Leitgedanke #
Ein Satz Ernst Tugendhats aus den Vorlesungen über Ethik ist mir seit Jahren im Gedächtnis geblieben: Wer Moral begründen wolle, sei auf intellektuelle Redlichkeit angewiesen, die sich, so verstehe ich ihn, im Wunsch nach Rationalität und Konsistenz im Urteil und nach Gründen, die auch anderen zugänglich und mit ihnen prüfbar sind, ausdrückt.1
Wer also nicht bereit ist,
- Widersprüche wahrzunehmen,
- Gründe von sich und anderen zu verlangen,
- Tatsachenbehauptungen zu prüfen
- und das eigene Urteil von bloßen Wünschen zu unterscheiden,
verfügt über keinen verlässlichen Weg zu belastbaren Erkenntnissen.
Doch zunehmend fragte ich mich: Genügt das? Genügt es, beim Denken – und erst recht beim Aufschreiben – redlich vorgehen zu wollen? Müsste man der Redlichkeit nicht unterstützend zur Seite springen?
Tugendhat selbst behauptet mit seinem Satz noch nicht, Redlichkeit sei hinreichend. Die Überforderung beginnt eher dort, wo ich aus dem redlichen Wollen eine Gewähr für wirklichkeitsgerechtes Urteilen mache. Redlichkeit bewahrt vielleicht vor bewusster Täuschung, aber offenbar nicht davor, kaum oder gar nicht bewusste Voraussetzungen zu übersehen, Belege einseitig zu gewichten oder einem Gedankengang gerade deshalb zu vertrauen, weil er sich besonders schlüssig darstellt.
Redlichkeit scheint mir notwendig. Darin stimme ich Tugendhat zu.
Aber sie reicht nicht aus.
Sobald ich argumentiere und begründe, muss ich auswählen, unterscheiden und ordnen. Ohne solche Entscheidungen könnte ich nichts sichtbar machen; mit jeder von ihnen lasse ich anderes zurücktreten.
Je konsistenter eine Auffassung ausgearbeitet ist, desto leichter kann sie den Eindruck erwecken, vollständig und wirklichkeitsgerecht zu sein.
Diese Schließung ist allerdings nicht bloß ein Fehler. Bis zu einem gewissen Grad ist sie unvermeidlich. Wenn ich argumentierend schreibe, möchte ich einen Gegenstand verstehend und ordnend durchdringen, um meine Sicht zu klären und mitzuteilen. Ein Gedanke muss Gestalt annehmen, wenn er geprüft, angegriffen oder weitergedacht werden soll.
Doch auch ein redliches, sorgfältig begründetes und konsistentes Denken bleibt perspektivisch befangen und gebunden, ohne sich dessen vollständig gewahr werden zu können. Gerade die gelungene Rundung und Schlüssigkeit eines Gedankengangs können seine blinden Flecken verdecken und deren Wirkung verfestigen.
Deshalb benötigt das Schreiben, so meine These, ‚Verfahren‘, die Selbstverständlichkeiten aufbrechen, andere Wahrnehmungsmöglichkeiten erzeugen und den Text für Einwände öffnen.
Ich setze das Wort in Anführungszeichen, weil solche ‚Verfahren‘ weder Algorithmen sein noch richtige Ergebnisse garantieren können. Ich verstehe sie eher als Versuche, mutwillig und möglichst produktiv das eigene Denken zu stören, seine gewohnte Ordnung zu verschieben und es weiteren prüfenden Blicken auszusetzen, eigenen wie fremden.
Denken muss allerdings auch zur Ruhe kommen und sich zeitweilig stillstellen. Das ist zu betonen. Wir müssen schließlich zu Urteilen gelangen, Orientierung gewinnen, Entscheidungen treffen und handeln können. Offenheit zu erstreben darf daher weder zum Selbstzweck ausarten noch zur Ausrede für Unentschiedenheit werden.
I. Der Wunsch, weder mich selbst noch andere hinters Licht zu führen #
Mein denkerischer Ausgangspunkt ist kein wissenschaftliches Programm und keine moralische Belehrung, sondern eine persönliche, zugleich allgemein nachvollziehbare Erfahrung:
Ich schreibe Essays, um einen Gegenstand intellektuell zu durchdringen, Zusammenhänge zu erhellen und eine begründete Sicht zu gewinnen.
Eine solche Sicht gewinne ich jedoch nicht, indem ich lediglich aufschreibe, was ich bereits weiß. Für mich wäre das bloße Wiedergabe; den Leserinnen und Lesern böte ich eine fertige Auffassung, nicht aber einen Erkenntnisweg. Das Schreiben ist vielmehr selbst ein wesentlicher Teil des Erkenntnisprozesses. Schreibend entwickle ich Ideen.
Nun besteht allerdings die Gefahr, mich letztlich nur im Kreis zu bewegen. Der Kopf mag zwar, wie der Dadaist Francis Picabia (1879–1953) bemerkte, rund sein, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Doch hindert die runde Form die Gedanken ja nicht daran, wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren.2
Die Gefahr liegt freilich nicht allein in der Rückkehr. Ein Gedanke kann zu seinem Ausgangspunkt zurückkehren und ihn nun anders sehen. Er kann aber auch eine vollständige Kreisbewegung vollziehen, ohne unterwegs durch etwas kontaminiert worden zu sein. Der bloße Richtungswechsel ist noch kein Erkenntnisfortschritt.
Die leitende Frage lautet daher:
Wie kann ich argumentierend und Stellung nehmend schreiben, ohne meine Sichtweise – etwa durch die Art ihrer Darstellung – gegen Wirklichkeit und Einwand abzuschirmen, sie also zu immunisieren?
Die gesuchten Verfahren sollen einer zentralen Gefahr argumentierenden Denkens entgegenwirken: der allzu menschlichen Neigung, bestehende Überzeugungen zu bestätigen.3
Als bloße Selbstzuschreibung droht intellektuelle Redlichkeit epistemisch gut gemeint, aber erkenntnispraktisch unzureichend zu bleiben.
Der Redlichkeit muss deshalb eine Art organisierten, gegen mich selbst gerichteten Misstrauens zur Seite treten. Absichtsbekundungen sollte ich nie vollständig über den Weg trauen – schon gar nicht den eigenen. Meine Fehlbarkeit ist stets einzukalkulieren. Wo es möglich ist, sollte ich sogar Situationen herbeiführen, in denen sie sich zeigen kann.
So steigt wenigstens die Chance, dass das Denken tatsächlich und produktiv die Richtung wechselt – und nicht nur eine weitere Bewegung im Kreis vollführt.
II. Essayist ohne Apparat #
1. Begrenzte Erkenntnislage #
Ich bin nicht Teil eines Betriebes, ich verfüge über keinen wissenschaftlichen Apparat, keine institutionalisierte Fachgemeinschaft, keinen geregelten Begutachtungsprozess, keine vollständige Literaturübersicht, keine Möglichkeit, alle empirischen Behauptungen selbst zu überprüfen und kein Forum, in dem sämtliche relevanten Einwände zuverlässig vorgebracht werden.
Ich schreibe aus Interesse und aus dem Wunsch zu verstehen. Der Geltungsanspruch meiner Texte, ihre „Autorität“, kann daher weder aus institutioneller Stellung noch aus fachlicher Vollständigkeit stammen. Er muss sich in der Art bewähren, wie ich frage, unterscheide, belege und meine Grenzen kenntlich mache.
Meinen eigenen Standort habe ich schon an anderer Stelle beschrieben: Ich schreibe als Dilettant im ursprünglichen Sinn – nicht als Fachmann, aber auch nicht als Ignorant; aus ernstem Interesse und in jener produktiven Zwischenlage zwischen Fachdisziplin und Alltagsverstand, in der sich Getrenntes vielleicht neu verbinden lässt. Ich beanspruche nicht, neues Fachwissen zu erzeugen. Ich versuche, vorhandenes Wissen aufzunehmen, Sichtachsen herzustellen, Fragen zu stellen und begründet Position zu beziehen.
Hier interessiert mich die damit verbundene Schwierigkeit. Wer ohne wissenschaftlichen Apparat schreibt, verfügt über keine Fachgemeinschaft, die seine Begriffe, Quellen und Schlussfolgerungen regelmäßig prüft. Schon eine Fachgemeinschaft kann kaum sämtliche einschlägige Literatur kennen, alle Tatsachen selbst verifizieren oder zuverlässig absehen, welche Einwände noch fehlen. Für den einzelnen Essayisten gilt das erst recht.
Das macht sein Schreiben nicht wertlos. Es begrenzt aber seinen Geltungsanspruch und verschärft die Frage, wie er mit seinen spezifischen blinden Flecken umgeht. Gerade der einzelne Essayist benötigt deshalb Mittel, die seine Perspektive stören, seine Voraussetzungen angreifbar machen und anderen erlauben, dort weiterzusehen, wo er selbst befangen bleibt.
Die praktische Lage jemandes, der, wie ich, schreibt, lautet also: Ich muss mit begrenzten Mitteln zu einer verantwortbaren vorläufigen Auffassung gelangen – klar genug, um sie vertreten zu können, aber zugleich offen genug, um sie durch einen guten Einwand verändern zu lassen.
2. Zwischen bloßer Meinung und Wissenschaft #
Ein Essay ist weder eine beiläufige Meinungsäußerung noch eine wissenschaftliche Abhandlung minderen Ranges. Er ist eine eigenständige Erkenntnisform mit langer Tradition. Man könnte sie kurz so fassen:
Ein einzelner Mensch versucht, einen Gegenstand so weit zu verstehen, dass er eine begründete, sprachlich gestaltete und öffentlich angreifbare Sicht darauf anbieten kann.
Michel de Montaigne (1533–1592), Robert Musil (1880–1942), Walter Benjamin (1892–1940), Theodor W. Adorno (1903–1969) und Alexander Kluge (1932–2026) stehen – um nur einige für mich wichtige Autoren zu nennen – für unterschiedliche Ausprägungen dieses essayistischen Versuchs.
3. Der Text als Angebot #
Ein Autor kann seine Sicht ausarbeiten und mitteilen. Ob jemand seinen Text liest, die darin entwickelte Sicht nachvollzieht, teilt oder kritisiert, liegt außerhalb seiner Verfügung.
Ich versuche daher, meine Texte epistemisch gastfreundlich einzurichten – niemand muss eintreten. Ich freue mich über Leser, kann und will aber keine Resonanz erzwingen.
Was ich aber kann: Kritik ermöglichen und aktiv fördern! Ich kann dafür sorgen, dass ein möglicher Leser erkennen kann,
- was behauptet wird;
- worauf die Behauptung beruht;
- wo Deutung, Vermutung und Wertung beginnen;
- welche Einwände bedacht wurden;
- und an welchen Stellen die Konstruktion angreifbar bleibt.
III. Der blinde Fleck als Bedingung des Sehens #
1. Auswahl ist unvermeidlich #
Jedes Wahrnehmen und Argumentieren arbeitet mit Unterscheidungen. Zu unterscheiden bedeutet zu wählen,
- welche Tatsachen relevant sind;
- welche Begriffe verwendet werden;
- welche Zeiträume verglichen werden;
- welche Ursachen berücksichtigt werden;
- welche Gegenbeispiele als bedeutsam gelten;
- welche Folgen und Betroffenen in den Blick geraten.
Ohne solche Auswahl entsteht kein Gegenstand und kein Argument.
2. Was sichtbar macht, macht zugleich unsichtbar #
Ein Auswählen ohne Ausgrenzung gibt es jedoch nicht. Je entschiedener die Auswahl, desto leichter geraten die durch sie ausgeschlossenen Möglichkeiten aus dem Blick. Je stärker die Konzentration auf diesen Begriff und jenen Gedankengang, desto mehr verschwimmt das „Feld“ drumherum.
Blinde Flecken sind deshalb nicht bloß ein vermeidbarer Fehler. Sie entstehen mit der Fixierung und der Perspektive selbst. Ein Begriff erschließt etwas und verstellt anderes. Eine Fragestellung eröffnet bestimmte Antworten und schließt andere aus.
Niemand kann das eigene Denken vollständig von außen beobachten. Auch die Selbstprüfung verwendet Begriffe, Erwartungen und Unterscheidungen, die im Augenblick ihrer Anwendung nicht sämtlich mitgeprüft werden können.
Die Behauptung, vollständige Selbstaufklärung erreicht zu haben, liefe daher selbst auf eine Immunisierung hinaus. Zu behaupten, rundherum aufgeklärt und abgesichert zu argumentieren, weil ich meine Voraussetzungen reflektiert hätte, wäre dumm und überheblich. Ja, auf keine Weise könnte ich Leser stärker meiner Beschränktheit versichern.
Blinde Flecken beseitigen zu wollen ist sinnlos.
Die angemessene Frage lautet eher:
Wie kann ich so schreiben, dass meine blinden Flecken den Text nicht versiegeln und so wenigstens für andere, wenn schon nicht für mich selbst, erkennbar werden?
IV. Die Paradoxie der Selbstbezüglichkeit #
1. Das Verfahren richtet sich gegen sich selbst #
Kein Essay ist dagegen gefeit. Auch dieser hier – über die Gefahr der Immunisierung und mögliche Mittel dagegen – ist es selbstverständlich nicht.
Denn sobald jemand denkt und schreibt, entsteht eine selbstbezügliche Schwierigkeit: Die eigene Blindheit lässt sich nie vollständig erkennen. Auch jeder Versuch der Selbstprüfung erfolgt aus einer Perspektive, die ihrerseits blinde Flecken hat.
2. Beobachtung zweiter Ordnung #
Bahnbrechend thematisiert haben diese Schwierigkeit der Selbstbezüglichkeit zunächst der Kybernetiker Heinz von Foerster und, an ihn anknüpfend, der Systemtheoretiker und Soziologe Niklas Luhmann.
Von Foerster unterschied dabei zwischen einer Kybernetik erster Ordnung, die beobachtete Systeme untersucht, und einer Kybernetik zweiter Ordnung, die beobachtende Systeme untersucht.
Die Beobachtung wird damit auf den Beobachter und seine Tätigkeit zurückgewendet. Aus der Beobachtung von Regelung, Rückkopplung und Selbstorganisation wurde eine „Kybernetik der Kybernetik“.4
Bei Luhmann erhält „Beobachtung“ dabei einen ungewöhnlich technischen Sinn. Beobachten heißt ihm zufolge nicht einfach, aufmerksam hinzusehen. Es bedarf vielmehr einer Unterscheidung, um überhaupt etwas zu sehen. Ich beobachte beispielsweise eine politische Entwicklung als Fortschritt oder Rückschritt, einen Zustand als normal oder abweichend, ein Verhalten als freiwillig oder erzwungen. Ohne eine Unterscheidung könnte ich den Gegenstand gar nicht erfassen.
