähigkeit reduzieren und selbstdienliche Verzerrungen verstärken (Piff et al.: “Wealth, inequality, and the self: How wealth influences perceptions of the self and others”, Current Opinion in Psychology 33, 2020, S. 112-117). ↩︎

  14. Michael Tomasello hat in seiner vergleichenden Forschung zur Moralentwicklung bei Kleinkindern und Menschenaffen grundlegende Erkenntnisse zur Evolution menschlicher Kooperation gewonnen. In Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral (2016) und Mensch werden. Eine Theorie der Ontogenese (Suhrkamp, 2020) zeigt er, wie Menschen eine einzigartige „geteilte Intentionalität“ entwickelten, die Kooperation ermöglicht, aber primär auf kleine Gruppen ausgerichtet ist. Seine experimentellen Studien belegen, dass bereits Kleinkinder Fairness-Intuitionen besitzen, diese jedoch stark kontextabhängig sind und primär innerhalb der eigenen Gruppe wirken. Tomasello argumentiert, dass unsere moralischen Fähigkeiten für den Umgang mit „Gesichtern“ evolviert sind, nicht für abstrakte globale Probleme. ↩︎