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Inhaltsverzeichnis
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%% Rückkopplung
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Hier ein literaturwissenschaftlich seriöses, knappes Glossar zu den Begriffen, die im Diagramm vorkommen. Die Terminologie orientiert sich an der im Schema angelegten Arbeit an Erzähltexten.

Glossar
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Aufbau
Bezeichnet die Gliederung eines Textes auf makrostruktureller Ebene. Gemeint sind etwa Anfang, Mitte, Ende, Exposition, Steigerung, Wendepunkt, Schluß, aber auch Wiederholungen, Kontraste, Rahmenbildungen und andere Strukturprinzipien. Man unterscheidet oft zwischen äußerem Aufbau (Abschnitte, Kapitel, Strophen, Szenen) und innerem Aufbau (gedankliche oder erzählerische Organisation).

Darbietungsweise
Beschreibt, wie erzählerischer Stoff sprachlich und formal dargeboten wird. Dazu gehören etwa Erzählerbericht, Beschreibung, Szenendarstellung, direkte Rede, indirekte Rede, erlebte Rede und innerer Monolog. Der Begriff ist für die Analyse zentral, weil sich an ihm Nähe, Distanz, Tempo und Perspektivierung zeigen.

Erzählbericht
Form der Darbietung, in der ein Erzähler Geschehen zusammenfassend, berichtend oder kommentierend wiedergibt. Im Unterschied zur Szene wird nicht der unmittelbare Vollzug, sondern ein bereits gefiltertes und sprachlich vermitteltes Geschehen präsentiert.

Erzählform
Klassische Bezeichnung für die grammatische Form des Erzählens, meist Ich-Form oder Er-/Sie-Form. Der Begriff sagt noch nichts Endgültiges über Perspektive oder Haltung; ein Ich-Erzähler kann begrenzt, zuverlässig oder unzuverlässig sein, ein Er-Erzähler auktorial, personal oder neutral auftreten.

Erzählhaltung
Bezeichnet die wertende, emotionale oder intellektuelle Grundhaltung, mit der erzählt wird. Sie kann etwa ironisch, distanziert, empathisch, kritisch, pathetisch oder nüchtern sein. Der Begriff überschneidet sich mit Erzählerhaltung; oft werden beide fast synonym gebraucht.

Erzählperspektive
Beschreibt den Standort des Erzählens in Bezug auf Wahrnehmung und Wissen. Zentral ist die Frage: Wer sieht? Wer weiß? Klassische Unterscheidungen sind auktoriale, personale und neutrale Perspektive; in moderner Narratologie präzisiert man dies häufig über Fokalisierung.

Erzählverhalten
Traditioneller, vor allem schul- und hochschuldidaktisch verbreiteter Begriff für die Weise, in der ein Erzähler sich zum erzählten Geschehen verhält. Gemeint sind meist Kategorien wie auktorial, personal und neutral. In der neueren Erzähltheorie ist der Begriff teilweise durch präzisere Kategorien ersetzt worden, aber für analytische Übersichten weiterhin brauchbar.

Erzählerhaltung
Meint die erkennbare Stellung des Erzählers zum Erzählten und zu den Figuren. Sie zeigt sich etwa in Kommentaren, Wortwahl, Ironie, Sympathielenkung oder moralischer Bewertung. Hilfreich ist die Frage: Wie lässt der Text mich über das Dargestellte denken oder empfinden?

Fabel
In der älteren Germanistik und in der schulischen Textanalyse meist die chronologisch geordnete Grundhandlung eines erzählenden Textes. Gemeint ist also das Geschehen in seiner logischen bzw. zeitlichen Abfolge, unabhängig davon, wie es im Text angeordnet ist. Nicht zu verwechseln mit der Gattung Fabel.

Fiktion / Fiktionalität
Bezeichnet den Status eines Textes als dichterisch erfundene, nicht auf unmittelbare Tatsachenreferenz verpflichtete Rede. Ein fiktionaler Text entwirft eine Welt, die nicht als dokumentarische Wirklichkeit beansprucht wird. Die Frage „fiktional oder nicht-fiktional?“ ist analytisch wichtig, weil sich daran Lesehaltung und Geltungsanspruch ändern.

Figurencharakterisierung
Analyse der Darstellung von Figuren durch direkte und indirekte Mittel. Direkt heißt: explizite Aussagen über Eigenschaften. Indirekt heißt: Eigenschaften erschließen sich aus Rede, Verhalten, Beziehungen, Wahrnehmungen anderer Figuren oder aus symbolischen Zuordnungen.

Inhalt
Bezeichnet in elementarem Sinn das, worum es im Text geht. In einer ernsthaften Analyse ist der „Inhalt“ nie bloß Nacherzählung, sondern bereits strukturierte Erfassung zentraler Handlungselemente, Konflikte, Themen und Konstellationen.

Innerer / äußerer Aufbau
Der äußere Aufbau betrifft die sichtbare Gliederung des Textes: Kapitel, Absätze, Szenen, Strophen, Erzähleinheiten. Der innere Aufbau betrifft die logische, motivische oder dramatische Ordnung: Spannungsverlauf, Kontrastachsen, Steigerungen, Rahmungen, Symmetrien.