Eine Beobachtung zweiter Ordnung beobachtet nicht einfach neben einem Gegenstand zusätzlich, wie dieser Gegenstand beobachtet wird. Sie macht vielmehr eine Beobachtung – und damit die Art ihres Unterscheidens – selbst zum Gegenstand.
Eine Beobachtung erster Ordnung könnte etwa feststellen:
Diese Entwicklung ist ein Fortschritt.
Dabei verwendet sie die Unterscheidung Fortschritt/Rückschritt und bezeichnet die eine Seite. Sie muss diese Unterscheidung verwenden, um überhaupt etwas Bestimmtes sagen zu können. Im selben Vollzug untersucht sie jedoch gewöhnlich nicht, warum sie gerade diese Unterscheidung gewählt hat, welche Maßstäbe in ihr stecken und was sie nicht erfassen kann.
Die Beobachtung zweiter Ordnung fragt demgegenüber:
Aufgrund welcher Unterscheidung erscheint diese Entwicklung diesem Beobachter als Fortschritt?
Nun kann sichtbar werden, dass der Sachverhalt auch als Anpassung, Verlust, Machtverschiebung, Modernisierung oder Fortsetzung betrachtet werden könnte. Beobachtet wird nicht mehr nur, was jemand feststellt, sondern wie er seine Feststellung hervorbringt.
Auch die Beobachtung zweiter Ordnung muss auswählen, unterscheiden und eine Seite bezeichnen. Sie kann einen blinden Fleck der ersten Beobachtung sichtbar machen, erzeugt dabei aber ihren eigenen.
Selbstbeobachtung beseitigt Blindheit also nicht. Sie verschiebt sie.
3. Was daran paradox werden kann #
Nicht jede Selbstbezüglichkeit führt bereits zu einer Paradoxie. Ich kann über mein eigenes Denken nachdenken, ohne mich dadurch sofort in einen logischen Widerspruch zu verwickeln.
Paradox wird die Lage dort, wo ich eine Unterscheidung auf sich selbst zurückwende und mit ihren eigenen Mitteln beurteilen will.
Ist die Unterscheidung wahr/unwahr selbst wahr oder unwahr?
Oder, näher an meinem Thema:
Ist die Forderung nach Offenheit ihrerseits offen für ihre Zurückweisung?
Ist meine Unterscheidung zwischen immunisiertem und offenem Denken selbst gegen Einwände immunisiert?
In solchen Fällen müsste sich die verwendete Unterscheidung auf einer ihrer eigenen Seiten einordnen. Dabei setzt sie jedoch bereits ihre eigene Geltung voraus. Sie kann nicht gleichzeitig als Maßstab dienen und diesen Maßstab vollständig von außen beurteilen.
Hier handelt es sich nicht notwendig um eine formallogische Paradoxie nach Art des Satzes „Dieser Satz ist falsch“. Für mein Vorhaben wichtiger ist eine praktische Selbstblockierung: Ich kann die Einheit der Unterscheidung, mit der ich gerade beobachte, nicht im selben Vollzug vollständig beobachten.
Besonders eingängig zeigt sich das beim Wahrheitsurteil. Ich kann eine Aussage als wahr oder unwahr beurteilen. Ich kann aber nicht im selben Denkakt meine eigene Beurteilung abschließend als wahr bestätigen. Dazu wäre eine weitere Beobachtung erforderlich – die ihrerseits ihre eigene Wahrheit nicht gleichzeitig abschließend prüfen könnte.5
Für Essays ergeben sich daraus drei selbstbezügliche Spannungen, die bis ins Paradoxale reichen können:
-
Ein offener Text muss sich festlegen, damit seine Offenheit überhaupt geprüft werden kann.
-
Die Beobachtung eines blinden Flecks erfolgt aus einer neuen Perspektive, die ihrerseits blinde Flecken besitzt.
-
Die Forderung, Immunisierungen aufzubrechen, kann sich selbst gegen Einwände immunisieren.
Diese Paradoxien widerlegen nichts; sie markieren eine Grenze. Daraus folgt:
Es kann kein Verfahren geben, das vollständige Selbsttransparenz garantiert.
4. Was die zweite Ordnung leistet – und was nicht #
Formal lässt sich die Beobachtung weiterstufen. Eine dritte Beobachtung könnte beobachten, wie eine Beobachtung zweiter Ordnung die erste Beobachtung beobachtet:
-
Ich beschreibe eine politische Entwicklung als Fortschritt.
-
Eine Leserin untersucht, weshalb ich sie mithilfe der Unterscheidung Fortschritt/Rückschritt erfasse.
-
Ein weiterer Leser fragt, weshalb die Leserin gerade meine Unterscheidung problematisiert, ihre eigene Beobachtungsweise aber nicht.
Auch eine vierte, fünfte oder n-te Beobachtung wäre denkbar. Gemäß von Foerster gewinnt man dadurch jedoch keinen grundsätzlich neuen Erkenntnistyp. Mit der Beobachtung zweiter Ordnung sind der Beobachter und seine Beobachtungsweise bereits in den Gegenstandsbereich einbezogen; jede weitere Stufe macht wiederum eine Beobachtung zum Gegenstand.6
Was bringt die Beobachtung zweiter Ordnung dann?
Zunächst schafft sie Kontingenzbewusstsein. Ich erkenne, dass meine Beobachtung nicht beliebig, aber auch nicht alternativlos ist. Der Gegenstand könnte mithilfe anderer Unterscheidungen anders erscheinen.
Zweitens macht sie die Rahmung einer Aussage sichtbar. Neben die Frage, ob meine Aussage richtig sei, tritt die weitere Frage, mithilfe welcher Begriffe ich den Gegenstand sichtbar gemacht, welche Maßstäbe ich angelegt und welche Vorentscheidungen ich getroffen habe.
Drittens ermöglicht sie den Vergleich verschiedener Beobachtungsweisen. Zwei Menschen können angesichts derselben Verhältnisse Verschiedenes erkennen, weil sie unterschiedliche Zeiträume, Normalitätsvorstellungen, Kausalmodelle oder Begriffe des Problems verwenden. Das bedeutet nicht, dass beide gleichermaßen recht haben. Aber ihre Differenz lässt sich genauer untersuchen, ohne sie vorschnell auf Unaufrichtigkeit oder Unfähigkeit zurückzuführen.
Viertens kann die Beobachtung zweiter Ordnung Immunisierungen erkennbarer machen. Ein Text kann seine eigene Art zu unterscheiden als selbstverständlich behandeln und jede andere Beschreibung als Irrtum, Verblendung oder moralisches Versagen abwerten. Die Beobachtung zweiter Ordnung fragt, wie diese Überlegenheit erzeugt wird und ob der Text seine Maßstäbe auch auf sich selbst anwendet.
Schließlich eröffnet sie andere Wahrnehmungsmöglichkeiten. Wenn ich eine gesellschaftliche Entwicklung zunächst als Verfall beobachtet habe, kann ich versuchsweise fragen, was sichtbar würde, wenn ich sie als Umbau, Anpassung, Machtverschiebung oder Verteilungskonflikt betrachtete. Die ursprüngliche Beschreibung ist damit noch nicht widerlegt. Aber sie verliert ihre scheinbare Alternativlosigkeit.
Überzogen wäre allerdings, die zweite Ordnung zu einer höheren Urteilsinstanz auszubauen. Sie darf die sachliche Prüfung nicht ersetzen.
Warum jemand die Sache so sieht, beantwortet nicht die Frage, ob es tatsächlich so ist. Denn ein Text kann von problematischen Voraussetzungen ausgehen und dennoch etwas Zutreffendes feststellen. Umgekehrt kann er seine Voraussetzungen eindrucksvoll reflektieren und sachlich falschliegen.
Die Beobachtung zweiter Ordnung soll die Gegenstandsbeobachtung deshalb nicht ablösen, sondern – in Luhmanns Sinn – irritieren. Ob eine Berichtigung nötig ist, muss sich bei der erneuten Rückkehr zur Sache zeigen.
5. Paradoxien entfalten: zurück zur Sache #
Paradoxien dieser Art lassen sich nicht ein für alle Mal auflösen. Sie können aber, wie eben angedeutet, entfaltet werden. Das bedeutet: Ich führe weitere Unterscheidungen ein, die mir erlauben, vorläufig weiterzudenken und zu handeln.
Die Spannung zwischen Offenheit und Schließung kann ich etwa zeitlich entfalten, indem ich den Gedankengang vorläufig stillstelle, um ihn später erneut zu öffnen.
Oder sozial, indem ich meine Sicht formuliere und begründe und sie dann anderen zur Beobachtung überlasse. Vielleicht erkennen sie, was mir entgangen ist.
Für mein Vorhaben ergibt sich daraus keine Aufforderung, immer weitere Reflexionsstufen zu erklimmen. Entscheidend ist vielmehr ein Wechsel der Ebenen:
den Gegenstand beobachten – mein Beobachten beobachten – mit veränderter Aufmerksamkeit zum Gegenstand zurückkehren.
Die Rückkehr zur Sache ist unverzichtbar. Andernfalls könnte die Beobachtung zweiter Ordnung selbst zur Immunisierungsstrategie werden. Es ließe sich jeder Widerspruch psychologisieren oder soziologisch einordnen, ohne ihn argumentativ ernst zu nehmen.
Der Gewinn liegt daher nicht in vollständiger Selbsttransparenz, sondern in organisierter Korrigierbarkeit.
Da dies alles ziemlich abstrakt ist und geneigte Leser vielleicht überwältigt, hier eine Merkhilfe, ein Take-away:
Die erste Ordnung betrachtet die Sache. Die zweite betrachtet die Art der Betrachtung. Keine Ordnung überblickt alles. Darum muss ich zur Sache zurückkehren – etwas anders sehend als zuvor.
Vorläufiges Fazit:
Aus der Selbstbezüglichkeit des Denkens ergeben sich für argumentierendes Schreiben vor allem drei Spannungen, die bis ins Paradoxale reichen können:
-
Offenheit braucht Schließung: Ein Text muss sich festlegen, um offen kritisiert werden zu können.
-
Selbstprüfung erzeugt neue Blindheit: Ich kann einen blinden Fleck sichtbar machen, aber nur mithilfe einer neuen Perspektive mit eigenen blinden Flecken.
-
Nichtimmunisierung kann sich immunisieren: Die Forderung, Immunisierungen aufzubrechen, darf nicht selbst unangreifbar werden.
V. Von der notwendigen Schließung zur Immunisierung #
Einwändeabwehr #
Ein Text kann nicht unbegrenzt alle Möglichkeiten offenhalten. Schließung ist also unvermeidlich; eine notwendige Stillstellung auf Zeit. Die Schwierigkeit beginnt dort, wo aus der vorläufigen Schließung Verschlossenheit wird.
Immunisierung bezeichnet die Art, wie mit Widerstand umgegangen wird. Der Übergang findet dort statt, wo Einwänden ihre Angriffspunkte entzogen werden: Behauptungen dürfen nicht eingeschränkt, Begriffe nicht modifiziert, Begründungen nicht bezweifelt und Fragestellungen nicht mehr hinterfragt werden.
Offene Texte sind argumentativ bestimmt, bleiben aber korrigierbar. Sie laden ausdrücklich oder implizit zu Einwänden ein, statt Kritiker möglichst außen vor zu halten.
Die dialogische Außenseite dieses Problems habe ich übrigens in der dreiteiligen Reihe Wider die Rechthaberei (1), (2) und (3) untersucht. Dort ging es vor allem darum, manipulative oder unsachliche Argumentationsweisen bei anderen zu erkennen und ihnen im Gespräch zu begegnen.
Hier wird die Blickrichtung umgekehrt: Dieselben oder verwandte Verfahren können unbemerkt im eigenen Denken und Schreiben wirksam werden. Aus Mitteln der Fremderkennung müssen Verfahren der Selbstprüfung werden. Der Drang nämlich, Recht zu haben und zu behalten, ist stark.
Im Folgenden einige bekannte Immunisierungsstrategien.
1. Wandernde Beweisziele #
Eine verbreitete Immunisierung besteht darin, die Anforderungen an eine Widerlegung nachträglich zu verschieben.
Wird eine Behauptung durch einen Gegenbeleg erschüttert, heißt es etwa:
-
Das sei nur ein Einzelfall.
-
Die Entwicklung brauche mehr Zeit.
-
Der entscheidende Prozess spiele sich im Verborgenen ab.
-
Die sichtbare Gegenentwicklung sei lediglich vorübergehend.
-
Die Theorie habe nie behauptet, dass das Ergebnis unter allen Bedingungen eintreten müsse.
Jede dieser Antworten kann im Einzelfall berechtigt sein. Verdächtig wird ihre Häufung – besonders dann, wenn vorher nicht festgelegt wurde, welche Beobachtung tatsächlich gegen die These zählen würde.
Hier berührt die Immunisierung Poppers Gedanken der Falsifizierbarkeit. Eine empirische Theorie ist nur dann wissenschaftlich prüfbar, wenn Beobachtungen denkbar sind, an denen sie scheitern könnte. Auf Essays lässt sich dieses Kriterium nicht unverändert übertragen. Doch auch ihre Thesen sollten erkennen lassen, welcher Befund, welcher Einwand oder welches Gegenbeispiel sie widerlegen, einschränken oder zu einem Umbau zwingen würde.7
Für seine zentralen Behauptungen sollte ein Essayist zumindest sich selbst gegenüber eine Formulierung folgender Art versuchen:
Ich behaupte, dass X unter den Bedingungen Y gilt. Gegen die These würde sprechen, wenn sich Z zeigen ließe. Sie müsste eingeschränkt werden, wenn A regelmäßig aufträte. Eine konkurrierende Erklärung wäre vorzuziehen, wenn sie dieselben Befunde schlüssiger oder mit weniger Zusatzannahmen erklären könnte.
Oder weniger formal: Für eine zentrale Behauptung sollte der Autor wenigstens angeben können: Was würde gegen sie sprechen? Welcher Befund würde ihre Reichweite einschränken? Und unter welchen Bedingungen wäre eine andere Erklärung vorzuziehen?
Eine Auffassung wird unangreifbar, wenn das Ziel gerade so weit verschoben wird, dass kein Einwandspfeil es treffen kann.
2. Asymmetrische Maßstäbe #
Eine weitere Immunisierung entsteht, wenn ich für meine eigene Auffassung andere Beweismaßstäbe verwende als für die gegnerische.
Für die eigene Seite genügt:
-
eine plausible Vermutung,
-
ein anschaulicher Einzelfall,
-
eine mögliche Kausalverbindung,
-
ein wohlwollend gedeutetes Motiv.
