Die Wachstumsfalle: Wie r > g Ungleichheit exponentiell verstärkt (Matthäus‑Effekt) #
„Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.“1
Die beschriebenen historischen und anthropologischen Mechanismen erklären, warum Ungleichheit entstehen kann. Doch in modernen Wachstumsgesellschaften kommt ein zusätzlicher Faktor hinzu, der das Ausmaß der Ungleichheit weit über frühere Formen hinaus verstärkt: die mathematische Logik der Exponentialität.
Ich gehe nun von den Ursprüngen zur heutigen Dynamik über.
Die mathematische Grunddynamik habe ich, wie angedeutet, bereits ausführlich im Text Wohlstand für alle dargelegt. Hier konzentriere ich mich darauf, wie dieser Mechanismus speziell Vermögenskonzentration antreibt.
Ökonomische Ungleichheit wächst in einer Wachstumsgesellschaft nicht linear, sondern exponentiell. Damit folgt sie einem unerbittlichen Gesetz der Mathematik. Wo sich Vermögen akkumulieren kann, ohne dass es wirksame institutionelle Aderlässe gibt, erhöht sich unaufhaltsam der Druck zur Akkumulation. Zinseszins, Kapitalrendite, Skaleneffekte: verschiedene Namen, die alle auf denselben unterliegenden Mechanismus hinweisen.
Das Wachstumsparadigma, das angeblich „Wohlstand für alle“ verbürgt, ist dasselbe, das ihn ungleich verteilt.
Mit einiger öffentlicher Wirkung hat zuletzt der Ökonom Thomas Piketty gezeigt, dass die durchschnittliche Kapitalrendite dauerhaft über der Wachstumsrate der Volkswirtschaft liegt: r > g.2
Eine erst einmal unscheinbare Ungleichung. Aber mit ungeheurem Sprengpotential. Sie bedeutet: Wer Kapital besitzt, sieht es wachsen, wer keines hat, fällt (relativ) zurück.
Das beginnt schon im Alltäglichen. In vielen Preisen, Mieten und öffentlichen Budgets steckt ein Finanzierungszinsanteil – und somit eine unsichtbare Transferleistung von unten nach oben.3 Fast jede Zahlung treibt im Stillen Umverteilung und somit Ungleichheit an; täglich, global, gesetzmäßig. Der Prozess bedarf keiner Verschwörung, keiner Böswilligkeit. Nur Zeit und r>g sind vonnöten.
Während Arbeit „nur“ Einkommen schafft und Menschen ernährt, schafft Kapital Einkommen und neues Kapital. Das geschieht auch dann, wenn alle Akteure sich an Recht und Gesetz halten, rationale Übelegungen anstellen und sogar, wenn sie moralisch korrekt vorgehen.4
Das folgende Diagramm unterstreicht, wie die Schere auseinandergeht:5
Wir stecken in der Wachstumsfalle. Zusammen mit allgemeinem Wohlstand wird paradoxerweise mehr Ungleichheit produziert.
Je größer der Kuchen, desto mehr für alle, heißt es. Doch in Wirklichkeit wächst mit dem Kuchen vor allem der Abstand zwischen den Stücken. Denn Wachstum verteilt sich nicht gleichmäßig, sondern entlang der bereits bestehenden Eigentumsverhältnisse und Zugriffsmöglichkeiten auf Kapital.
Mit der Konzentration des Kapitals einher geht die „Finanzialisierung“ und „Virtualisierung“ der Wirtschaft. Ein wachsender Anteil fließt nicht in Realinvestitionen, durch welche Menschen beschäftigt und bezahlt werden. Sondern in finanzielle Vermögenswerte: Aktienrückkäufe, strukturierte Produkte, Derivate. Und das bedeutet: Es kommt immer weniger bei den Menschen an. Kapital kreist um Kapital. Es materialisiert sich seltener. Die sogenannte Vermögenspreisinflation, die sich unter anderem in überteuerten Immobilien ausdrückt, begünstigt wiederum jene, die bereits Vermögenswerte halten.
Die enorme Schieflage, anschaulich dargestellt:
- Anmerkung: Vermögen ist von UBS in ihrem Bericht definiert als Aggregat der finanziellen Vermögenswerte plus der realen Vermögenswerte (insbesondere Wohneigentum), minus der Schulden. Und zwar nur für Personen, die als wirtschaftlich selbstständig gelten können, also älter als 20 Jahre sind. Außerdem stammen die Zahlen aus den 50+ „Hauptmärkten“. Die Stichprobe umfasst etwas mehr als fünf Milliarden Erwachsene und erfasst ca. 92% des globalen Vermögens.