Kontext
Bezeichnet die Einbettung des Textes in größere Zusammenhänge: Autor, Entstehungszeit, Gattungstradition, Epoche, Diskurse, historische Situation, intertextuelle Bezüge. Seriöse Kontextualisierung erklärt den Text nicht einfach „von außen“, sondern vermittelt zwischen Textbefund und historischem Zusammenhang.

Leseeindruck
Vorläufige, noch unsystematische erste Wahrnehmung eines Textes. Wissenschaftlich ist er nicht als Beweis ausreichend, aber als heuristischer Einstieg legitim. Er liefert Hypothesen, die anschließend am Text zu prüfen sind.

Leseergebnis
Zusammenfassende Deutung oder Zwischensumme der Analyse. Ein gutes Leseergebnis ist keine bloße Privatmeinung, sondern eine am Text nachvollziehbar begründete Interpretation.

Motiv / Stoff / Leitmotiv
Ein Motiv ist ein wiederkehrendes, bedeutungstragendes Element, etwa Tür, Reise, Blick, Nacht, Spiegel. Stoff bezeichnet die übergreifende, kulturell tradierte Handlungssubstanz, die verschiedenen Texten zugrunde liegen kann. Ein Leitmotiv ist ein wiederholt auftretendes Motiv mit strukturierender Funktion.

Point of View
Aus der anglophonen Narratologie stammender Begriff für Blickpunkt oder Wahrnehmungszentrum des Erzählens. Er überschneidet sich mit Perspektive und Fokalisierung, ist aber in älteren Diagrammen oft weiter und weniger trennscharf verwendet.

Realitätsbezug
Frage danach, in welchem Verhältnis der Text zur empirischen, historischen oder sozialen Wirklichkeit steht. Auch fiktionale Texte haben Realitätsbezug, allerdings nicht im Sinn einfacher Abbildung, sondern etwa durch Modellierung, Brechung, Kritik, Typisierung oder Symbolisierung.

Stil
Bezeichnet die charakteristische sprachliche Gestaltung eines Textes oder Textabschnitts. Analysiert werden Wortwahl, Satzbau, Rhythmus, Tonlage, Bildlichkeit, Register, Wiederholungen, Kontraste und rhetorische Verfahren. Stil ist nie bloßer Schmuck, sondern sinntragend.

Thema
Der gedankliche oder problembezogene Kern eines Textes. Themen können etwa Liebe, Macht, Erinnerung, Gewalt, Identität oder Fremdheit sein. Das Thema ist abstrakter als der Inhalt und oft erst aus ihm zu erschließen.

Thematik
Gesamtheit der Themen eines Textes oder die zusammenfassende Benennung seiner zentralen Problemfelder. Während „Thema“ auch singulär verstanden werden kann, bezeichnet „Thematik“ eher ein thematisches Gefüge.

Themencheck
Kein streng fachwissenschaftlicher Terminus, sondern offenbar ein Arbeitsbegriff deines Schemas. Gemeint ist plausibel die Prüfung, welche Themen sich aus Aufbau, Stil und Erzählform tatsächlich ergeben und welche Deutungshypothesen dadurch gestützt werden.

Typisierung
Darstellungsverfahren, bei dem Figuren nicht primär als radikal individuelle Einzelwesen erscheinen, sondern Züge eines sozialen, moralischen oder historischen Typs tragen. Typisierung ist nicht notwendig Vereinfachung; sie kann soziale Strukturen sichtbar machen.

Zuordnen
Ebenfalls eher ein Arbeitsbegriff als Fachterminus. Gemeint ist wohl die erste systematische Einordnung des Textes nach Gattung, Erzählweise, Formtyp, vielleicht auch nach thematischem oder epochalem Zusammenhang.

Wirklich / fiktiv?
Im Diagramm wohl als Prüffrage gemeint. Wissenschaftlich präziser wäre: Welchen Fiktionalitätsstatus hat der Text, und wie modelliert er Wirklichkeit? Die Alternative ist also meist nicht schlicht „wirklich oder erfunden“, sondern komplexer.

Für die Arbeit mit dem Glossar
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Für eine seriöse Analyse würde ich die Begriffe in drei Ebenen ordnen:

  1. Grunderschließung: Leseeindruck, Inhalt, Fabel, Thema

  2. Formanalyse: Aufbau, Stil, Erzählform, Darbietungsweise, Perspektive

  3. Deutung: Haltung, Thematik, Kontext, Leseergebnis

Ein häufiger Fehler besteht darin, diese Ebenen zu vermischen. Zuerst wird beschrieben, was im Text vorliegt; dann, wie es gestaltet ist; erst danach, was es bedeutet.

Wenn du möchtest, forme ich dieses Glossar noch in eine Hugo-/Markdown-Datei mit Frontmatter um oder ergänze es um kanonische Standardbegriffe der Narratologie wie Fokalisierung, auktorial, personal, neutral, erlebte Rede und innerer Monolog.