Von der Gegenseite verlange ich dagegen:
-
vollständige Daten,
-
eindeutige Kausalnachweise,
-
widerspruchsfreie Erklärungen,
-
moralisch reine Beweggründe.
Bei mir sehe ich Gründe, beim anderen Interessen. Meine Fehler erkläre ich aus den Umständen, die des Gegners erkläre ich aus seinem Charakter. Bestätigende Beispiele gelten mir als typisch, widersprechende als bloße Ausnahmen.
Der einzelne Schritt mag jeweils vernünftig erscheinen. Erst im Vergleich wird die Asymmetrie sichtbar.
Deshalb ist die Vertauschungsfrage nützlich:
Würde ich denselben Maßstab akzeptieren, wenn er zum entgegengesetzten Ergebnis führte?
3. Beweislastumkehr #
Manche Behauptungen werden dadurch geschützt, dass nicht mehr derjenige, der sie aufstellt, sondern der Kritiker ihre Unhaltbarkeit beweisen soll.
Das ist besonders wirksam bei Aussagen über verdeckte Prozesse, langfristige Entwicklungen oder verborgene Motive. Wer widerspricht, soll nun zeigen, dass der behauptete Zusammenhang keinesfalls besteht.
Doch aus der Schwierigkeit, eine Behauptung endgültig zu widerlegen, folgt nicht ihre Begründetheit. Gerade bei weitreichenden Diagnosen bleibt derjenige in der Pflicht, der sie vorträgt:
-
Welche Beobachtungen sprechen dafür?
-
Welche Alternativerklärungen wurden geprüft?
-
Was würde gegen die Diagnose zählen?
-
Wie weit reicht ihr Anspruch?
Die Beweislast darf nicht unbemerkt auf den abgeschoben werden, der Einwände vorbringt.
4. Der Einwand als Symptom #
Besonders hermetisch wird ein Text, wenn er den Widerspruch selbst als Beleg oder Beweis für seine These deutet.
Wer eine Ideologiekritik zurückweist, zeigt damit angeblich nur, wie sehr er der Ideologie verfallen ist. Wer bestreitet, verdrängt. Wer sich gegen eine Machtanalyse wehrt, offenbart gerade dadurch sein Interesse am Erhalt der Macht. Wer eine Verfallsdiagnose nicht teilt, beweist, wie weit der Verfall bereits fortgeschritten ist.
Auch solche Deutungen können im Einzelfall treffen. Menschen verdrängen, rationalisieren und verteidigen Interessen. Doch die Diagnose wird unprüfbar, wenn Zustimmung und Widerspruch gleichermaßen als Bestätigung vereinnahmt werden.
Der Einwand kann dann nicht mehr gegen die Diagnose sprechen. Er gilt selbst als Symptom eben jener Ideologie, Verdrängung, Machtbindung oder Verfallserscheinung, die diagnostiziert wurde.
5. Motivunterstellung statt Argumentprüfung #
Nahe verwandt ist die Neigung, einen Einwand durch die Erklärung seines Zustandekommens zu erledigen.
Vielleicht spricht jemand tatsächlich aus Angst, Statusinteresse, Ressentiment oder dem Wunsch nach Zugehörigkeit. Doch selbst ein eigennütziges Motiv macht sein Argument nicht falsch. Umgekehrt wird eine Behauptung nicht richtig, weil sie aus edlen Absichten hervorgegangen ist.
Die – vielleicht sogar aufschlussreiche – Frage, warum jemand etwas sagt, sollte nicht verwechselt werden mit der, ob sein Einwand trägt.
Gerade die Beobachtung zweiter Ordnung verführt hier zum Missbrauch. Ich kann die Perspektive des Einwendenden so gründlich erklären, dass ich mich mit seinem Einwand selbst nicht mehr befassen muss.
6. Elastische Begriffe und Totalerklärungen #
Ein Begriff immunisiert sich, wenn seine Bedeutung beweglich genug bleibt, um jeden denkbaren Fall zu erfassen.
Was genau gilt als Krise, Verfall, Gewalt, Freiheit, Fortschritt oder Populismus? Werden die Begriffe je nach Bedarf erweitert oder verengt, kann die These stets gerettet werden.
Ähnlich funktionieren Totalerklärungen. Sie erfassen nicht nur viele Erscheinungen, sondern dulden grundsätzlich nichts außerhalb ihres Zugriffs. Zustimmung und Ablehnung, Erfolg und Misserfolg, Sichtbares und Unsichtbares – alles erhält seinen Platz im selben Erklärungssystem.
Der Eindruck großer Erklärungskraft kann dann gerade daraus entstehen, dass die Theorie gar nicht mehr scheitern kann.
Eine leistungsfähige Erklärung sollte viel erfassen. Aber sie muss auch erkennen lassen, was sie nicht erklärt.
7. Die souveräne Selbstkritik #
Die vielleicht feinste Immunisierung ist die vorweggenommene Selbstkritik.
Ein Autor benennt mögliche Einwände, relativiert seine Behauptungen und gesteht eigene blinde Flecken ein. Damit erscheint er offen und reflektiert. Doch auch diese Offenheit kann inszeniert sein. Der Text wählt dann selbst aus, welche Einwände auftreten dürfen, wie stark sie formuliert werden, welchen Platz sie erhalten und weshalb sie am Ende doch nicht durchgreifen.
Der Autor behält die Regie über seine eigene Widerlegung.
Auch das kann ich wieder auf diesen Text selbst zurückwenden. Indem ich behaupte, die Gefahr der Immunisierung zu durchschauen, kann ich mir gerade dadurch besondere Offenheit bescheinigen. Indem ich meine Blindheit einräume, kann ich den Eindruck erzeugen, sie bereits hinreichend berücksichtigt zu haben.
Selbstkritik bewährt sich erst dort, wo ein Einwand etwas verändern darf, das ich lieber beibehalten hätte.
8. Kein Verfahren ohne Restrisiko #
Die gesuchten ‚Verfahren‘ können daher nicht garantieren, dass ein Text offen bleibt. Auch eine Checkliste lässt sich formal abarbeiten, ohne dass der Autor seine Grundannahmen ernsthaft gefährdet.
Das Verfahren schützt nicht durch seine bloße Anwendung. Es wirkt nur, wenn ich bereit bin, einen Kontrollverlust zuzulassen.
Gerade deshalb braucht es neben eigenen Prüfungen andere Leser, fremde Erfahrungen, widerständige Tatsachen und zeitlichen Abstand. Sie besitzen keine Unfehlbarkeit. Aber sie unterbrechen wenigstens die vollständige Selbstregie des Autors.
Offenheit als veränderbare Festigkeit #
Ein offener Text ist daher weder weich noch beliebig. Er besitzt eine bestimmte Gestalt und kann begründet an ihr festhalten. Seine Offenheit zeigt sich nicht darin, dass er jedem Einwand sofort nachgibt. Aber kein möglicher Angriff darf schon vor seiner Prüfung für wirkungslos erklärt werden. Gute Gründe müssen immer gehört werden.
VI. Gegen den Strich des eigenen Denkens #
Die bisherigen Überlegungen zeigen vor allem, wie sich argumentierendes Denken immunisieren kann. Damit ist noch wenig darüber gesagt, wie ich Offenheit herstelle oder Schließungen (wieder) aufbreche.
Es genügt nicht, es mir vorzunehmen.
Soll die Prüfung mehr sein als eine verlängerte Selbstbestätigung, muss ich versuchen, nicht nur einzelne Aussagen, sondern die Anordnung meines Denkens zu verändern. Ich muss den Gegenstand versuchsweise anders sortieren, andere Ausgangspunkte wählen, das scheinbar Nebensächliche aufwerten und Zusammenhänge herstellen, die in meiner bisherigen Darstellung keinen Platz hatten.
1. Die Ordnung stören, die den blinden Fleck erzeugt #
Ein blinder Fleck lässt sich nicht einfach durch angestrengteres Hinsehen beseitigen. Erfolgversprechender ist es, die intuitiv gewählte Ordnung zu stören, in der mir etwas selbstverständlich erscheint.
Solche Verschiebungen liefern nicht zwangsläufig brauchbare Erkenntnis. Sie lockern zunächst nur jene Verbindung zwischen Gegenstand und Deutung, die mir bereits so natürlich erscheint, dass ich sie kaum noch oder gar nicht als Deutung wahrnehme.
Es geht um Verfahren, die nicht unmittelbar bessere Antworten liefern, sondern zunächst andere Fragen und Wahrnehmungsmöglichkeiten erzeugen. Um sie zu finden, schaue ich mich bei anderen um, beginnend mit Robert Musil.
2. Musil: Möglichkeitssinn mit festem Rahmen #
Robert Musil bezeichnete die Fähigkeit, das Bestehende nicht für die einzig mögliche Gestalt der Wirklichkeit zu halten, als Möglichkeitssinn. Wer über ihn verfügt, nimmt das, was ist, ernst, behandelt es aber nicht als notwendig und alternativlos. Er kann sich vorstellen, dass es auch anders sein könnte.8
Das ist für die Aufdeckung von Immunisierungen grundlegend. Eine Auffassung, die sich selbst für die einzig denkbare Beschreibung des Gegenstands hält, kann abweichende Beobachtungen nur noch als Irrtum oder Unverständnis behandeln. Möglichkeitssinn unterbricht diese scheinbare Notwendigkeit:
Was müsste anders angeordnet, gewichtet oder bezeichnet werden, damit derselbe Gegenstand anders erschiene?
Musil stellt den Möglichkeitssinn jedoch nicht schlicht über den Wirklichkeitssinn. Gleich zu Beginn des betreffenden Kapitels in Der Mann ohne Eigenschaften erinnert er daran, dass geöffnete Türen einen festen Rahmen besitzen. Möglichkeit ohne Rahmen droht in Phantasie und Unverbindlichkeit zu zerfließen; Wirklichkeit ohne Möglichkeit erstarrt im Gegebenen.
Das entspricht genau der gewünschten Spannung in Essays. Offenes Denken benötigt beides:
-
Wirklichkeitssinn, damit es sich an Tatsachen, Widerständen und Folgen bindet,
-
Möglichkeitssinn, damit es die gegenwärtige Ordnung dieser Tatsachen nicht vorschnell für die einzig vernünftige hält.
Der Möglichkeitssinn ist daher keine Lizenz, Beliebiges zu erfinden. Er ist die Fähigkeit, das Wirkliche mit noch nicht verwirklichten oder bislang übersehenen Möglichkeiten zu konfrontieren.
3. Musil: Exaktheit und Versuch #
Später lässt Musil seinen Protagonisten Ulrich der Utopie des Essayismus huldigen. Der Essayismus bezeichnet dort nicht bloß eine literarische Gattung. Er ist eine Denkhaltung, die einen Gegenstand von mehreren Seiten untersucht, Elemente versuchsweise aus ihren bisherigen Verbindungen löst und beobachtet, welche neuen Konfigurationen daraus entstehen.9
Das Essayistische liegt damit zwischen zwei unbefriedigenden Polen. Es will weder einen Gegenstand in ein geschlossenes System einsperren noch sich mit unverbindlichen Einfällen begnügen. Es verbindet Genauigkeit mit der Bereitschaft, die Anordnung der Dinge zu variieren.
Für mich ist diese Verbindung entscheidend. Die schöpferische Störung darf nicht auf Kosten der Genauigkeit gehen. Sie hat vielmehr eine andere Art von Genauigkeit zu ermöglichen: eine Genauigkeit, die nicht nur sauber innerhalb eines Rahmens arbeitet, sondern auch prüft, ob der Rahmen zum Gegenstand passt.
Man könnte es als eine phantasievolle Exaktheit bezeichnen:
Ich variiere die Betrachtungsweise nicht, um der Wirklichkeit zu entkommen, sondern um ihr in mehr als einer möglichen Ordnung zu begegnen.
Der Essay wird so zu einer Versuchsanordnung. Er formuliert nicht nur eine Auffassung über den Gegenstand; er erprobt, welche Gestalt der Gegenstand unter veränderten begrifflichen, zeitlichen oder perspektivischen Bedingungen annimmt.
Doch auch dieses Verfahren besitzt seine Gefahr. Wer unablässig Möglichkeiten erzeugt, kann sich jeder Festlegung entziehen. Musils Essayismus darf daher nicht mit einer andauernden Schwebe verwechselt werden. Ein Versuch benötigt eine bestimmte Anordnung, an der sich etwas zeigen kann. Und irgendwann muss entschieden werden, welche der erprobten Möglichkeiten der Wirklichkeit besser gerecht wird.
Möglichkeitssinn soll den Wirklichkeitssinn erweitern, nicht ersetzen.
4. Benjamin: Gegen den Strich lesen #
Ebenso denke ich, mich einmal mehr meiner Studienzeit erinnernd, an Walter Benjamin. Seine Texte verblüfften mich nicht zuletzt durch die Fähigkeit, scheinbar vertraute Kleinigkeiten so anzuordnen, dass sie plötzlich etwas anderes, oft Größeres zeigten.
Benjamin forderte in seinen geschichtsphilosophischen Thesen, die Geschichte „gegen den Strich zu bürsten“.10
Das war bei ihm keine allgemeine Empfehlung zu geistreicher Widersetzlichkeit. Er wandte sich gegen eine Geschichtsschreibung, die sich in die Überlieferung der Sieger einfühlt und kulturelle Leistungen von den Leiden, der Arbeit und der Gewalt ablöst, denen sie sich mitverdanken.
Das Verfahren lässt sich nicht ohne Weiteres aus seinem geschichtsphilosophischen Zusammenhang lösen. Doch es enthält eine übertragbare Frage:
Von welcher Seite aus erscheint das, was ich beschreibe, selbstverständlich – und was würde sichtbar, wenn ich es von der unbeachteten Gegenseite her betrachtete?
Ich kann eine Institution von ihren Leistungen her beurteilen – oder von den Kosten, die sie anderen auferlegt. Ich kann eine Reform von den Absichten ihrer Betreiber her verstehen – oder von ihren unbeabsichtigten Folgen. Ich kann eine politische Ordnung anhand ihrer Regeln beschreiben – oder anhand der Erfahrungen jener, die in ihr regelmäßig nicht zu Wort kommen.
Damit ist die ursprüngliche Betrachtung noch nicht widerlegt. Eine Institution kann reale Leistungen erbringen, auch wenn sie Kosten verursacht. Eine Reform kann vernünftig gemeint und im Ganzen nützlich sein, obwohl sie einzelne Gruppen belastet.
Das Gegen-den-Strich-Lesen soll nicht die eine Einseitigkeit durch ihre Umkehrung ersetzen. Es soll sichtbar machen, dass die Vorderseite nicht das Ganze darstellt.