Stellen wir uns eine große Torte vor: 99 von 100 geladenen Gäste muüssen sich um die Hälfte streiten. Während ein, vielleicht zwei „Reiche“ den Rest kriegt. Das ist nicht alles: Von den 99 bekommen 30 Gäste ein winziges Zweihundertstel des Kuchens ab.
Und unter den Reichen herrscht wiederum ein enormes Gefälle:
Eine grotesk verkehrte (lat. perverse) Verteilung, die nichts Gutes für den weiteren Partyverlauf verheißt.
Es wird deutlich: Wenn Ungleichheit strukturell bestimmend wird, verändert sie ihren Charakter: Aus einer Bedingung, die ziviles Zusammenleben in aller Komplexität ermöglicht, wird eine Kraft, die Gemeinschaften zerstören kann und zerstört.
Ja, es gab historisch begrenzte Phasen, in denen Wachstum Ungleichheit zeitweilig verringerte – etwa in den Jahrzehnten der „Great Compression“ zwischen 1945 und ca. 1975. Sie beruhten jedoch auf außergewöhnlichen Rahmenbedingungen: eine durch Kriegszerstörung erzwungene Vermögensnivellierung, hohe Spitzensteuersätze, starke Gewerkschaften und ein regulierter Finanzsektor. Diese Voraussetzungen bestehen längst nicht mehr und kommen auch nicht wieder – es sei denn nach einer weiteren Zerstörungsorgie.
„Wir sind ein Teil von jener Kraft / die stets das Gute will und stets das Böse schafft.“
heißt es in Goethes „Faust“. Das trifft auf Systeme mit Wachstumszwang besonders zu.
Auch gut gemeinte Maßnahmen führen zu Negativwirkungen, fatalerweise oft über verschlungene Nebenwege:
- Niedrige Zinsen sollten Krisen abmildern, wenn diese schon nicht verhindert wurden – sie senken aber Risikoprämien und befeuern Leverage sowie Vermögenspreisblasen.
- Globalisierung sollte Wohlstand verbreiten – sie kanalisiert Kapitalströme in Hochrenditemärkte und verstärkt den Standortwettbewerb.
- Digitalisierung sollte Teilhabe ermöglichen – sie begünstigt Skaleneffekte und Netzwerkeffekte, die Daten- und Marktmacht bei wenigen Plattformen („Silos“) konzentrieren.
Der Wachstumszwang macht sogar wohlmeinende Konzepte wie „Grünes Wachstum“ und dergleichen über Rebound‑ und Netzwerk-Effekte sowie Marktstruktur zu Hebeln der Kapital‑ und Machtkonzentration. Die Welt wird nicht mehr wirklich „grüner“.6
Kurze Erläuterung:
- Effizienz senkt Stückkosten, Nutzung steigt, Gesamtkonsum wächst – große Anbieter mit Skalenvorteilen schöpfen das Mehrvolumen ab (z. B. LED‑Licht, spritsparende Autos, Cloud). [sog. Rebound‑Effekte]
- Der Wert steigt mit der Nutzerzahl („Winner‑takes‑most“); Datenvorteile verstärken Dominanz, Plattformen setzen Standards und Bedingungen. [Netzwerk–Effekte]
- Hohe Fixkosten und niedrige Grenzkosten durch Digitalisierung, plus vertikale Integration, erzeugen „natürliche“ Oligopole; Größe bestimmt Preise, Zugänge und Sichtbarkeit. [Marktstruktur]
Noch kürzer: Effizienz schafft Volumen, Netzwerke bündeln es, die Struktur belohnt Größe.
Ohne wohlüberlegte Regeln (Wettbewerbspolitik, Transparenz, harte Budgetbeschränkungen …) kippt das gut Gemeinte systemisch über Zweit– und Drittrundeneffekte in Ungewolltes. Es kommt zu immer stärkerer Verdichtung von Vermögen.
Wie Systeme Menschen binden: Konsum, Psychologie und die Grenzen der Vernunft #
Die Finanzmechanik erklärt, warum Vermögen sich strukturell konzentriert. Doch warum akzeptieren Menschen dieses System, obwohl es gegen ihre eigenen Interessen wirkt? Hier kommt die psychologische und kulturelle Seite ins Spiel. Ich wechsele nun von der Systemlogik zum subjektiven Erleben im System.
