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·340 Wörter·2 min
Inhaltsverzeichnis

Einleitung
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Ungleichheit ist älter als jede Ökonomie. Schon das Leben selbst verteilt ungleich: Kräfte, Fähigkeiten, Begabungen, Anlässe zum Glück oder zum Scheitern. Was wir heute als materielle und politische Ungleichheit messen, ist nur eine Ausprägung davon – wenn auch diejenige, die Zivilisationen am stärksten formt und spaltet.

Mit Sesshaftigkeit und Arbeitsteilung begannen Menschen nicht nur Vorräte, sondern auch Unterschiede zu akkumulieren. Seitdem gilt: Wo sich Ressourcen, Macht oder Wissen konzentrieren, entstehen Privilegien – und Privilegien halten sich. Die Moderne hat den Mechanismus beschleunigt. Kredit, Wachstum und Kapitalrenditen, verankert in Recht, Politik und Kultur, erzeugen eine Eigendynamik, die von moralischen Appellen kaum oder vermutlich gar nicht zu bremsen ist.

Meine These: Ohne gezielte, strukturell wirksame Eingriffe wird sich die Konzentration von Vermögen und Entscheidungsmacht fortsetzen – schneller, als jede Korrektur greifen kann. Historische Erfahrung – wie Walter Scheidel in »The Great Leveler«[^1] wissenschaftlich belegt – bestätigt das: Nennenswerte Umverteilungen geschahen nur nach Katastrophen – Kriegen, Revolutionen, Pandemien oder dem Zusammenbruch von Staaten. In ihrer zerstörerischen Wirkung erinnern diese vier »großen Gleichmacher« an die apokalyptischen Reiter[^2] – nur, dass Scheidels Analyse nicht auf Metaphern, sondern auf historisch-empirischer Evidenz beruht. Dazwischen wuchs die Ungleichheit, unabhängig von Ideologie oder System.

Die Grundlagen dieser Sicht habe ich an anderer Stelle gelegt: die wachstumskritische Analyse in Wohlstand für alle?, die zivilisationsgeschichtliche Perspektive in Wunder gibt es immer wieder?, den ethischen Rahmen (ethischer Dreisprung) in Einleitung v.3. Hier geht es um den Kern: Wie Ungleichheit entsteht, warum sie bleibt, und welche strukturellen Hebel auch ohne moralische Einsicht wirken können.

Begrifflich vorweg: Ungleichheit meint hier vor allem die strukturelle Konzentration von Ressourcen und Einfluss; Nasenring-Ökonomie den Mechanismus, mit dem Menschen aller Schichten durch Versprechen und Bedürfnislenkung an Muster gebunden werden, die ihre eigenen Interessen langfristig untergraben; A-Growth eine Ordnungspolitik, die Wachstum nicht dogmatisch ablehnt, aber innerhalb ökologischer und sozialer Grenzen hält.

Dieser Essay will keine moralische Predigt sein und keine ökonomische Systemtheorie. Er will die Mechanik freilegen – und zeigen, wie sie begrenzt werden kann, ohne auf Wunder oder den plötzlichen moralischen Sinneswandel der Mehrheit zu setzen.