5. Benjamin: Konstellationen #
Benjamins Vorgehensweise beinhaltete mehr, als einer Behauptung einfach ihr Gegenteil entgegenzusetzen. Er brachte Dinge in eine neue Konstellation.
Ein Gegenstand verändert seine Bedeutung, wenn er neben einen anderen gestellt wird. Ein politisches Versprechen sieht anders aus, wenn es mit seinen späteren Nebenfolgen verbunden wird. Ein abstrakter Grundsatz erhält eine andere Kontur, wenn neben ihm ein konkreter Grenzfall steht. Eine Erfolgsgeschichte gerät ins Wanken, sobald die ausgeschlossenen oder gescheiterten Möglichkeiten mitbetrachtet werden.
Im Passagen-Werk bezeichnet Benjamin die „literarische Montage“ als Methode. Er wolle das Übersehene, die „Lumpen“ und den „Abfall“, nicht lediglich inventarisieren, sondern verwenden. Zugespitzt formuliert er: „Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen.“11
Das sollte nicht mit voraussetzungsloser Neutralität verwechselt werden. Schon die Auswahl und Anordnung des Gezeigten ist eine Deutung. Montage entbindet nicht vom Begründen. Sie kann aber Zusammenhänge hervortreten lassen, die in einer eher linear fortlaufenden Erklärung verdeckt blieben.
Um in einem Essay eine solche Versuchsanordnung herzustellen, empfiehlt es sich zum Beispiel:
-
zwei Aussagen nebeneinander zu stellen, die gewöhnlich getrennt behandelt werden.
-
einem allgemeinen Begriff einen widerspenstigen Einzelfall auszusetzen.
-
eine gegenwärtige Selbstbeschreibung mit ihrer Vorgeschichte zu konfrontieren.
-
die erklärte Absicht neben die tatsächliche Wirkung zu setzen.
-
das Ausgelassene so zu platzieren, dass es nicht länger als bloßer Randbefund erscheint.
Die Erkenntnis entsteht dann auch daraus, dass eine vertraute Ordnung ihre Selbstverständlichkeit verliert.
Ähnlich geht auch Alexander Kluge vor. Darüber gleich.
6. Benjamin: Bewegung und Stillstellung #
In These XVII von „Über den Begriff der Geschichte“ heißt es, zum Denken gehöre nicht nur die Bewegung der Gedanken, sondern ebenso ihre Stillstellung. Benjamins Verwendung des Begriffs hat meine eigene Rede von der Stillstellung angeregt.12
Benjamins Stillstellung bedeutet weit mehr als eine vorläufige Pause. In einer spannungsgesättigten Konstellation soll das Denken einhalten, damit der geschichtliche Gegenstand aus dem scheinbar kontinuierlichen Verlauf heraustreten kann.
Stillstellung und Öffnung sind daher keine Gegensätze. Sie bedingen einander: Ohne Öffnung erstarrt die Stillstellung. Ohne Stillstellung zerfließt die Öffnung.
Benjamins Stillstellung ist nicht dasselbe wie Wohlrapps Einwandfreiheit, auf die ich gleich zurückkommen werde. Doch beide Begriffe markieren einen Ruhepunkt, der nicht notwendig ein Endpunkt ist.
7. Kluge: Zusammenhang aus Trennung #
Alexander Kluge hat das Prinzip der Montage in Literatur, Film und Fernsehen auf eigene Weise weitergeführt. Seine Arbeiten verbinden dokumentarisches Material, erfundene Geschichten, Bilder, Musik, Interviews und historische Fundstücke, ohne sie zu einer nahtlosen Gesamterzählung zu verschmelzen. Die Teile dürfen als Teile erkennbar bleiben.13
Das ist für mein Thema von besonderem Interesse, aber auch eine Herausforderung. Ein geschlossen argumentierender Text neigt dazu, seine Übergänge zu glätten. Die Folgerung soll aus der Voraussetzung, die Erklärung aus dem Befund, das Urteil aus der Erklärung hervorgehen. Wo etwas nicht passt, wird es passend gemacht oder ausgeschieden.
Die Montage kann diese Glätte unterbrechen. Sie setzt nicht voraus, dass jeder Zusammenhang bereits vollständig ausformuliert ist. Zwischen zwei Elementen bleibt eine Distanz, in der der Leser selbst vergleichen, unterscheiden und verbinden muss.
Der Zusammenhang wird nicht aufgehoben. Er wird aus der Trennung heraus erzeugt.
Dadurch bleibt sichtbar, dass der Autor die Dinge angeordnet hat. Der Text tut weniger leicht so, als hätte die Wirklichkeit selbst genau jene lineare Gestalt, in der er sie erzählt. Warum nicht eine These und einen widerspenstigen Befund zunächst nebeneinanderstehen lassen? Warum nicht Stimme und Gegenstimme zunächst für sich sprechen lassen? Warum nicht einen konkreten, widerspenstigen Fall in eine Theorie einpflanzen?
Nicht als Verzicht auf Argumentation, sondern als Eingeständnis: Erklärung und Wirklichkeit decken sich (noch) nicht.
8. Kluge: Lücke und Echoraum #
Kluge betont auch die Bedeutung der Lücke. Sie sei kein bloßes Defizit, das der Autor möglichst schnell schließen müsste. Sie könne der Raum sein, in dem Erfahrung, Vorstellungskraft und Urteil des Lesers tätig werden.
In einem Gespräch über Die Lücke, die der Teufel läßt vergleicht Kluge das Erzählen damit, wie eine Fledermaus Töne gegen eine Wand werfe und aus dem Echo einen Raum wahrnehme. Das Erzählen könne einen Raum erkunden, ohne ihn vollständig abzubilden.14
Das passt zur epistemischen Gastfreundschaft. Ein Text muss nicht jede Verbindung für den Leser herstellen und jeden möglichen Einwand selbst beantworten. Eine vollständig ausgeleuchtete Darstellung kann gerade dadurch hermetisch werden, dass für eine andere Wahrnehmung kein Zwischenraum mehr bleibt.
Die Lücke darf allerdings nicht mit Nachlässigkeit verwechselt werden. Ein ungeklärter Begriff, ein fehlender Beleg oder ein übersprungener Schluss werden nicht dadurch erkenntnisfördernd, dass man sie zur produktiven Offenheit erklärt.
Die produktive Lücke ist eine gewollte, gestaltende. Sie trennt Elemente so, dass mögliche Beziehungen sichtbar und prüfbar werden. Sie versteckt keinen Mangel, sondern verhindert eine vorschnelle Schließung.
Bewusst überlässt Kluge dem Leser seinen Teil der Arbeit. Nicht zuletzt darin beweist sich epistemische Gastfreundschaft. Sie räumt dem Leser nicht nur einen Platz am Tisch ein, sondern gibt ihm etwas Eigenes zu tun.
9. Adorno: methodisch unmethodisch #
Theodor W. Adorno hat in Der Essay als Form eine Denk- und Schreibweise beschrieben, die ebenfalls zu diesen schöpferischen Störungen passt. Der Essay habe, schreibt er, „methodisch unmethodisch“ zu verfahren.15
Wiederum darf diese Formel nicht als Freibrief für Beliebigkeit gelesen werden. „Unmethodisch“ meint nicht, ohne Sorgfalt, Sachkenntnis oder logische Bindung vorzugehen. Der Essay lehnt vielmehr die Vorstellung ab, ein vorgängig festgelegter Weg könne zuverlässig bestimmen, was am Gegenstand zu erkennen ist.
Er lässt sich von Fragen, Widerständen und unerwarteten Verbindungen ablenken. Seine Begriffe gewinnen ihre Bestimmtheit nicht nur durch Definitionen, sondern auch durch ihr Verhältnis zueinander. Gedanken entwickeln sich nicht ausschließlich in gerader Linie, sondern können zurückkehren, Seitenwege nehmen und sich in neuer Anordnung gegenseitig erhellen.
Musils Möglichkeitssinn, Benjamins Konstellation, Kluges Montage und Adornos „methodisch unmethodisches“ Vorgehen berühren sich, ohne dass sie dasselbe bedeuteten.
Gemeinsam ist ihnen ein Misstrauen gegen jene Geschlossenheit, in der Methode, Darstellung und Ergebnis einander nur noch bestätigen. Sie präferieren eine Art disziplinierter Beweglichkeit.
10. Die Störung muss zur Sache zurückführen #
Kreative Verfahren besitzen eine eigene Verführungskraft. Eine überraschende Perspektive, eine gelungene Umkehrung oder eine ungewöhnliche Konstellation kann bereits wie ein Erkenntnisgewinn wirken.
Doch ein neuer Blick ist zunächst nur ein neuer Blick.
Danach ist zu fragen: Bringt der neue Blick bisher Übersehenes in den Blick? Lässt sich nun mehr oder etwas besser erklären? Eröffnet sich eine erhellende Möglichkeit – oder nur ein reizvolles Gedankenspiel?
Für den Schreibenden bedeutet es im besten Fall, dass eine Bewegung in die Dinge kommt, die weder streng linear noch beliebig ist, sondern die zur angestrebten Erkenntnis beiträgt.
Die angesprochenen ‚Verfahren‘ sind deshalb Erzeuger von Wahrnehmungsmöglichkeiten, keine Wahrheitsmethoden. Sie erweitern einen Denkraum. Sie entbinden nicht von der Pflicht, zu unterscheiden, zu begründen und schließlich zu entscheiden.
Im Folgenden stelle ich ein Repertoire sich ergebender Verfahren zusammen. Es ist heuristisch gemeint und keinesfalls vollständig.
VII. Verfahren zur Erzeugung anderer Wahrnehmungsmöglichkeiten #
Die im vorigen Kapitel beschriebenen Denkformen – Möglichkeitssinn, Konstellation, Montage und Umkehrung – lassen sich nicht in ein festes Prüfprogramm übersetzen. Aus ihnen lässt sich dennoch ein Repertoire von Fragen und Operationen gewinnen, das ich beim Schreiben versuchsweise gegen den eigenen Text richten kann.
Dieses Repertoire ist weder Checkliste noch Wahrheitsmethode. Entscheidend ist nicht, ob ich eine Frage formal abgearbeitet habe, sondern ob ich ihr gestatte, die Anlage meines Gedankens zu verändern.
0. Die produktive Umkehrung #
Eine geradezu einfache Form der Störung ist die Umkehrung. Sie kann den Blick aus eingefahrenen Kausalitäten, Wertungen und Rangordnungen lösen.
Statt etwa nur zu fragen, warum Menschen an den Verhältnissen scheitern, kann ich fragen, welche Verhältnisse dadurch entstehen, dass Menschen sich an sie anpassen. Statt zu fragen, welche Lösung zum Problem passe, kann ich fragen, welches Problem erst durch die bevorzugte Lösung hervorgebracht oder aufrechterhalten wird.
Die Umkehrung ist jedoch nur ein Hypothesengenerator. Sie darf ihre Verblüffungskraft nicht mit Erkenntnis verwechseln. Sie erfüllt ihren Zweck, wenn sie eine bislang ausgeschlossene Möglichkeit sichtbar macht. Ob diese trägt, muss sich dann zeigen.
1. Den leitenden Begriff austauschen #
Ersetze einen Schlüsselbegriff versuchsweise durch einen anderen:
- Verfall → Transformation
- Sachzwang → Prioritätensetzung
- Sicherheit → Kontrollversprechen
- Krise → Übergang
- Fortschritt → Machtverschiebung
Frage:
Was hat mein bisheriger Begriff bereits entschieden?
2. Die Perspektive wechseln #
Lies den Text versuchsweise aus der Sicht
- eines Betroffenen,
- eines Gegners,
- eines Außenstehenden,
- eines späteren Historikers,
- eines anders ausgebildeten Lesers
- oder eines Menschen in anderer Lebenslage.
Frage:
Was wird aus dieser Perspektive wichtig, das mein Text kaum sieht?
3. Den Maßstab verändern #
Wechsle zwischen
- kurzen und langen Zeiträumen,
- Einzelfall und allgemeiner Entwicklung,
- lokaler und übergreifender Ebene,
- unmittelbaren und mittelbaren Folgen.
Frage:
Auf welcher Ebene gilt meine Behauptung – und auf welcher nicht?
4. Ursache und Wirkung neu anordnen #
Prüfe:
- Wirkt B auf A zurück?
- Verstärken A und B einander?
- Gibt es eine gemeinsame dritte Ursache?
- Tritt B auch ohne A auf?
- Unter welchen Bedingungen führt A nicht zu B?
Frage:
Welche Beobachtung könnte zwischen den konkurrierenden Kausalmodellen entscheiden?
5. Den widerspenstigen Fall suchen #
Suche nicht nur Bestätigungen, sondern Fälle,
- die nur mit Zusatzannahmen passen,
- als Ausnahme aussortiert werden,
- anders verlaufen als erwartet,
- trotz angenommener Ursache ausbleiben
- oder ohne angenommene Ursache auftreten.
Frage:
Wie müsste ich meine These verändern, damit dieser Fall nicht bloß als Ausnahme verschwindet?
6. Leistungen und Kosten vertauschen #
Frage bei jeder Leistung:
- Wer trägt die Kosten?
- Welche Lasten werden verlagert?
- Welche Voraussetzungen werden verbraucht?
- Wer leistet unsichtbare Arbeit?
- Welche Möglichkeiten werden ausgeschlossen?
Frage bei jeder Kritik umgekehrt:
- Welche Leistungen und Verbesserungen übersieht sie?
7. Die Folgen bis zur Handlung verfolgen #
Frage:
Was geschähe, wenn diese Auffassung handlungsleitend würde?
Prüfe:
- notwendige Maßnahmen,
- betroffene Personen,
- Anreize,
- Nebenwirkungen,
- Missbrauchsmöglichkeiten,
- unbeabsichtigte Gegenwirkungen.
Eine Diagnose ist verdächtig, wenn ihre praktische Umsetzung systematisch gerade jene Zielsetzung untergräbt, der sie dienen soll.
8. Die Seiten vertauschen #
Vertausche Personen, Gruppen oder politische Lager.
Frage:
Würde ich denselben Maßstab akzeptieren, wenn er zum entgegengesetzten Ergebnis führte?
Achte besonders auf unterschiedliche Anforderungen an Belege, Motive, Fehler und Verantwortlichkeit.
9. Die Gegenposition stärken #
Formuliere die Gegenposition so, dass ihre vernünftigsten Vertreter sich darin wiedererkennen könnten.
Bestimme:
- welches reale Problem sie erfasst,
- welche Erfahrungen sie plausibel machen,
- welche Tatsachen für sie sprechen,
- welchen stärksten Einwand sie gegen deine Sicht besitzt.
