A. Einführung #
Rechthaberei vergiftet unsere Kommunikation – im persönlichen Gespräch, in beruflichen Debatten und im öffentlichen Diskurs. Der Rechthaber, die Rechthaberin will nicht verstehen, gemeinsam nach Wahrheit suchen oder Probleme lösen. Sein oder ihr Ziel ist nicht Verständigung, sondern Triumph. Die eingesetzten Mittel reichen von subtilen Manipulationen bis zu aggressiven Attacken.
Verbale Selbstverteidigung wird damit zu einer unverzichtbaren Fähigkeit in einer Welt, in der sachliche Auseinandersetzungen Macht- und Dominanzdemonstrationen weichen müssen.
Passive Abwehr reicht nicht aus. Roher Gewalt – wie auch ihrer Schwester, der Heimtücke – muss mit Siegeswillen begegnet werden.
Und Können.
Rein defensiv kann nicht gepunktet werden. Man muss austeilen lernen. Seien es viele Nadelstiche oder die Umwandlung gegnerischer Kräfte in eigene: Rechthaber müssen erkennen, dass sie aus dem Gleichgewicht zu bringen, dass sie sogar verwundbar sind. Unachtsamkeit muss bestraft werden. Sie müssen begreifen, dass sie sich nicht alles erlauben können. Sie müssen dazu gebracht werden, Verunsicherung und Angst zu spüren. Eben das, worauf sie selbst beim Gegner aus sind, um zu gewinnen.
Denn ihre eigentliche Stärke liegt erstens in der Emotionalisierung, insbesondere der Verunsicherung ihrer Gegner, zweitens, falls zugegen, in der Vereinnahmung des Publikums, aus dessen Bewunderung sie Kraft ziehen. Beides muss ihnen verwehrt werden. Die Verunsicherung muss, umgekehrt, sie selbst ergreifen, und das Publikum soll diese sehen.
Die Grundlage jeder verbalen Selbstverteidigung ist psychische Stabilität. Wer sich provozieren lässt, hat bereits verloren. Wer hingegen ruhig bleibt, behält das Heft in der Hand – getreu der stoischen Einsicht, dass nicht die Dinge selbst uns erregen, sondern unsere Urteile über die Dinge.
Es liegt an einem selbst, wie man reagiert. Diese Einsicht zu verinnerlichen bedeutet, dem Rechthaber seinen wichtigsten Hebel zu nehmen – den Zugriff auf unsere Emotionen.
Allein dadurch gewinnt man strategische Überlegenheit – ein Konzept, das übrigens so alt ist wie die Rhetorik selbst. Man muss sich Respekt erkämpfen, ohne selbst zum Rechthaber zu werden. Schon in der Antike – Aristoteles, Cicero, die Stoiker – wusste man, dass wahre rhetorische Dominanz nicht aus Kraftmeierei entspringt, sondern aus innerer Festigkeit und überlegener Technik – und nicht zu vergessen: aus ethischer Haltung.
Wie in jeder Kampfkunst – und im Umgang mit Rechthabern ist Rhetorik zweifellos eine – entscheidet nicht rohe Kraft, sondern Kampfgeist, Souveränität, die geübte Beherrschung dialektischer Technik, psychologisches Geschick und vor allem anderen: eine kampferprobte innere Stabilität.
Siegen kann nur, wer mit sich im Reinen ist.
Manchmal bedarf es aggressiven Vorgehens – aber keinesfalls sollte dies mehr als ein Mittel unter vielen sein.
„Denn nicht in Gegenwirkungen, sondern in Wirkungen besteht die Kunst des Lebens.“ — Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, Buch VII, 55
(„Gegenwirkungen“ meint: bloß zurückschlagen, reaktiv handeln, also im Modus des Erleidens bleiben. „Wirkungen“ meint: aktiv gestalten, souverän wirken, aus innerer Freiheit heraus handeln. Die Kunst besteht darin, nicht fremdbestimmt zu reagieren, sondern selbst zu bestimmen, wie man wirkt.)
Der stoische Kaiser Marc Aurel trifft den Kern: Nach einem unerwarteten Angriff nicht perplex in Schockstarre verfallen oder in Panik geraten, sondern aktiv gestalten! Wer nur re-agiert und sei es defensiv, tanzt nach der Pfeife des Angreifers. Wer selbst wirkt, bestimmt das Geschehen.
Populismus ist die gefährlichste Manifestation der Rechthaberei, denn er zielt darauf ab, viele egozentrische, emotionsgetriebene Ich aus einer Gemeinschaft des Wir zu isolieren, um diese dann in seinem Sinne und zu seinen Zwecken aufzupeitschen und zu lenken. Diese Ich sollen nicht reflektieren, sondern fühlen, wo es langgeht. Und der Populist bestimmt die Richtung. Infantilität soll die Oberhand gewinnen! Verbindungen zur komplexen Realität sollen gekappt und stattdessen durch starke Emotionen ersetzt werden. Die Realität selbst wird so lange zum Feind erklärt, bis instinktive Emotionalität den gesunden Menschenverstand verdrängt.
