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Warum und wie ich schreibe

·747 Wörter·4 min
Inhaltsverzeichnis

Als Laie?
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Ich bin kein Fachmann im engeren Sinne. Mein Lebenslauf hat mich aus der akademischen Spur geführt. Ich habe das nicht aus Desinteresse zugelassen, sondern weil ein Leben bekanntlich seine eigenen Prioritäten hervorbringt und durchsetzt: Existenzsicherung, Familie, Kinder, die Bewältigung von Brüchen, und immer wieder Anpassungen.

Mein Frage–Drang ist jedoch geblieben.

Heute, im Ruhestand, schreibe ich als Dilettant im ursprünglichen Sinn: als jemand, der sich nicht aus Pflicht oder zu Karrierezwecken mit der Welt befasst, sondern aus lebendigem, ernsten Interesse heraus und aus Verantwortung. So, wie es im 18. Jahrhundert viele taten – als die Wissensproduktion nicht nur an Universitäten und Forschungseinrichtungen delegiert war, sondern in Salons, Schreibstuben, in Gesprächen zwischen Laien stattfand.

Als Dilettant!
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Der Begriff Dilettant wurde im 18. Jahrhundert nicht abwertend, spöttisch gebraucht, sondern bezeichnete gebildet Mitdenkende und Mitwirkende und stand begrifflich Seite an Seite mit Kenner (anstelle des Künstlers) und Kritiker (anstelle Ausübender). Im Gegensatz zum heutigen Gebrauch bedeutete dilettare – italienisch: sich an erfreuen etwas – dass jemand aus eigenem Antrieb tätig wurde. Diese Dilettanten waren keine Experten, aber auch keine Ignoranten. Weder steckten sie mittendrin noch standen sie völlig außerhalb. Sie agierten irgendwo dazwischen. Illustre Namen – Goethe, Diderot und viele andere – verbinden sich damit.

Dieses Dazwischen war und ist kein Mangel, sondern eine produktive Zwischenlage: ein offener Denkraum zwischen Fachdisziplin und Alltagsverstand, zwischen Wissenschaftsjargon und Lebenswelt, zwischen Methodenzwang und Urteilskraft. Ich bewege mich dort, wo Begriffe vorausgesetzt, aber nicht mehr erklärt werden; wo Fragen unterbleiben, weil die Antworten längst standardisiert sind. Dort versuche ich, sichtbar zu machen, was übersehen wird – und zu verbinden, was auseinanderdriftet.

Ich selbst suche keine einfachen Wahrheiten und überhaupt: ich mache es mir nicht einfach. Ich lese und verarbeite, so gut ich es vermag, jeweiliges Fachwissen. Ich will verstehen, was mit uns geschieht. Aber naturgemäß tue ich es als Generalist, selten mit Spezialwissen.

Ich frage, prüfe, zweifele – und frage erneut. Dann beziehe ich Position. Mein Vorgehen entspringt daher nicht bloßem Wollen oder Gefühl, sondern beansprucht für sich schon eine gewisse Methodik: des Hinterfragens, des Überprüfens, Zwischen–den–Zeilen–Lesens und begründeten Verstehens. Ich vergleiche, verknüpfe, verunsichere – nicht um zu stören, sondern um Denk- und Gesprächsräume offen zu halten, die sonst vielleicht zu schnell geschlossen würden.

Ich nutze alle Mittel, die sich mir als Laie und Außenstehendem bieten. Meine Schlussfolgerungen äußere ich frank und frei, doch mit – hoffentlich gut bedachten! – Gründen.

Ich produziere kein neues Fachwissen – wie auch, bei der heutigen Flut spezialisierter Publikationen. Aber ich versuche, Sichtachsen herzustellen: ich führe auseinander Driftendes zusammen, verknüpfe lose Enden, frage dort nach, wo Wissenschaft sich auf operative Selbstverständlichkeiten zurückzieht.

Ich bin weder Wissenschaftler noch Aktivist – und schon gar kein Moralist mit erhobenem Zeigefinger. Bestenfalls mache ich aufmerksam, rege zum Hinschauen und Nachdenken an, provoziere Nachfragen. Gelänge es mir, wäre es viel!

Hier und da überziehe ich sicher. Das sei mir verziehen. Konstruktive Kritik ist mir willkommen!

Tatsächlich möchte ich – dieser Anflug von Vermessenheit sei mir gestattet – meinen kleinen Beitrag dazu leisten, ein paar lose Enden im unbegreiflichen Gewirk der Realität zu verknüpfen, so dass hier und da Sinn für Leser*innen entspringt. Das zu erreichen, treibt mich an – nicht nur aus Freude, sondern weil ich tatsächlich glaube, dass es fehlt.

Sapere aude!
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Ich beherzige Meister Kant, so abgenutzt es erscheinen mag:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Solche Aufklärung ist kein abgeschlossenes Projekt, wird es niemals sein. Trotz aller in den vergangenen 200 Jahren dagegen vorgebrachten, teilweise sehr berechtigten Kritik meine ich doch ausdrücklich:

Man braucht heute mehr denn je Menschen, die sich nicht auf der sicheren Seite eines Faches und dahinter verschanzen, sondern sich zwischen die Lager stellen. Dilettantisch im besten Sinne: nicht besserwisserisch, nicht nur beobachtend, sondern couragiert urteilend; nicht im Besitz der Wahrheit, aber entschlossen, sie zu suchen. Ich agiere zwar sozusagen gesellschaftlich subkutan aus dem Privaten, leiste aber – dank moderner Publikationsmöglichkeiten – einen kleinen Beitrag zum öffentlichen Denken.

Man braucht heute mehr denn je Menschen, die sich zwischen Schweigen und Besserwissen weder für Aberglauben, Esoterik und Verschwörung noch für zynischen Egoismus und rücksichtslose Durchsetzung von Macht entscheiden – sondern für Haltung.