Immanuel Kant nahm diese Einsicht ernst – nicht zuletzt deshalb, weil sie ihn, wie er selbst später sagte, aus seinem „dogmatischen Schlummer“ geweckt habe – und radikalisierte sie. Gerade weil Moral nicht aus Erfahrung folgt, darf sie nicht an empirische Tatsachen gebunden werden. Moralische Normen gelten nicht, weil sie vorgefunden werden, sondern weil sie im vernünftigen Handeln als verbindlich anerkannt werden. Ihre Geltung ist nicht phänomenal, sondern noumenal: Sie betrifft nicht das, was wir erkennen, sondern das, wozu wir uns verpflichten.
Der kategorische Imperativ ist daher kein Instrument zur Erzeugung moralischer Gewissheit. Er ist ein Prüfverfahren, kein Entscheidungsautomat. Er begrenzt Willkür, entlarvt Selbstwidersprüche und verbietet die bloße Instrumentalisierung anderer. Aber er sagt nicht, wie wir uns in Situationen verhalten sollen, in denen mehrere Handlungsoptionen den formalen Anforderungen genügen. Wo alles feststeht, wäre kein Urteil mehr nötig – und wo kein Urteil nötig ist, gibt es keine Moral.
Kants eigenes „Lieblingsbeispiel“ macht diese Spannung deutlich: das Verbot der Lüge. Kant behandelt es als strikte Grenze, gerade weil jede Ausnahme das Prinzip selbst zu untergraben droht. Doch schon dieses Beispiel zeigt, dass die formale Klarheit des Verbots die praktische Zumutung nicht aufhebt. Ob, wann und wie ein Wahrhaftigkeitsgebot in einer konkreten Situation einzuhalten und mit allen Konsequenzen zu tragen ist, bleibt eine Frage des Urteils – und damit in der Verantwortung des Handelnden. Das Leben erzeugt durchaus Situationen, in denen es praktisch richtig sein kann zu lügen, obwohl es theoretisch falsch ist. Als moralisch Handelnde entscheiden wir uns zur „Notlüge“ – oder eben nicht.
Kants sogenannte vollkommene Pflichten markieren gerade nicht moralischen Tatsachen. Sie fungieren als Grenzzeichen. Sie zeigen nicht, was wir sicher tun sollen, sondern wo moralisches Denken mit hoher Wahrscheinlichkeit in Blindheit oder Selbsttäuschung kippt.
Unsicherheit ist somit kein Defizit, sondern die Bedingung moralischer Verantwortung. Durch sie sind wir gezwungen, frei zu urteilen, zu entscheiden und schließlich zu handeln. Unsicherheit ist, so gesehen, keine bloße Randbedingung. Wo Handlungsoptionen eindeutig feststünden, wäre kein Urteil erforderlich – und wo kein Urteil erforderlich ist, braucht es keine Freiheit. Moral beginnt nicht unter Bedingungen von Gewissheit, sondern bei der Zumutung, unter unaufhebbarer Unklarheit entscheiden zu müssen.
Für eine weitere Pointe sorgte dann noch George Edward Moore (1873-1958). Er legte dar, dass „gut“ unbestimmbar, dass es undefinierbar sei. Wir könnten nicht ein für alle Mal festlegen, was gut sei. Bei jeder denkbaren Antwort bliebe die Frage offen: Warum? Das führe in einen infiniten Regress.
Für eine philosophische Schrecksekunde, dass Hume und Kant doch daneben liegen könnten, sorgte Willard Van Orman Quine (1908–2000). Auch seine Argumentation sei deshalb kurz gestreift.
Quine verwischte nämlich die kategorische Trennung von analytisch und synthetisch, von Begriff und Erfahrung, von Normen und Tatsachen, also auch von noumenal und phänomenal. Der Bruch mit diesen Grenzziehungen selbst stand damit zur Diskussion; seine Argumente legten es nahe.
Quine selbst fand einen Ausweg. Doch sein Vorschlag, die Synthetisch–analytisch–Dichotomie durch ein Netz von Überzeugungen zu ersetzen, das sich insgesamt bewähren müsse, änderte nichts am hier wichtigen Punkt: Die Existenz von moralischen Tatsachen folgte daraus nicht. Und schon gar nicht, dass solche uns aus ontologischen Gründen verpflichteten. Gründe lassen sich nicht aus Tatsachen streng ableiten. Ihre Unverzichtbarkeit ist praktischer, nicht theoretischer Natur.
So bestätigte schließlich auch Quine indirekt, was Hume, Kant, Moore auf je unterschiedliche Weise gezeigt hatten: Moral lässt sich nicht ontologisieren, ohne ihren Charakter zu verändern.
Die Aufgabe der Ethik schält sich damit klar heraus. Sie besteht nicht darin, moralische Wahrheiten zu identifizieren („zu finden“), sondern darin, die Bedingungen zu verstehen, unter denen Menschen moralisch handeln oder scheitern. Nicht Ontologie, sondern Anthropologie rückt in den Vordergrund.
Anthropologie meint hier keine Theorie des Menschen im naturwissenschaftlichen oder psychologischen Sinn. Gemeint ist die Analyse typischer Weisen, in denen Menschen trotz Einsicht moralisch scheitern. Nicht fehlendes Wissen, sondern Selbstverfehlung, Ausweichen, Überforderung und Verdrängung rücken in den Blick. Die Frage lautet nicht: Was gilt?, sondern:
Warum handeln wir so oft gegen das, was wir für richtig halten?