Ob im persönlichen Gespräch, in der Arbeitswelt oder auf politischer Bühne, ob in der Antike oder heute – die Grundmuster der Rechthaberei bleiben erstaunlich konstant. Und konstant bleibt auch die Notwendigkeit, ihnen wirksam zu begegnen.
Das Ziel geht über reinen Selbstschutz hinaus, denn schon ein Aikido-Kämpfer denkt strategisch über seine Positionierung: Wo will ich hin? Wo wollen wir hin? Welche Möglichkeiten bieten sich mir, den Gegner dazu zu bringen, mitzumachen?
Die Saat von Zweifel und Skepsis dort zu pflanzen, wo Rechthaber falsche Gewissheiten verbreiten, ist der tiefste Sinn jeder verbalen Selbstverteidigung. Es gilt, den Boden zu bereiten, auf dass fruchtbare Auseinandersetzungen ermöglicht werden.
Denn Machtstreben, Egoismus, Eitelkeit, Sturheit verhindern, dass offene Neugierde und rationale Argumente Gehör finden.
Arthur Schopenhauers Seufzer:
„Daraus folgt, dass unter Hundert kaum Einer ist, der es wert ist, dass man mit ihm disputiert.“1
bleibt auf halbem Wege stehen. Jeder und jede ist es wert! Zumal dann, wenn die Welt nicht den Polterern, Skrupellosen und Rechthabern überlassen bleiben soll.
Techniken der verbalen Selbstverteidigung sind vielfältig: Von präzisen Interventionen, die gegnerische Widersprüche offenlegen, bis zur spielerisch-eleganten Dialektik, die punktgenau stichelt und reizt – das Arsenal ist reichhaltig. Die wahre Stärke liegt in der scheinbaren Defensive.
Dialektische Fertigkeiten, Selbstbeherrschung, Unerschütterlichkeit sind keine Gegensätze; sie bedingen einander. Die beste Technik verpufft ohne innere Festigkeit; die größte Gelassenheit bleibt wirkungslos ohne kommunikatives Können, Haltung und taktische Brillanz.
Eine reiche Tradition liefert uns das Wissen, um Rechthabern zu begegnen: Von den rhetorischen Meisterwerken der Antike über die präzisen Analysen von Arthur Schopenhauer und William Gerard Hamilton vor 200 Jahren bis zu den praktischen Anleitungen moderner Experten wie Albert Thiele, Heinz Lemmermann, Helmut Schlüter und Wolfram Ruede-Wissmann – sie alle bieten unverzichtbare Werkzeuge, sei es in Politik, Öffentlichkeit, Beruf oder Alltag.
Die Asymmetrie des Kampfes liegt auf der Hand: Wer von vornherein unfair spielt, hat einen Vorteil – er ist geübt in der Aggression und kombiniert Rücksichtslosigkeit mit einem Mangel an Selbstzweifeln. Ihnen Fairness entgegenzuhalten, wirkt bisweilen fast lächerlich. Trotzdem kann genau diese bewusste Kombination aus Unnachgiebigkeit und überlegener Technik – fundiert in unerschütterlicher Gelassenheit – sich in einer klugen, bewusst eingesetzten „Notwehr“ als wirksam erweisen.
Es ist Zeit, sich zu wappnen. Sei bereit, Gute/r, für diesen Kampf! Doch getreu der Lehre des Aikido: Sei vorbereitet und wähle deine Mittel mit Bedacht!
Erst die innere Stärke, dann die äußere Technik. Seien es Worte, Haltung oder Technik – die Stärke ergibt sich aus der Verbindung von Können und Kontrolle.
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Am Ende von Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik. Die Kunst Recht zu behalten in 38 Kunstgriffen dargestellt. Frankfurt a.M. (2005), S. 73 f. (Originaldiktion und Rechtschreibung): „Die einzig sichere Gegenregel ist daher die, welche schon Aristoteles im letzten Kapitel der Topica gibt: Nicht mit dem Ersten dem Besten zu disputieren; sondern allein mit solchen die man kennt, und von denen man weiß, daß sie Verstand genug besitzen, nicht gar zu Absurdes vorzubringen und dadurch beschämt werden zu müssen; und um mit Gründen zu disputiren und nicht mit Machtsprüchen, und um auf | Gründe zu hören und darauf einzugehn; und endlich daß sie die Wahrheit schätzen, gute Gründe gern hören, auch aus dem Munde des Gegners, und Billigkeit genug haben um es ertragen zu können, Unrecht zu behalten, wenn die Wahrheit auf der andern Seite liegt. Daraus folgt, daß unter Hundert kaum Einer ist, der werth ist, dass man mit ihm disputirt.“ ↩︎