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Earthrise oder Wozu Moral?

·2387 Wörter·12 min
Inhaltsverzeichnis

Earthrise

Beginnen wir unsere Reise im Weltall.1

Stellen Sie sich vor, Sie sind Raumfahrer*In2 und betrachten die Erde durch das Fenster Ihres Raumschiffs, eine leuchtende Kugel inmitten der Dunkelheit des Alls. Der Anblick erfüllt Sie mit Freude. Doch warum? Wieso berührt er Sie so sehr?

Vielleicht, weil dieser Blick von draußen Sie daran erinnert, dass wir Menschen unauflöslich miteinander verbunden und aufeinander angewiesen sind?

Freuen Sie sich etwa auf die Beschäftigung mit Moral?

Vielleicht zweifeln Sie, Leserin, und fragen sich, was der Anblick der Erde mit Moral zu tun hat?

Sehr viel, wie ich Ihnen zeigen möchte. Denn Moral ist nicht einfach ein System von Regeln oder eine philosophische Übung. Sie ist die unvermeidliche Konsequenz unseres Menschseins. Genau davon möchte ich Sie überzeugen.

Moral ist allgegenwärtig!
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Nach dem „Tod Gottes" und überhaupt dem Verlust aller Fremdinstanzen, die uns sagen, was wir tun sollen, bleiben nur wir selbst, um unser Zusammenleben zu ordnen. Moral ist keine Option unter anderen – sie durchdringt unvermeidlich jeden Aspekt unseres Lebens.

Dennoch: Nicht wenige verdrehen beim Wort Moral die Augen. Sie denken an starre Regeln oder lästige Vorschriften. Aber selbst in dieser Ablehnung zeigt sich bereits ihre Unvermeidlichkeit: Wer Moral ablehnt, tut dies aus moralischen Gründen - etwa weil er Bevormundung für falsch hält.

In oft brutalem Kontrast dazu erleben wir, ebenfalls tagtäglich und auf allen Ebenen: privat, beruflich, medial, öffentlich - wie Egoismus, Gleichgültigkeit, perfide Machtspiele, verachtende Rücksichtslosigkeit, Gewalt und Diskriminierung von schierer Amoralität zu zeugen scheinen.

Was nehmen wir also wahr? Ein schreiend widersprüchliches Tableau: Auf der einen Seite moralische Ansprüche und Ideale, auf der anderen eine harsche Realität.

Moralische Ansprüche und die oft entsetzliche Wirklichkeit passen nicht zueinander. Es erscheint fast naiv, sich vor diesem Hintergrund ernsthaft mit ihr zu befassen - oder sich, wie eine Raumfahrerin, sogar darauf zu freuen!3

Wie lässt sich das erklären? Handelt es sich nur um Gerede, um eine Art moralines Grundrauschen, dem keine Bedeutung zukommt? Geht das Ganze um eigentlich nichts? Zählen die Zerstörer, Egoisten und Halsabschneider, die meist ebenfalls mit großer Selbstverständlichkeit Moral propagieren, sich aber in ihren tatsächlichen Handlungen einen Dreck darum scheren, mehr als all die anderen?

Sie, LeserIn, und ich sehen es, behaupte ich, nicht so. Sonst hätte ich nichts geschrieben, und Sie würden es nicht lesen. Uns ist wohl klar, dass es menschliches Leben ohne Moral nicht gibt. Nicht so klar ist, wie genau das zu verstehen ist. Wir möchten daher mehr erfahren. Wie lässt sich, fragen wir uns, dieser unerträgliche Zwiespalt zwischen Anspruch und Wirklichkeit überbrücken?

Lassen Sie es uns angehen! Aber seien Sie – nur dieses eine Mal – ausdrücklich gewarnt! Dieser Themenbereich gehört zu denen, die immer ungreifbarer zu werden scheinen, je genauer man hinschaut. Die Beschäftigung mit Moral ist, wenn man wirklich verstehen will, anspruchsvoll. Einfach wird es nicht.

Wer sich ernsthaft mit Moral (Ethik) auseinandersetzt, gerät schnell in ein Dickicht unterschiedlichster Ansichten und Konzepte. Moralverächter könnten sich bestätigt fühlen.

Von bizarren Spinnereien über alltäglich Oberflächliches bis hin zu Wunderwerken abstrakter Begriffslabyrinthe begegnet uns alles und beinhaltet somit sowohl Grobes als auch Feines, Graues und Buntes, Klares und Verwirrendes, Kluges und Dummes. Hier drängt nerviger Moralismus sich auf. Dort springt einen fanatische Besserwisserei an. Eher außerhalb des Alltagsdiskurses bemühen sich Ethiker um Maß und Ziel, wobei sie sogar versuchen, aus Moral eine Wissenschaft zu machen. Es handelt sich um ein gewaltiges Durcheinander, um einen chaotischen Strauß des Denkens auf der Suche – nach Gutem.

Und wir, Sie und ich, müssen für uns entscheiden, wer Recht hat; wem wir zustimmen wollen.

Das können wir nur, wenn wir, ähnlich der Ermittlung eines Tatbestandes vor Gericht, das Thema eingrenzen.