Frage:
Was bliebe von meinem Argument übrig, wenn der stärkste Einwand teilweise recht hätte?
10. Das Ausgelassene sichtbar lassen #
Kennzeichne ausdrücklich:
- ungelöste Widersprüche,
- fehlende Kenntnisse,
- gegenläufige Gründe,
- unsichere Folgerungen,
- nicht integrierbare Gegenbefunde.
Frage nicht nur, was offenbleibt, sondern auch:
Weshalb bleibt es offen?
11. Zeitlichen Abstand herstellen #
Lies den Text später erneut.
Frage:
- Was behauptet er tatsächlich?
- Welche Übergänge ergänzt mein Gedächtnis nur stillschweigend?
- Welcher Begriff ist unschärfer als gedacht?
- Wo trägt die Formulierung mehr als die Begründung?
- Würde ich widersprechen, stammte derselbe Satz von einem Gegner?
12. Fremde Blicke gezielt einladen #
Bitte nicht bloß um ein allgemeines Urteil, sondern um gezielte Störung:
- Welche Voraussetzung ist nicht selbstverständlich?
- Welche Gegenposition erscheint zu schwach?
- Wo wechselt der Text von Beschreibung zu Wertung?
- Welcher Begriff trägt zu viel?
- Welcher Fall passt schlecht?
- Was kann der Text aufgrund seiner Fragestellung nicht sehen?
13. Künstliche Intelligenz als Gegenleserin #
Nutze KI, um
- Gegenargumente,
- Gegenbeispiele,
- alternative Begriffe,
- übersehene Voraussetzungen,
- asymmetrische Maßstäbe,
- mögliche Folgen
- und andere Perspektiven
zu erzeugen.
Prüfe ihre Ergebnisse jedoch selbst. Eine KI kann mögliche Prüfstellen anzeigen, aber weder Wahrheit noch Verantwortung übernehmen.
Sie kann mir zeigen, was ich prüfen sollte. Sie kann mir nicht abnehmen zu prüfen, ob es trägt.
14. Kein Rezept, sondern ein Repertoire #
Noch einmal:
Keine dieser Operationen garantiert, dass ein blinder Fleck sichtbar wird. Jede kann ritualisiert und in die Selbstbestätigung eingemeindet werden.
Die Verfahren wirken nicht aus eigener Kraft.
Sie sind Einladungen zu einem zeitweiligen Kontrollverlust. Ihr Wert zeigt sich dort, wo der Text nach ihrer Anwendung nicht nur besser verteidigt, sondern möglicherweise sinnvoll anders geworden ist.
Manchmal wird die ursprüngliche These bestehen bleiben. Dann hat sie zumindest verschiedene Anordnungen und Einwände durchlaufen. Manchmal wird sie schwächer, aber genauer. Manchmal löst sie sich auf und gibt eine andere Frage frei.
Das Ergebnis lässt sich nicht vorab bestimmen. Gerade darin unterscheiden sich Öffnungsverfahren von Immunisierungsstrategien.
Damit ist das Denken keineswegs beendet. Die erzeugten Wahrnehmungsmöglichkeiten müssen geprüft, gewichtet und irgendwann vorläufig festgestellt werden. Offen bleibt also die Frage, wann ich trotz unvermeidlicher Unsicherheit sagen darf: Für den Augenblick trägt diese Auffassung.
Nun kommt Harald Wohlrapps Begriff der Einwandfreiheit ins Spiel. Er hilft, Benjamins Begriff der Stillstellung präziser zu fassen.
VIII. Einwandfreiheit auf Zeit #
Die vorangegangenen Verfahren sollen neue Wahrnehmungsmöglichkeiten erzeugen, Einwände provozieren und eine zu glatte Gedankenführung stören. Doch irgendwann muss die Bewegung vorläufig enden.
Ich kann nicht jede denkbare Perspektive einnehmen, jede Quelle lesen und jeden künftigen Einwand vorwegnehmen. Wollte ich erst dann urteilen, wenn nichts mehr fraglich ist, käme ich zu keinem Urteil. Die Forderung nach Offenheit würde in eine kaum angreifbare Rechtfertigung des Nichtentscheidens umschlagen.
Es braucht also ein Kriterium für jene Stillstellung, die weder Willkür noch endgültige Gewissheit beansprucht:
Wann ist eine Auffassung hinreichend geprüft, um sie vorläufig vertreten und als Orientierung verwenden zu können?
Hier hilft mir Harald Wohlrapps Begriff der Einwandfreiheit.
1. Argumentieren aus einem Orientierungsdefizit #
Nach Wohlrapp beginnen wir nicht erst dann zu argumentieren, wenn wir eine fertige Meinung möglichst wirkungsvoll durchsetzen wollen. Argumentation wird nötig, wenn eine bisherige Orientierung nicht mehr ausreicht.
Wir verstehen einen Sachbereich nicht hinreichend, stoßen auf widersprüchliche Erfahrungen oder wissen nicht, wie wir urteilen und handeln sollen. Eine These versucht, dieses Orientierungsdefizit zu beheben. Sie entwirft eine mögliche neue Sicht, die begründet und Einwänden ausgesetzt werden muss.16
Eine solche These ist mehr als eine persönliche Meinung. Sie erhebt den Anspruch, auch anderen als Orientierung dienen zu können. Sie ist aber noch kein unerschütterliches Wissen. Ihre Geltung muss sich erst in der Argumentation und später möglicherweise auch in der Praxis bewähren.
Das passt zur Lage des Essayisten. Ich schreibe nicht, weil ich über gesichertes Wissen verfüge, das ich nur noch weiterzugeben hätte. Ich schreibe, weil etwas unklar, widersprüchlich oder erklärungsbedürftig geworden ist. Der Essay ist der Versuch, aus einem Orientierungsdefizit eine begründete vorläufige Orientierung zu gewinnen.
2. Geltung ist nicht Zustimmung #
Wohlrapp unterscheidet scharf zwischen der Zustimmung zu einer These und ihrer argumentativen Geltung.
Viele Menschen können einer Auffassung zustimmen, ohne dass sie gut begründet ist. Sie kann einer verbreiteten Erwartung entsprechen, beruhigen, zum politischen Lager passen oder rhetorisch geschickt vorgetragen sein.
Umgekehrt kann eine begründete Auffassung auf Ablehnung oder Gleichgültigkeit stoßen. Sie wird nicht schon dadurch ungültig, dass niemand sie hören möchte.
Zustimmung beschreibt den Stand der Meinungen. Argumentative Geltung betrifft den Stand der Argumente.17
Das ist für mich besonders wichtig. Ich kann nicht steuern, ob jemand meinen Text liest, ihm zustimmt oder überhaupt auf ihn reagiert. Ausbleibende Resonanz sagt für sich genommen weder etwas für noch gegen seine argumentative Qualität.
Ebenso wenig darf Zustimmung mich allzu sehr beruhigen. Vielleicht teilt ein Leser lediglich meine Voraussetzungen. Vielleicht gefällt ihm das Ergebnis. Vielleicht haben wir denselben blinden Fleck.
Die entscheidende Frage zielt nicht auf Zustimmung, sondern lautet: Welche Einwände stehen nach der Prüfung noch gegen meine Auffassung?
3. Was Einwandfreiheit bedeutet #
Einwandfreiheit bedeutet nicht, dass eine These unangreifbar geworden wäre. Sie bedeutet auch nicht, dass niemand mehr widerspricht oder dass kein weiterer Einwand denkbar ist.
Gemeint ist ein bestimmter Stand der Argumentation: Gegen die Begründung der These steht gegenwärtig kein Einwand mehr, der unbeantwortet geblieben ist oder eine wesentliche Änderung verlangt.
Stellen sich doch noch Einwände ein, können sie auf verschiedene Weise bearbeitet werden.
Jeder Einwand kann sich als unbegründet erweisen. Er kann auf einem Missverständnis beruhen. Er kann eine Ergänzung oder genauere Unterscheidung erforderlich machen. Er kann die Reichweite der These beschränken. Oder er kann sie so grundlegend treffen, dass sie aufgegeben oder neu formuliert werden muss.
Einwandfreiheit ist daher nicht bloß die erfolgreiche Verteidigung der ursprünglichen Behauptung. Die am Ende einwandfreie These kann eine andere sein als jene, mit der die Argumentation begonnen hat.
Der jeweilige Einwand hat dann nicht verloren. Er ist in die veränderte Auffassung eingegangen.
4. Ausbleibender Widerspruch ist keine Einwandfreiheit #
Hier liegt eine naheliegende Gefahr. Ein Text kann scheinbar einwandfrei sein, weil niemand widersprochen hat.
Doch Schweigen ist kein Argument.
Vielleicht wurde der Text nicht gelesen. Vielleicht fehlen den Lesern Zeit, Interesse oder Kenntnisse. Vielleicht erscheint der Widerspruch aussichtslos. Vielleicht bewegen sich Autor und Leser in einem so ähnlichen geistigen Umfeld, dass ihnen dieselben Voraussetzungen selbstverständlich erscheinen.
Auch ein Forum schützt nicht zuverlässig vor gemeinsam geteilten blinden Flecken.
Einwandfreiheit kann daher nicht einfach heißen: Es hat niemand etwas dagegen gesagt.
Sie setzt eine ernsthafte Suche nach möglichen Einwänden voraus. Die Gegenposition muss die Gelegenheit erhalten, in einer hinreichend starken Form aufzutreten. Widerspenstige Fälle dürfen nicht vorschnell aussortiert werden. Begriffe, Maßstäbe und Übergänge müssen angreifbar bleiben.
Erst dann gewinnt das Ausbleiben eines tragfähigen Einwands Gewicht.
5. Der Einwand prüft nicht nur das Ergebnis #
Ein Einwand richtet sich häufig zunächst gegen eine einzelne Behauptung. Im Verlauf der Prüfung kann sich jedoch zeigen, dass nicht nur das Ergebnis, sondern die gesamte Anlage des Arguments verändert werden muss.
Vielleicht war die Fragestellung zu eng. Vielleicht hat ein Schlüsselbegriff bereits entschieden, was erst hätte untersucht werden sollen. Vielleicht beruht die Begründung auf einer unpassenden Unterscheidung.
Dann genügt es nicht, den Einwand am Rand zu beantworten. Er verlangt einen Umbau.
Wohlrapp beschreibt die Struktur des Argumentierens deshalb nicht als einfache Ableitung einer These aus feststehenden Voraussetzungen. These und Begründungsbasis wirken aufeinander zurück. Während der Argumentation kann sich verändern,
-
was genau behauptet wird,
-
welche Gründe tatsächlich tragen,
-
welche Begriffe benötigt werden
-
und was überhaupt als relevanter Einwand gelten muss.
Man könnte diese Bewegung weiterhin dialektisch nennen: Der Einwand tritt nicht nur von außen gegen eine fertige Auffassung. Er macht eine Grenze sichtbar, durch die sich die Auffassung selbst verändert.
Der gelungene Einwand zerstört den Gedanken nicht notwendig. Er kann ihn auf eine tragfähigere Stufe bringen.
6. Einwandfreiheit ist keine Immunität #
Damit wird der Unterschied zwischen Einwandfreiheit und Immunisierung genauer erkennbar.
Eine immunisierte These bleibt unverändert, weil Einwände grundsätzlich keine verändernde Kraft erhalten. Sie werden abgewehrt, umgedeutet, psychologisiert oder als Bestätigung der These eingemeindet.
Eine einwandfreie These kann ebenfalls unverändert bleiben – aber erst, nachdem Einwände eine reale Möglichkeit hatten, sie zu verändern.
Der Unterschied liegt also weniger im Ergebnis als im Weg dorthin.
Das lässt sich nicht immer von außen sicher unterscheiden. Ein Autor kann eine sorgfältige Prüfung nur inszenieren. Er kann die Gegenargumente so auswählen, dass sein Ergebnis feststeht. Auch ich kann mir einreden, mein Gedanke habe Einwänden standgehalten, obwohl ich nur jene zugelassen habe, die mir vertraut waren.
Ehrliche Selbstkritik hilft – ebenso die Grundhaltung, dass eine These gerade dann Misstrauen verdient, wenn sie jede Prüfung vollkommen unverändert und noch selbstgewisser verlässt.
7. Die situierte Einwandfreiheit des einzelnen Essayisten #
Wohlrapps Begriff setzt ein argumentatives Forum voraus, in dem Thesen begründet, Einwände erhoben und Antworten geprüft werden können.
Mir steht ein solches Forum nur eingeschränkt zur Verfügung. Ich verfüge über keine Fachgemeinschaft und kann nicht darauf vertrauen, dass alle relevanten Einwände tatsächlich vorgebracht werden.
Deshalb wäre es vermessen, für einen Essay uneingeschränkte Einwandfreiheit zu behaupten.
Was ich anstreben kann, ist eine situierte Einwandfreiheit:
Im Horizont meiner Kenntnisse, der von mir ernsthaft gesuchten Gegenargumente und der erreichbaren fremden Prüfungen sehe ich gegenwärtig keinen Einwand mehr, der mich zwingt, die Auffassung aufzugeben oder grundlegend zu verändern.
Das ist kein rhetorischer Vorbehalt, mit dem ich mich vorsorglich gegen Kritik absichere. Es ist die möglichst genaue Bestimmung meines Geltungsanspruchs.
Ich sage:
Nach der Prüfung, die mir möglich war, halte ich diese Auffassung gegenwärtig für begründet und vertretbar.
8. Wann ist die Prüfung hinreichend? #
Die Formel der Einwandfreiheit löst nicht automatisch die praktische Frage, wie lange ich suchen und prüfen muss.
Immer könnte noch eine weitere Quelle gelesen, eine andere Perspektive eingenommen oder ein neuer Gesprächspartner gefunden werden. Die Möglichkeit künftiger Einwände lässt sich nicht ausschließen.
Einwandfreiheit kann daher nur auf den jeweils erreichten Argumentationsstand bezogen sein. Die Prüfung ist nicht vollständig, aber sie kann hinreichend sein.
Wann dieser Punkt erreicht ist, lässt sich nicht durch eine feste Zahl von Quellen oder Gegenargumenten bestimmen.
Einige Anzeichen können jedoch dafür sprechen:
-
Die zentrale These ist klar genug formuliert, um widerlegt oder eingeschränkt werden zu können.
-
Die wichtigsten Begriffe sind bestimmt und nicht beliebig verschiebbar.
-
Naheliegende Alternativerklärungen wurden geprüft.
-
Die stärkste erreichbare Gegenposition wurde nicht verkürzt.
-
Widerspenstige Fälle wurden nicht bloß ausgesondert.