Je komplexer eine Gesellschaft wird, desto mehr, sollte man meinen, rufe sie nach Vernunft. Die Idee, dass Menschen auf Argumente bauen, ist das Grundnarrativ der Aufklärung.
Doch das Gegenteil scheint sich durchzusetzen: Immer irrationaler und unübersichtlicher wird es. Die derzeitigen Erfahrungen lehren leider: Menschen reagieren auf Reize, auf Angst, auf Statusverlust, auf Emotion. Oder umgekehrt, auf Seiten der Mächtigen: Man glaubt, Argumente und Ethik nicht mehr nötig zu haben.
In der Leere wird möglich, was ich die Nasenring-Ökonomie nenne: Menschen werden durch Bedürfnislenkung und Statusdruck an ein System gebunden, das sie am Nasenring der Befriedigung schnell vergehender Bedürfnisse herumführt, langfristig gesehen gegen ihre eigenen Interessen. Offener Zwang ist nicht nötig. Es besteht Wahlfreiheit – unter unzähligen Produkten sich zu entscheiden. Bewusster Verzicht dagegen gilt als Verweigerung und stigmatisiert sozial. So entstehen nur scheinbar voneinander unabhängige Phänomene wie Bindung an Konsum, um sich glücklich zu kaufen; Verschuldung, um das zweifelhafte Glück zu bezahlen; und Selbstoptimierung, um allen Anforderungen immer gerechter zu werden.
Die Ausnutzung menschlicher Schwächen ist zum Herrschaftsmittel schlechthin geworden. Und darin besteht die stille „Genialität“ des Systems einer Konsumgesellschaft. Sie kaschiert Verführung als Freiheit und Anpassung als Tugend.
Wo allerdings das dies alles tragende Konsumversprechen nicht mehr eingelöst wird, wo Versuche der Selbstverwirklichung zur Überforderung führen, wo Gestaltungswünsche in Ohnmacht sich auflösen: dort gewinnen Narrative mit (nur noch) emotionaler Kohärenz an Zuspruch. Sie geben Ängsten ein Gesicht und diffuser Beunruhigung eine Richtung. Sie simulieren Sinn, wo Vernunft zu abstrakt erscheint und Systemkritik zu komplex. Populistische, nationalistische, religiöse Angebote florieren.
Populismus ist damit kein Betriebsunfall, sondern die andere Seite der Medaille der Nasenring-Ökonomie. Es fehlt den Leuten an Mitteln, sprich: Geld, und nun muss Ersatz gefunden werden für die ausbleibende Konsumbefriedigung. Glück versprechen nun politische Heilsbringer.
In einer Gesellschaft, die zu komplex für ihre eigene Aufklärung geworden ist, verfangen Parolen prächtig. Rationale Appelle scheitern, weil sie gegen tiefere Triebe antreten müssen. Das lässt sich durch Argumente ebenso wenig bremsen wie eine Sucht durch gute Ratschläge.
Wer das durchschaut, läuft Gefahr zu resignieren. Die Wahrscheinlichkeit, mit Änderungsvorschlägen zu scheitern, ist hoch. Doch Zynismus ist nur die negative Schwester der Naivität. Worauf es aber ankommt, ist, sich wie Erwachsene zu verhalten: Klar zu sehen und entschlossen zu handeln.
So stellt sich die Aufgabe:
Desillusioniert zu bleiben; denn die Realität lässt sich nicht auf immer verleugnen.
Aber trotzdem nach konstruktiven Lösungen zu suchen. Eine gleichermaßen „kalte Leidenschaft“ wie ein ernüchterter Geist der Revolte – in der Tradition von Albert Camus; dazu gleich mehr – sind vonnöten.
Weil sich Populismus, Ohnmacht und Überwältigung aus denselben psychologischen Mechanismen speisen, stellt sich nun die Frage: Was kann in einer solchen Lage überhaupt noch (a) Orientierung und (b) Lösungen bieten?
Gesucht sind:
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Eine Ethik ohne Illusionen, eine, die sich menschlicher Schwächen und sinnentleerter Verhältnisse bewusst wird und bleibt und diese „einbaut“ – ein bisschen analog zur Nasenring‑Ökonomie gebildet. Nicht selten wollen Menschen zum Guten verführt werden.
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Systemische Strukturen, die am Ende allen Menschen dienen, ohne dass die Privilegierten übermäßig Einsicht zeigen müssen. Denn das werden sie von sich kaum unter Preisgabe von Privilegien tun.
Das Ziel: Jener Vernunft Vorschub zu leisten, die nicht (nur) an Einsicht appelliert, sondern Strukturen schafft.