-
Tatsachenbehauptungen sind in einem dem Anspruch angemessenen Maß belegt.
-
Offengebliebene Unsicherheiten sind kenntlich gemacht.
-
Weitere Prüfungen führen vorerst überwiegend zu Wiederholungen, nicht zu wesentlichen Veränderungen.
Auch diese Merkmale liefern keine Gewissheit. Sie können aber anzeigen, dass zusätzliche Reflexion vorläufig nur noch geringe Erkenntnisgewinne verspricht. Im Wesentlichen entscheidet der Autor, wann es, fürs Erste, genug ist.
Dann darf der Gedanke stillgestellt werden.
9. Einwandfreiheit, vorübergehend #
Einwandfreiheit ist kein feierlicher Endzustand. Eher ein Ruhepunkt.
Das kann auch trügerisch sein. Doch ohne die Bereitschaft, das Denken gleichsam einzufrieren, würde es folgenlos bleiben.
Dadurch verbindet sich Einwandfreiheit mit Entschlusskraft. Der Gedanke kommt zur Ruhe, aber nicht aus Erschöpfung oder dogmatischer Selbstgewissheit.
Der Zusatz „vorübergehend“ ist keine nachträgliche Abschwächung. Er gehört zur Sache selbst.
Der Stand der Argumente kann sich verändern. Neue Tatsachen können bekannt werden. Begriffe können ihre Unzulänglichkeit zeigen. Eine praktische Anwendung kann Nebenfolgen hervorbringen, die vorher nicht erkennbar waren. Ein späterer Leser kann einen Einwand formulieren, für den dem Autor die Erfahrung oder Sprache fehlte. Ich kann eine oder mehrere Nächte darüber geschlafen haben.
Was gestern einwandfrei erschien, kann heute einer Revision bedürfen.
Eine Seekarte wird nicht dadurch unbrauchbar, dass später Küsten genauer vermessen werden. Sie war brauchbar, solange sie hinreichend zuverlässig orientierte. Allerdings darf sie nicht weiterverwendet werden, als hätte es die genaueren Messungen nie gegeben.
Einwandfreiheit bezeichnet keinen Besitz, sondern einen Status.
10. Vom Ruhepunkt zum neuen Ausgangspunkt #
Mit der vorläufigen Einwandfreiheit endet der Erkenntnisprozess nicht. Er wechselt seine Form.
Der Gedanke wird veröffentlicht, angewandt oder anderen zur Verfügung gestellt. Nun kann er in Zusammenhänge geraten, die der Autor nicht vorausgesehen hat. Er kann sich bewähren, folgenlos bleiben, missverstanden oder von einer neuen Seite angegriffen werden. Auch vom Autor selbst.
Gerade die Stillstellung macht diese weitere Bewegung möglich. Nur ein bestimmter Gedanke kann praktisch erprobt, erinnert und später revidiert werden.
Damit ist der Übergang zu Albert O. Hirschman (1915-2012) erreicht. Seine Aufforderung zur Selbstsubversion setzt nicht bei einem endlos offenen Gedanken an, sondern bei Auffassungen, die bereits Gestalt gewonnen, sich bewährt und vielleicht sogar zum geistigen Besitz ihres Autors geworden sind. Sie fragt, wie ich zu meinen eigenen früheren Einsichten zurückkehren kann, ohne sie entweder starr zu verteidigen oder vorschnell zu verwerfen.
IX. Selbstsubversion des eigenen Denkens #
Einwandfreiheit auf Zeit erlaubt es, einen Gedanken vorläufig festzustellen, zu vertreten und vielleicht praktisch werden zu lassen. Gerade dadurch entsteht jedoch eine neue Gefahr: Was Gestalt gewonnen hat, kann zum Besitz werden.
Je gelungener ein Text erscheint, desto schwerer kann es werden, ihn wieder anzutasten.
1. Den eigenen Gedanken gegen sich selbst wenden #
Hirschman bezeichnete als Selbstsubversion seine Neigung, frühere eigene Thesen wieder aufzugreifen, zu befragen, einzuschränken und durch gegenläufige Beobachtungen zu komplizieren.18
Der Ausdruck ist stärker als „Selbstkritik“. Kritik kann äußerlich bleiben. Ich finde einen Fehler, berichtige ihn und halte den Rest meines Gedankengebäudes möglichst unversehrt.
Subversion zielt tiefer. Sie behandelt die frühere Auffassung nicht nur als etwas, das punktuell zu berichtigen wäre, sondern setzt ihre Voraussetzungen, ihre Reichweite und ihre Folgerungen erneut aufs Spiel. Dabei kann sich auch zeigen, dass eine Einsicht Entwicklungen oder Gegenkräfte übersehen – mitunter sogar selbst begünstigt – hat, die ihre ursprüngliche Gestalt untergraben.
Das bedeutet nicht, eine Auffassung künstlich zu zerstören. Eine These verdient nicht deshalb Misstrauen, weil sie die eigene ist. Selbstsubversion ist kein Zwang, zu allem später das Gegenteil zu behaupten.
Sie stellt eine andere Frage:
Was wird sichtbar, wenn ich meine frühere Auffassung nicht mehr hauptsächlich verteidige, sondern als Material einer neuen Untersuchung behandle?
Der eigene Text wird damit ein wenig fremd. Er verliert seinen besonderen Schutz durch die Absicht und Erinnerung seines Autors.
2. Selbstsubversion und Selbstbehauptung #
Hirschmans Titel bezeichnet nur die eine Hälfte der Bewegung. In seinen Rückblicken werden frühere Thesen nicht einfach widerrufen. Einige werden eingeschränkt, andere erweitert, wieder andere unter veränderten Bedingungen erneut bekräftigt.
Selbstsubversion enthält deshalb immer auch Selbstbehauptung. Das frühere Denken hat etwas erkannt. Sonst gäbe es nichts, das eine spätere Revision lohnte.
Hirschman fragt: Was an der früheren Auffassung trägt noch – und unter welchen genaueren Bedingungen?
Eine Erklärung kann einen wirklichen Zusammenhang erfassen, seinen Geltungsbereich aber überschätzen. Ein Zusammenhang besteht vielleicht, jedoch nicht in allen Fällen. Eine Erklärung trifft einen wichtigen Mechanismus, unterschätzt aber eine gegenläufige Kraft. Ein Begriff erschließt einen Teil der Wirklichkeit und verdeckt einen anderen.
Die spätere Einsicht hebt die frühere dann nicht einfach auf. Sie bestimmt ihre Reichweite genauer. Selbstsubversion nimmt dem Gedanken seine Unschuld, nicht notwendig seinen Wert.
Das unterscheidet sie von jener nachträglichen Selbstverachtung, mit der man frühere Überzeugungen nur noch als Zeichen der eigenen damaligen Beschränktheit behandelt. Auch das wäre eine Form der Selbstüberhebung – nun zugunsten des gegenwärtigen Ichs.
Der frühere Autor war nicht bloß naiv, der heutige ist nicht endgültig aufgeklärt. Beide stehen in einer Geschichte begrenzter Erkenntnisse.
3. Den Geltungsbereich statt nur die Wahrheit prüfen #
Bei gesellschaftlichen und historischen Erklärungen ist die Prüfung häufig nicht mit der einfachen Frage erschöpft, ob sie wahr oder falsch sind. Ebenso wichtig ist, unter welchen Bedingungen und innerhalb welcher Grenzen sie gelten.
Eine starke These verführt dazu, ihren Geltungsbereich auszudehnen. Je mehr Fälle sie scheinbar erklärt, desto bedeutender erscheint sie.
Selbstsubversion bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung. Sie sucht nach den Grenzen, Übergängen und Gegenbewegungen.
Ein Gegenfall muss eine Theorie nicht zerstören. Er kann zeigen, dass aus einer vermeintlichen Regel eine bedingte Möglichkeit werden muss.
Aus „A führt zu B“ wird unter Umständen „A begünstigt unter den Bedingungen C und D die Entwicklung B, sofern nicht E entgegenwirkt.“
Die zweite Formulierung ist weniger schlagkräftig. Sie ist aber auch weniger leicht zur Universalformel zu verhärten. Vor allem eröffnet sie neue Fragen: Welche Bedingungen sind veränderbar? Wo lässt sich die Gegenkraft E stärken? Unter welchen Umständen bleibt der befürchtete Zusammenhang aus?
Die Einschränkung einer These kann ihre praktische Brauchbarkeit erhöhen.
4. Die Anomalie nicht vorschnell einordnen #
Hirschman misstraute der Neigung, gesellschaftliche Wirklichkeit möglichst rasch unter umfassende Paradigmen zu bringen. In einem frühen Aufsatz warnte er davor, dass die Suche nach dem passenden Paradigma selbst zum Hindernis des Verstehens werden könne.19
Begriffe und Modelle sind notwendig. Ohne sie bliebe eine Ansammlung von Tatsachen ungeordnet. Doch ein zu mächtiges Paradigma erkennt in jedem neuen Fall nur noch sich selbst wieder.
Gerade der störende Befund könnte jedoch erkenntnisreich werden.
Selbstsubversion verlangt daher, die Anomalie eine Weile Anomalie bleiben zu lassen. Ich sollte ihr nicht sofort einen Platz im bisherigen System zuweisen, sondern fragen:
Was müsste ich an meiner Auffassung ändern, wenn dieser Befund nicht nebensächlich wäre?
Das bedeutet keine Verehrung des Ausnahmefalls. Eine Anomalie kann tatsächlich zufällig, falsch beobachtet oder für den untersuchten Zusammenhang belanglos sein.
Aber sie verdient eine Zeit der Unentschiedenheit, in der sie nicht nur vom bisherigen Modell erklärt wird, sondern das Modell ihrerseits befragen darf.
5. Gegen die Sparsamkeit der großen Erklärung #
Theorien gewinnen Eleganz, indem sie mit wenigen Annahmen möglichst viel erklären. Diese Sparsamkeit ist eine intellektuelle Tugend – bis sie die Wirklichkeit sparsamer macht, als diese ist.
Hirschman wandte sich deshalb ausdrücklich „gegen die Sparsamkeit“ bestimmter sozialwissenschaftlicher Erklärungen. Er zeigte, dass menschliche Motive, Tätigkeiten und Präferenzen nicht immer nach den einfachen Modellen funktionieren, mit denen sie erfasst werden sollen.20
Für mein Schreiben folgt daraus keine Pflicht, jeden Gedanken möglichst kompliziert zu machen. Komplexität kann ebenso imponieren und immunisieren wie Einfachheit.
Die Frage lautet vielmehr: Welche Vereinfachung stützt das Verständnis produktiv – und ab wann beginnt sie, den Gegenstand zurechtzustutzen?
Ein Modell muss reduzieren. Ein Text muss auswählen. Aber die Reduktion sollte kenntlich bleiben und durch das Ausgeschlossene anfechtbar sein.
Die gefährliche Sparsamkeit zeigt sich dort, wo die Erklärung ihre Eleganz gerade dadurch gewinnt, dass sie
-
mehrere Motive auf eines zurückführt,
-
wechselnde Haltungen als bloße Inkonsistenz behandelt,
-
Rückkopplungen in lineare Ursachenketten verwandelt,
-
historische Besonderheiten als Varianten desselben Grundmusters liest
-
oder unerwartete Folgen aus der Betrachtung entfernt.
Selbstsubversion kann dann bedeuten, dem eigenen Modell eine zunächst unerwünschte Komplikation zurückzugeben.
6. Überraschung und Possibilismus #
Eine immunisierte Theorie kennt im Grunde keine Überraschungen. Was immer geschieht, lässt sich nachträglich in ihr Vokabular übersetzen.
Hirschmans Denken war dagegen von unerwarteten Folgen, Gegenbewegungen und historischen Verläufen angezogen, die sich nicht zuverlässig aus allgemeinen Gesetzmäßigkeiten ableiten ließen. Sein Interesse galt weniger der sicheren Prognose als den Bedingungen, unter denen etwas zunächst Unwahrscheinliches dennoch möglich werden konnte.
Überraschung ist dabei nicht schon Erkenntnis. Auch das Zufällige überrascht. Doch die echte Überraschung zeigt häufig, dass meine Erwartungen enger waren als die Wirklichkeit.
Eine Theorie, die nie überrascht werden kann, lernt nichts hinzu.
Hirschmans Interesse am Überraschenden verbindet sich mit seinem Possibilismus. Er suchte nicht in erster Linie nach allgemeinen Gesetzen, aus denen sich der wahrscheinlichste Verlauf ableiten ließe, sondern nach konkreten, oft schmalen Wegen, auf denen eine scheinbar blockierte Entwicklung dennoch möglich werden konnte.21
Possibilismus ist kein naiver Optimismus. Er behauptet nicht, dass alles möglich sei, sofern man es sich nur wünsche. Er widerspricht vielmehr dem voreiligen Schluss:
Weil ein günstiges Ergebnis unwahrscheinlich ist, kann ernsthaftes Nachdenken darüber unterbleiben.
Wahrscheinlichkeit orientiert daran, womit gewöhnlich zu rechnen ist. Problemlösung verlangt bisweilen eine andere Frage:
Welche noch so begrenzte Konstellation müsste eintreten oder geschaffen werden, damit eine bessere Entwicklung möglich wird?
Damit verändert sich die Funktion der Analyse. Sie soll nicht nur erklären, weshalb etwas scheitert. Sie soll auch nach Ansatzpunkten suchen, an denen der scheinbar geschlossene Verlauf geöffnet werden kann.
Das passt zu meinem eigenen Anspruch an das Schreiben. Ich möchte nicht bloß bestehende Gewissheiten untergraben. Die Selbstsubversion eines Gedankens sollte im besten Fall eine Möglichkeit freilegen, die seine frühere Gestalt verdeckt hatte.
Welche Möglichkeit konnte meine bisherige Erklärung nicht sehen?
Diese Frage führt über Selbstkritik hinaus.
7. Widerrufszwang und Pose #
Selbstsubversion kann auf zwei entgegengesetzte Weisen misslingen. Sie kann zum Widerrufszwang werden: zur Erwartung, jede eigene Auffassung nach einiger Zeit relativieren oder umkehren zu müssen. Das wäre unsinnig. Manche Thesen halten wiederholter Prüfung stand; manche Einwände erweisen sich als schwach.
Sie kann aber auch zur Pose werden. Ein Autor präsentiert sich dann als so beweglich und selbstkritisch, dass jeder Einwand nur noch seine behauptete Offenheit bestätigt. Er kultiviert den Widerruf als Zeichen geistiger Überlegenheit und bleibt dabei Herr über jede Veränderung.
Echte Selbstsubversion zeigt sich weder am regelmäßigen Widerruf noch am sichtbaren Akt der Selbstkritik, sondern daran, ob sich etwas verändert, das der Autor lieber beibehalten hätte.
8. Schreiben in Fassungen #
Für den Essayisten besitzt Selbstsubversion auch eine einfache zeitliche Form: das Schreiben in Fassungen. Selbstsubversion setzt Erinnerung voraus.
Ein Text muss nicht bei jeder neuen Einsicht heimlich so umgearbeitet werden, als hätte der Autor niemals anders gedacht. Frühere Fassungen und veröffentlichte Texte können als erkennbare Stationen stehen bleiben.
Das besitzt einen eigenen erkenntnistheoretischen Wert. Ich kann später nachvollziehen, wie ich früher gedacht habe, worauf mein Denken hinauslief und wo es an seine Grenzen stieß.
Der frühere Text wird zum Dokument einer damaligen Einwandfreiheit – oder dessen, was ich dafür hielt.
Ein digitales Textarchiv oder ein Digital Garden bietet dafür besondere Möglichkeiten. Texte können aufeinander verweisen, einander ergänzen, widersprechen und ihre Entstehungsgeschichte kenntlich machen. Das Gedankennetz wächst dann nicht nur durch neue Themen, sondern auch durch Rückverbindungen zu früheren Irrtümern, Einschränkungen und überraschenden Fortsetzungen.
Eine solche Rückverbindung könnte knapp festhalten:
Hier lag mein Ausgangspunkt.
Diesen Einwand hatte ich übersehen.
Das bleibt von meiner früheren Auffassung bestehen.
An dieser Stelle sehe ich heute anders.
Die neue Fassung muss die alte nicht auslöschen. Sie kann mit ihr in eine Konstellation treten.
9. Vom Urteil zurück zur Frage #
Eine gelungene Selbstsubversion führt nicht immer sofort zu einer besseren neuen These. Manchmal verwandelt sie ein scheinbar geklärtes Urteil zunächst wieder in eine Frage.
Das ist kein Rückschritt.
Eine unzureichende Antwort aufzugeben kann bedeuten, das Problem erstmals angemessen zu sehen. Die frühere Auffassung hat dann wenigstens gezeigt, wo ihre Begriffe nicht ausreichen.
Allerdings darf auch die Rückkehr zur Frage nicht zum Dauerzustand werden. Irgendwann müssen neue Unterscheidungen erprobt, Gründe gewichtet und vorläufige Urteile gefällt werden.
Die Bewegung lautet nicht:
These – Zerstörung – Schwebe.
Sondern:
These – Bewährung – Störung – Rückfrage – Umbau – neue vorläufige Orientierung.
Damit setzt die Selbstsubversion jene dialektische Bewegung fort, die bereits im Einwand angelegt war. Ein Gedanke wird nicht einfach negiert. Er kehrt verändert zu seinem Gegenstand zurück.
10. Selbstsubversion als offene Zukunft des Textes #
Eine veröffentlichte Fassung eines Essays ist abgeschlossen. Ihre Sätze stehen fest. Der Erkenntnisprozess, aus dem sie hervorging, muss deshalb dennoch nicht beendet sein.
Die Offenheit des Textes kann nun drei Formen annehmen:
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Andere lesen ihn anders, als sein Autor ihn verstanden wissen wollte.
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Neue Erfahrungen und Tatsachen prüfen seine Behauptungen.
-
Der Autor selbst kehrt später zu ihm zurück.
Der Autor kann diese Entwicklungen nicht vollständig steuern. Er kann sich ihnen aber zugänglich halten.
Hirschmans Selbstsubversion bezeichnet damit nicht nur eine persönliche Tugend. Sie ist die zeitliche Fortsetzung epistemischer Gastfreundschaft.
Einwandfreiheit gilt auf Zeit. Selbstsubversion hält diese Zeit offen.
Für weitere, vielleicht gelungenere Versuche.
X. Offenheit mit Ausgang #
Offenes Denken darf, das sollte klar geworden sein, nicht mit ausuferndem Denken verwechselt werden.
Die Einsicht in blinde Flecken, die Beobachtung der eigenen Beobachtung, das Aufbrechen von Immunisierungen, Perspektivwechsel und Selbstsubversion sollen den Anspruch auf endgültige Gewissheit erschüttern. Sie nehmen mir aber nicht die Aufgabe ab, zu urteilen. Im Gegenteil: Erst wenn ich die Grenzen meines Urteils einigermaßen erkenne, kann ich bewusster Verantwortung dafür übernehmen.
Offenes Denken liegt zwischen Schwebezustand und Starrsinn. Es ist fest genug, um angreifbar und handlungsfähig zu werden, und beweglich genug, um sich durch gute Gründe verändern zu lassen.
Gerade deshalb ist die Stillstellung kein Verrat an der Offenheit. Sie gibt ihr einen Gegenstand.
Keine ernsthafte Entscheidung beseitigt alle Unsicherheiten.
Ich kann nicht wissen, welche Nebenfolgen später eintreten, welche Tatsachen noch bekannt werden oder welche meiner Voraussetzungen sich als falsch erweisen. Dennoch muss ich entscheiden, ob ich einer Auffassung folge, sie veröffentliche, unterstütze oder praktisch werden lasse.
Entschlusskraft besteht daher nicht in der Abwesenheit von Unsicherheit. Sie besteht in der Bereitschaft, unter Unsicherheit Verantwortung zu übernehmen.
Das unterscheidet den Entschluss von dogmatischer Selbstgewissheit. Diese leugnet das Risiko. Der Entschluss nimmt es auf sich.
Wer eine Auffassung vertritt, kann sich weder hinter ihrer Vorläufigkeit noch hinter ihrer vermeintlichen Notwendigkeit verstecken.
Mit einer vertretenen Auffassung erhebe ich als Autor einen Geltungsanspruch. Dieser verlangt Gründe und eine Bestimmung seiner Reichweite. Der gegenwärtig beste Stand der Prüfung darf nicht mit einem Standpunkt außerhalb aller möglichen Prüfung verwechselt werden.
Intellektuelle Redlichkeit zeigt sich hier nicht in demonstrativer Bescheidenheit, sondern in der Genauigkeit, mit der Anspruch und Vorbehalt aufeinander abgestimmt werden.
Offenheit bedeutet nicht, eine Auffassung bei jedem Widerspruch aufzugeben.
Ein Einwand kann falsch, nebensächlich oder bereits beantwortet sein. Eine neue Perspektive kann weniger erklären als die alte. Eine überraschende Umkehrung kann nur überraschend sein. Auch Mehrheiten, Moden und moralischer Druck sind keine ausreichenden Revisionsgründe.
Wer jede eigene Auffassung vorschnell preisgibt, ist nicht notwendig offen. Er kann ebenso abhängig von Zustimmung, Neuheit oder dem jeweils letzten Einwand sein.
Revision verlangt Gründe. Gute Gründe.
Die bloße Möglichkeit, dass ich mich irren könnte, ist noch kein Grund, meine Auffassung aufzugeben. Sie ist ein Grund, sie grundsätzlich revisionsfähig zu halten.
Mit der Veröffentlichung verliert der Autor einen Teil der Verfügung über seinen Text.
Andere können ihn anders verstehen, als sein Autor es beabsichtigte. Sie können Verbindungen sehen, die er nicht gesehen hat, Voraussetzungen bestreiten, die ihm selbstverständlich erschienen, oder seine Begriffe in Zusammenhänge stellen, an die er nicht dachte.
Epistemische Gastfreundschaft verlangt zunächst Klarheit. Nur eine hinreichend bestimmte Auffassung kann präzise kritisiert werden. Der Text sollte seine zentralen Behauptungen, Gründe und Voraussetzungen erkennen lassen, Gegenpositionen nicht karikieren und offene Fragen sichtbar halten. Ein Text, der sich in Andeutungen, Vorbehalten und Mehrdeutigkeiten verliert, ist nicht besonders offen. Er ist womöglich nur schwer zu greifen.
Ein offener Text zeigt nicht nur seinen Weg, sondern auch die Stellen, an denen ein Leser mit Gründen anders abbiegen könnte.
Die Rede von Perspektiven, blinden Flecken und vorläufiger Geltung kann missverstanden werden. Sie bedeutet nicht, dass jede Auffassung nur der Ausdruck eines Standpunkts wäre und keine besser begründet sein könnte als eine andere.
Gerade weil keine Perspektive alles sieht, müssen Perspektiven miteinander verglichen werden. Gerade weil Begriffe den Gegenstand ordnen, müssen sie danach beurteilt werden, was sie sichtbar machen und was sie verzerren. Gerade weil Urteile revidierbar sind, kommt es darauf an, welche Gründe eine Revision tragen.
Offenheit schwächt den Wahrheitsanspruch nicht notwendig. Sie verändert seine Form.
Wahrheit wird damit nicht zum Besitz des Urteilenden. Sie bleibt der Maßstab, an dem sein Urteil scheitern kann.
Nicht jeder Einwand verdient unbegrenzte Aufmerksamkeit. Nicht jedes Gespräch muss fortgesetzt, nicht jede Behauptung gleichrangig geprüft werden.
Auch epistemische Gastfreundschaft kennt ein Hausrecht.
Sie verlangt, fremden Gründen Raum zu geben. Sie verlangt nicht, jede Form von Manipulation, Wiederholung oder persönlichem Angriff als Beitrag zur gemeinsamen Prüfung anzuerkennen.
Die Grenze sollte allerdings nicht dort gezogen werden, wo ein Einwand unbequem wird, sondern dort, wo er sich den Bedingungen argumentativer Prüfung entzieht.
Die Offenheit gegenüber Gründen verlangt deshalb gelegentlich die Schließung gegenüber Rechthaberei.
Was für das eigene Denken gilt, besitzt eine politische Entsprechung.
Auch offene Gesellschaften müssen Entscheidungen treffen, Gesetze beschließen und Institutionen schaffen. Sie können nicht auf vollständiges Wissen und allgemeine Zustimmung warten. Ihre Entscheidungen sind dennoch nicht für alle Zeiten der Prüfung entzogen.
Demokratische Offenheit besteht nicht darin, dass alles jederzeit ungeklärt bleibt. Sie besteht darin, dass vorläufige Festlegungen revidierbar sind, Opposition möglich bleibt, Gründe öffentlich geprüft und Irrtümer ohne vollständigen Zusammenbruch der Ordnung korrigiert werden können.
Eine offene Gesellschaft benötigt daher ebenfalls beides:
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Verfahren der Schließung, durch die Entscheidungen zustande kommen,
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und Verfahren der Wiederöffnung, durch die Entscheidungen kritisiert und verändert werden können.
Ohne Schließung würde sie handlungsunfähig. Ohne Wiederöffnung würde sie autoritär.
Die Parallele sollte nicht überdehnt werden. Ein Essay ist keine politische Ordnung. Doch beiden stellt sich eine verwandte Grundfrage: Wie lässt sich eine Festlegung verbindlich vertreten, ohne sie für unfehlbar zu erklären?
Am Ende bleibt eine ernüchternde Einsicht.
Keines der beschriebenen Verfahren garantiert, dass ich meinen entscheidenden blinden Fleck erkenne. Möglichkeitssinn, Perspektivwechsel, Montage, die Stärkung der Gegenposition, Einwandprüfung und Selbstsubversion können selbst ritualisiert werden. Sie können eine Offenheit inszenieren, hinter der die wichtigsten Voraussetzungen unangetastet bleiben.
Auch dieser Essay kann sich gegen seine eigene Einsicht immunisieren.
Er könnte dem Autor das beruhigende Gefühl verschaffen, die Gefahren der Selbsttäuschung nun so genau beschrieben zu haben, dass er ihnen weniger ausgesetzt sei als andere. Die Beschäftigung mit blinden Flecken würde dann gerade einen neuen blinden Fleck erzeugen.
Dagegen hilft keine letzte Methode.
Es bleibt nur ein mehr oder weniger organisiertes Misstrauen gegen die eigene geistige Bequemlichkeit – verbunden mit der Bereitschaft, dennoch zu einer Auffassung zu gelangen.
Diese Verbindung ist fragil. Sie muss immer wieder hergestellt werden.
Der Weg dieses Essays lässt sich nun zusammenfassen.
Ich beginne mit einer Auffassung, weil mir etwas fraglich oder problematisch geworden ist. Ich versuche, Tatsachen, Begriffe und Gründe zu ordnen. Ich achte auf Bestätigungsneigungen und Immunisierungen. Ich wechsle Perspektiven, suche widerspenstige Fälle und setze meinen Gedanken starken Einwänden aus.
Irgendwann kommt der Punkt, an dem weitere Prüfung vorerst keine wesentliche Veränderung mehr hervorbringt. Dann stelle ich den Gedanken fest. Ich vertrete ihn und lasse ihn, wo nötig, handlungsleitend werden.
Doch diese Feststellung bleibt datiert.
Neue Tatsachen, neue Einwände, neue Folgen oder ein späterer eigener Blick können den damaligen Abschluss wieder öffnen. Der Gedanke darf zurückkehren in die Bewegung, aus der er hervorgegangen ist.
Die Formel lautet deshalb:
Einwandfreiheit auf Zeit – Selbstsubversion auf Dauer.
„Auf Dauer“ bedeutet nicht unablässige Selbstwiderlegung. Es bezeichnet die fortbestehende Möglichkeit, das einmal Festgestellte wieder zum Gegenstand der Prüfung zu machen.
Der Gedanke erhält ein vorläufiges Bleiberecht, aber keinen unveräußerlichen Besitzstand.
Ich schreibe nicht, um das Denken an sich selbst zu beschäftigen.
Ich möchte verstehen, weshalb etwas so geworden ist, wie es ist; welche Begriffe mir dabei helfen; welche Erklärungen zu einfach sind; welche Zusammenhänge sich anders anordnen lassen; und ob sich daraus eine vernünftigere Möglichkeit des Urteilens oder Handelns ergibt.
Ich schreibe nicht zuletzt auch, weil es mir befriedigend erscheint, meinem Denken eine Form zu geben.
Der Essay ist dafür weder wissenschaftlicher Beweis noch bloßer Ausdruck einer persönlichen Haltung. Er ist ein begründeter, auch ästhetischer Versuch.
Sein Ergebnis muss nicht neu sein. Es muss nicht abschließend sein. Es sollte jedoch so weit geklärt sein, dass es anderen zur Prüfung angeboten werden kann – und so offen bleiben, dass eine bessere Einsicht nicht als Niederlage erscheinen muss.
Wenn der Text zu alledem auch noch ein gewisses Vergnügen bereitet, ist er abgeschlossen.
Das Denken nicht.