Weiter zu Teil 3 #
Wenn sich Ungleichheit systemisch verstärkt und moralische Einsicht allein nicht trägt, bleibt die Frage, welche politischen und institutionellen Antworten überhaupt realistisch sind.
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Bibel, NT, Matthäus 25,29 ↩︎
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Pikettys r>g‑These wurde mit Le Capital au XXIe siècle erstmals 2013 (französische Ausgabe) systematisch und umfassend veröffentlicht; die weltweite Debatte setzte 2014 mit der englischen Ausgabe Capital in the Twenty‑First Century ein. ↩︎
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Ich persönlich wurde vor Jahren, während der Finanzkrise, durch einen ökonomischen Dilettanten, wie ich selbst einer bin (siehe meinen Text https://thoes-koessel.de/mittel/als-dilettant/ ) darauf aufmerksam: Helmut Creutz: Das Geld-Syndrom. Die Ursachen von Arbeitslosigkeit, Inflation und der sozialen Spaltung. Erstausgabe 1993; zahlreiche Neuauflagen und Überarbeitungen (u. a. 2001). (Zudem: Geld – Zustand und Zukunft. 2009.) – Neben ihm auch Bernd Senf und Margrit Kennedy hatten den Mechanismus populärökonomisch beschrieben. Siehe insbesondere: Bernd Senf: Der Nebel um das Geld. Zins, Schulden und Wachstumszwang. Gauke Verlag, 2001. (Weitere einschlägige Arbeiten: Die blinden Flecken der Ökonomie. Gauke Verlag, 2009.) – Margrit Kennedy: Geld ohne Zinsen und Inflation. Ein Vorschlag für eine krisenfreie Wirtschaft. Erstausgabe 1987; mehrfach überarbeitet und neu aufgelegt. (Englisch: Interest and Inflation Free Money. 1995; sowie Occupy Money. Creating an Economy Where Everybody Wins. New Society Publishers, 2012.) ↩︎
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Gemeint ist hier vor allem die Dynamik von Vermögensbeständen und Schuldenpfaden; reale Aggregate wie das BIP folgen anderen Zyklen, werden aber von diesen Finanzmechaniken überlagert. Vermögen und Schulden sind Bestände, die sich über Zeit durch Zins und Rendite kumulieren; das BIP ist ein jährlicher Strom aus Produktion und Einkommen, der eigenen Konjunkturzyklen folgt. Finanzmechaniken (Zinseszins, Kreditzyklus, Asset‑Preisinflation) überlagern diese realwirtschaftlichen Zyklen, weil sie Bestände unabhängig vom laufenden Output beschleunigt verändern. Anschaulich: Der BIP‑Strom kann moderat mit 1–3 % pro Jahr anwachsen, während Vermögenspreise (Häuser, Aktien) in einem Kreditboom um 10–20 % steigen – so wächst die Vermögensschere auch ohne entsprechenden Produktivitätssprung. Für Haushalte bedeutet das: Wer verschuldet ist, zahlt über die Laufzeit eines Kredits oft ein Mehrfaches der ursprünglichen Kaufsumme an Zinsen; diese regelmäßigen Schuldendienste sind dauerhafte Zuflüsse zu Vermögenshaltern und lassen deren Bestände weiter anwachsen. Unternehmen können Gewinne statt in Löhne oder reale Investitionen in Aktienrückkäufe lenken; das hebt Renditen und Kurse und vergrößert Vermögen oberhalb der Lohnentwicklung. Staaten schließlich transferieren mit der Zinslast Teile des Budgets an Gläubiger, selbst bei stabilem BIP. Bildlich: Das BIP ist der Fluss, der Jahr für Jahr vorbeiströmt; Vermögensbestände sind der See, der sich durch Zuflüsse aus Zinsen und Renditen schneller füllt; Schulden sind die Kanäle, die den Fluss umlenken – und so die Wasserstände im See (Vermögen) stärker verändern als die Fließgeschwindigkeit des Flusses (BIP). ↩︎
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Dieses und die folgenden Diagramme aus dem Global-Wealth-Report 2025 der UBS: https://www.ubs.com/global/en/wealthmanagement/insights/global-wealth-report.html, abgerufen am 01.12.2025 ↩︎
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Vgl. William Stanley Jevons, The Coal Question, London: Macmillan, 1865 – formulierte erstmals den sogenannten „Rebound-Effekt“ oder das Jevons-Paradox. Siehe auch ^https://en.wikipedia.org/wiki/Jevons_paradox , abgerufen am 21.11.2025. ↩︎