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Vgl. Ernst Tugendhat, Vorlesungen über Ethik, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993, S. 22. Tugendhat bestimmt intellektuelle Redlichkeit dort als das Bemühen, „Klarheit über sich selbst und sein Verhalten zu gewinnen“, und verbindet sie mit dem „Wunsch, nicht irrational – inkonsistent – zu sein“. ↩︎
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Francis Picabia: „Notre tête est ronde pour permettre à la pensée de changer de direction“ – „Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ Der Satz ist spätestens 1920 belegt; vgl. Marie de La Hire/Francis Picabia, Francis Picabia, Paris: Galerie de la Cible 1920. – Ich erinnere mich an ihn, weil in unserer Studenten-WG ein Plakat mit dieser Sentenz hing. Die Wendung gab auch der von Anne Umland und Cathérine Hug herausgegebenen Retrospektive und ihrem Katalog den Titel: Francis Picabia: Our Heads Are Round so Our Thoughts Can Change Direction, New York: Museum of Modern Art 2016. Die Ausstellung wurde 2016 im Kunsthaus Zürich und 2016/17 im Museum of Modern Art in New York gezeigt. ↩︎
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Gemeint sind insbesondere der Bestätigungsfehler (confirmation bias) und das ergebnisgerichtete motivierte Denken. Der Bestätigungsfehler bezeichnet die Neigung, Informationen bevorzugt zu suchen oder so auszulegen, dass sie bereits bestehende Überzeugungen, Erwartungen oder eine gerade geprüfte Hypothese stützen. Beim ergebnisgerichteten motivierten Denken können Wünsche und Präferenzen beeinflussen, welche Informationen und Überzeugungen abgerufen, konstruiert und bewertet werden; die verfügbaren kognitiven Strategien werden dann bevorzugt so eingesetzt, dass sie ein erwünschtes Ergebnis plausibel erscheinen lassen. Vgl. Raymond S. Nickerson, „Confirmation Bias: A Ubiquitous Phenomenon in Many Guises“, Review of General Psychology 2 (1998), H. 2, S. 175–220, DOI: 10.1037/1089-2680.2.2.175; Ziva Kunda, „The Case for Motivated Reasoning“, Psychological Bulletin 108 (1990), H. 3, S. 480–498, DOI: 10.1037/0033-2909.108.3.480. ↩︎
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Vgl. Heinz von Foerster, KybernEthik, autorisierte Übersetzung aus dem Amerikanischen von Birger Ollrogge, Berlin: Merve 1993, insbesondere „Ethik und Kybernetik zweiter Ordnung“, S. 60–83, sowie „Kybernetik der Kybernetik“, S. 84–91. Von Foerster unterscheidet dort die Kybernetik erster Ordnung als Kybernetik der beobachteten Systeme von der Kybernetik zweiter Ordnung als Kybernetik der beobachtenden Systeme; vgl. insbesondere S. 89. Zur systemtheoretischen Weiterführung vgl. Niklas Luhmann, „‚Was ist der Fall?‘ und ‚Was steckt dahinter?‘. Die zwei Soziologien und die Gesellschaftstheorie“, Zeitschrift für Soziologie 22 (1993), H. 4, S. 245–260, DOI: 10.1515/zfsoz-1993-0401. ↩︎
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Vgl. Niklas Luhmann, Zettelkasten II, Zettel 21/3a1j22m, undatiert, Niklas-Luhmann-Archiv, Universität Bielefeld. Luhmann notiert dort, dass eine Beobachtung als Operation des Bezeichnens innerhalb einer Unterscheidung nicht zugleich zwischen wahr und unwahr unterscheiden könne. Dazu bedürfe es einer weiteren Beobachtung, die jedoch wiederum nur eine andere Operation, nicht sich selbst, als wahr oder unwahr unterscheiden könne – daher das „Problem des unendlichen Prozesses im Beobachten“. Zum größeren Zusammenhang vgl. oben die erste Anmerkung zu Luhmann. ↩︎
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Die formale Fortsetzung zu einer dritten oder weiteren Beobachtungsordnung ist möglich. Von Foerster bestreitet jedoch, dass dadurch ein grundsätzlich neuer Typ von Reflexivität erreicht werde: Mit der zweiten Ordnung sei bereits der Bereich selbstanwendbarer Begriffe betreten. Vgl. Heinz von Foerster, „Ethics and Second-Order Cybernetics“, in: ders., Understanding Understanding. Essays on Cybernetics and Cognition, New York: Springer 2003, S. 287–304, hier S. 301. Eine deutschsprachige Fassung findet sich als „Ethik und Kybernetik zweiter Ordnung“ in: ders., KybernEthik, Berlin: Merve 1993, S. 60–83. In der neueren Literatur werden dennoch unterschiedliche Konzepte einer „Kybernetik dritter Ordnung“ vorgeschlagen, etwa für selbstentwickelnde reflexive Umwelten, ethische Regulierung oder die Einbeziehung sozialer und kultureller Kontexte. Eine allgemein anerkannte Bestimmung hat sich daraus bislang nicht ergeben. Vgl. beispielhaft Roberto Gustavo Mancilla, „Introduction to Sociocybernetics (Part 1): Third Order Cybernetics and a Basic Framework for Society“, Journal of Sociocybernetics 9 (2011), DOI: 10.26754/ojs_jos/jos.20111/2623; Mick Ashby, „Problems with Abstract Observers and Advantages of a Model-Centric Cybernetics Paradigm“, Systems 10 (2022), Art. 53, DOI: 10.3390/systems10030053. ↩︎
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Vgl. Karl R. Popper, Logik der Forschung, 11., durchgesehene und ergänzte Aufl., hrsg. von Herbert Keuth, Tübingen: Mohr Siebeck 2005, insbesondere Kap. 4. Popper schlägt die Falsifizierbarkeit als Abgrenzungskriterium empirisch-wissenschaftlicher Aussagen vor: Eine Theorie muss mögliche Beobachtungen ausschließen und dadurch an der Erfahrung scheitern können. Daraus folgt allerdings nicht, dass eine einzelne widersprechende Beobachtung eine Theorie automatisch widerlegt, da empirische Prüfungen stets auch Hilfsannahmen, Randbedingungen und Messverfahren betreffen. ↩︎
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Vgl. Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, in: ders., Gesammelte Werke in neun Bänden, hrsg. von Adolf Frisé, Bd. 1, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1978, Kap. 4: „Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muß es auch Möglichkeitssinn geben“, S. 16 f. Musil verbindet dort den Möglichkeitssinn ausdrücklich mit dem Wirklichkeitssinn: Die geöffneten Türen haben einen festen Rahmen; zugleich soll das Wirkliche nicht als die einzig mögliche Ordnung behandelt werden. ↩︎
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Vgl. Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, in: ders., Gesammelte Werke in neun Bänden, hrsg. von Adolf Frisé, Bd. 1, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1978, Kap. 61: „Das Ideal der drei Abhandlungen oder die Utopie des exakten Lebens“, S. 245–247, sowie Kap. 62: „Auch die Erde, namentlich aber Ulrich, huldigt der Utopie des Essayismus“, S. 247–254. Das Gedankenexperiment, ein Element aus seinen bestehenden Verflechtungen zu lösen und seine möglichen Wirkungen zu beobachten, wird in Kapitel 61 entwickelt; die essayistische Betrachtung eines Gegenstands von mehreren Seiten folgt in Kapitel 62. ↩︎
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Vgl. Walter Benjamin, „Über den Begriff der Geschichte“, in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. I.2, hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1974, S. 691–704, hier These VII, S. 696 f., insbesondere S. 697. ↩︎
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Vgl. Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. V.1, hrsg. von Rolf Tiedemann, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1982, Konvolut N 1,10, S. 572, sowie N 1 a,8, S. 574. In N 1,10 verbindet Benjamin die Theorie seiner Zitierweise ausdrücklich mit der Montage; in N 1 a,8 bezeichnet er die „literarische Montage“ als Methode und verbindet sie mit dem Vorhaben, „Lumpen“ und „Abfall“ nicht nur zu inventarisieren, sondern zu verwenden. ↩︎
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Vgl. Walter Benjamin, „Über den Begriff der Geschichte“, in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. I.2, hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1974, S. 691–704, hier These XVII, S. 702 f. ↩︎
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Vgl. Alexander Kluge, Gelegenheitsarbeit einer Sklavin. Zur realistischen Methode, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1975; Christian Schulte/Winfried Siebers (Hrsg.), Kluges Fernsehen. Alexander Kluges Kulturmagazine, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002. Zur fragmentarischen und montierenden Schreibweise vgl. außerdem Helmut Heißenbüttel, „Der Text ist die Wahrheit. Zur Methode des Schriftstellers Alexander Kluge“, in: Text + Kritik, H. 85/86: Alexander Kluge, Januar 1985, S. 2–8. Heißenbüttel beschreibt, wie Kluges Texte heterogene Teile und Bezugsebenen aneinanderlegen, Bruchstellen offenhalten und dadurch die Eigentätigkeit des Lesers herausfordern. ↩︎
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Vgl. Alexander Kluge, Die Lücke, die der Teufel läßt. Im Umfeld des neuen Jahrhunderts, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003; ders., „Der Friedensstifter“, Gespräch mit Iris Radisch und Ulrich Greiner, Die Zeit, Nr. 44 vom 23. Oktober 2003, S. 41. Kluge bezeichnet dort Erzählen als eine dem Fragen ähnliche Tätigkeit und vergleicht es mit der Fledermaus, die aus dem Echo einen Raum erschließt. Außerdem beschreibt er Geschichten als unterschiedliche „Kartografien“, deren Karten übereinandergelegt werden können. Zur Eigentätigkeit des Lesers und zum Mitlesen der Lücken vgl. auch Heißenbüttel, „Der Text ist die Wahrheit“, S. 2–8. ↩︎
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Vgl. Theodor W. Adorno, „Der Essay als Form“, in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 11: Noten zur Literatur, hrsg. von Rolf Tiedemann, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1974, S. 9–33, hier S. 21. Adorno charakterisiert das essayistische Vorgehen dort als „methodisch unmethodisch“. Damit ist keine Abkehr von Logik oder begrifflicher Genauigkeit gemeint: Der Essay sei „nicht unlogisch“; die Gesamtheit seiner Sätze müsse sich stimmig zusammenfügen, auch wenn er seine Gedanken weder aus einem einzigen Prinzip ableitet noch aus Einzelbeobachtungen induktiv folgert; vgl. ebd., S. 32. ↩︎
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Vgl. Harald R. Wohlrapp, Der Begriff des Arguments. Über die Beziehungen zwischen Wissen, Forschen, Glauben, Subjektivität und Vernunft, Würzburg: Königshausen & Neumann 2008, insbesondere Kap. 2.2–2.4 und Kap. 4.2. Wohlrapp setzt Argumentation dort an, wo sich die vorhandene Orientierung als unzulänglich erweist beziehungsweise das verfügbare Wissen zur Bewältigung eines Problems nicht ausreicht. Eine These artikuliert den Versuch einer neuen Orientierung, die durch Begründen und Kritisieren auf ihre Tragfähigkeit geprüft und für das Handeln möglichst zuverlässig gemacht werden soll. ↩︎
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Vgl. Wohlrapp, Der Begriff des Arguments, insbesondere Kap. 7.2–7.5, zur Einwandfreiheit besonders S. 347 ff. Wohlrapp unterscheidet argumentative Geltung sowohl von logisch-deduktiver Gültigkeit als auch von bloßer Zustimmung oder Akzeptanz. Eine These gilt relativ zum erreichten Argumentationsstand, wenn gegen sie oder ihre Begründung kein offener Einwand mehr besteht. Als offen gilt ein Einwand, der weder widerlegt noch argumentativ integriert wurde. Einwandfreiheit bezeichnet daher keinen endgültigen Zustand: Tritt ein neuer stichhaltiger Einwand hinzu, verändert sich der Argumentationsstand und die Geltung der These muss erneut beurteilt werden. ↩︎
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Vgl. Albert O. Hirschman, A Propensity to Self-Subversion, Cambridge, Massachusetts/London: Harvard University Press 1995, Einleitung, S. 1–8, insbesondere S. 1 f., sowie Kap. 5: „A Propensity to Self-Subversion“, S. 85–92. Hirschman bezeichnet damit seine Neigung, frühere eigene Aussagen zu hinterfragen, zu modifizieren, in ihrer Reichweite einzuschränken und durch gegenläufige Beobachtungen zu komplizieren. Die späteren Befunde widerlegen die früheren Zusammenhänge dabei nicht notwendig, sondern können genauer bestimmen, unter welchen Bedingungen sie gelten oder nicht gelten. Deutsche Ausgabe: ders., Selbstbefragung und Erkenntnis, aus dem Amerikanischen von Hanne Herkommer, München/Wien: Carl Hanser 1996. ↩︎
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Vgl. Albert O. Hirschman, „The Search for Paradigms as a Hindrance to Understanding“, World Politics 22 (1970), H. 3, S. 329–343, DOI: 10.2307/2009600. Hirschman wendet sich dort nicht gegen Theorie oder Paradigmen als solche, sondern gegen ein zwanghaftes Theoretisieren, das einen Vorgang vorschnell einem vertrauten Erklärungsmuster unterordnet und dadurch dessen besondere oder überraschende Züge verfehlen kann. ↩︎
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Vgl. Albert O. Hirschman, „Against Parsimony: Three Easy Ways of Complicating Some Categories of Economic Discourse“, Economics and Philosophy 1 (1985), H. 1, S. 7–21, DOI: 10.1017/S0266267100001863. Eine kürzere Fassung erschien zuvor in: The American Economic Review 74 (1984), H. 2, S. 89–96. Hirschman setzt bei der besonders sparsamen Annahme eines isolierten, eigennützigen Individuums an, das zwischen Handlungsalternativen nach rationaler Berechnung von Kosten und Nutzen wählt, und zeigt, wie zentrale Kategorien ökonomischen Denkens durch weitere Motive, Bindungen und Rückwirkungen kompliziert werden müssen. ↩︎
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Vgl. Albert O. Hirschman, „Political Economics and Possibilism“, in: ders., The Essential Hirschman, hrsg. und mit einer Einleitung von Jeremy Adelman, Princeton/Oxford: Princeton University Press 2013, S. 1–34, DOI: 10.23943/princeton/9780691159904.003.0001. Der Text erschien ursprünglich als Einleitung zu A Bias for Hope. Essays on Development and Latin America, New Haven/London: Yale University Press 1971. Hirschman plädiert darin für weniger Vertrauen auf allgemeine Verlaufsgesetze und für größere Aufmerksamkeit gegenüber konkreten Wechselwirkungen, Entwicklungspfaden und Handlungsmöglichkeiten, die durch eine zu geschlossene theoretische Betrachtung übersehen werden können. ↩︎