Worum geht es überhaupt?
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Nach dem Wegfall religiöser, autoritärer und überhaupt fremdinduzierter Begründungen stehen wir vor der Herausforderung, Moral neu, vollkommen säkular zu denken. Ohne Netz und doppelten Boden.4

Wenn keine Fremdinstanz mehr eine Moral absichert, wenn selbst „die Vernunft“ (Immanuel Kant) keinen letzten Halt mehr gibt: Wer oder was käme dafür noch in Frage?

Die Antwort kann nur lauten: Niemand anders als wir selbst müssen dafür gerade stehen! Jede/r Einzelne von uns - und wir alle zusammen. Wir allein, Menschen aus Fleisch und Blut, in all unserer Unzuverlässigkeit und Schwäche, müssen die Lücke füllen.

Wir müssen. Denn ein menschliches Leben ohne Moral gibt es schlicht nicht. Sie konstituiert sich genau und immerzu dort, wo Menschen sich begegnen und etwas miteinander zu tun haben. Also die ganze Zeit. Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht; ob wir es wünschen oder nicht - das spielt keine Rolle.

Niemand lebt allein.5

Nicht, ob wir moralisch handeln, ist die Frage, sondern wie. Was macht unser Menschsein aus? Was sollten wir demzufolge tun? Wie wollen wir uns als Menschen begegnen?

Werturteile wie ›gut‹ und ›böse‹, traditionell die Kennzeichen der Moral, sind begrifflich lediglich die Gradmesser und geben an, ob und inwiefern uns Zwischenmenschlichkeit gelingt.

Aus dieser Allgegenwärtigkeit des Miteinanders ergibt sich der ganze Rest. Die einleitend konstatierte historische Bankrotterklärung bedeutet mithin keineswegs, dass wir auf Moral verzichten könnten. Das ist unmöglich. Sondern sie bedeutet, dass wir nicht einfach so weitermachen können. Wir sind auf Abwege geraten.

Was bleibt dann? Innehalten! Und: Die Flucht nach vorne antreten! Wir Menschen müssen uns aufs Neue mit dem Gelingen von Zwischenmenschlichkeit beschäftigen und dies klar als Aufgabe erkennen. Es ist die gleiche Aufgabe, vor denen die Autoren der Bibel – und andere vor ihnen!6 – schon standen.

Dass wir es bisher nicht befriedigend hingekriegt haben, resultiert aus einer Art Unwillen, im vollen Sinn als Mensch, sprich: erwachsen, im Sinne eines Wir zu agieren.

Die entscheidenden Fragen sind:

– Wie überwinden wir Gerede und Gedankenlosigkeit; wie entwickeln wir stattdessen die Begriffe, um das Erlebte in uns hineinzuziehn (Robert Musil)? Wie lernen wir, ohne irgendeine ideologische Verblendung hinzusehen (Hannah Arendt)? Wie erkennen wir uns als Mensch in der Revolte an, jedoch ausdrücklich im Sinne Albert Camus: „Ich empöre mich, also sind wir.“?7

– Wie lernen wir, unser Gewissen lebendig zu halten und ihm eine ebenso überzeugte wie überzeugende Stimme zu geben?

– Wie schaffen wir es, diejenigen, die Zwischenmenschlichkeit scheinbar ignorieren, ausnutzen oder sabotieren, die Egoisten, Trittbrettfahrer, Trickster und rücksichtslos Machtstrebenden, einzuhegen?

– Wie lenken wir den Fokus auf das, was gut ist für uns, und kommen endlich weg vom egoistischen gut für mich?

So einfach die Fragen erscheinen mögen, so schwierig sind die Antworten.

Das gelingende Zusammenspiel von Rationalität, Emotionalität und Sozialität steht im Zentrum. Wir müssen den ganzen Menschen in den Blick bekommen, wie schon Aristoteles lehrte:

Logos (rationale Argumente), Pathos (emotionale Ansprechbarkeit) und Ethos (glaubwürdiger Charakter).8

Untrennbar sind diese Aspekte ineinander verwoben. Ohne Emotionen fehlt uns der Antrieb; ohne Verstand die Steuerung; und ohne Charakter das, dem alles zuzurechnen ist: die Person, die verantwortlich für ihre Entscheidungen und ihr Handeln zeichnet.

Nur unter Berücksichtigung alles dessen, was uns ausmacht, können wir am Ende sagen, was wir tun sollten. Es hilft vielleicht, diese Aspekte isoliert voneinander zu betrachten und zu analysieren; aber sobald es um wirkliches Handeln geht, können sie nicht mehr sinnvoll auseinanderdividiert werden.

So wenig rein logisches Spock-Handeln dem Menschen auch nur möglich ist, so sehr wäre rein emotionales Handeln leider mindestens denkbar. Wir kennen es von Kleinkindern – und Menschen, die außer sich sind. Doch solches dürfen wir nicht zum Maßstab machen! Erst wenn wir unsere rationaleren Fähigkeiten einsetzen, wenn Bewusstsein ins Spiel kommt – und setzen wir einmal voraus, dass dieses den meisten Menschen ab einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Entwicklung gegeben ist –, bremst das Denken unweigerlich die Willkür.

Sprache als Basis
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Wenn Moral unvermeidlich ist und die einzigen legitimen Träger moralischer Entscheidungen Individuen sind, müssen wir einen Weg finden, diese Verantwortung wahrzunehmen.

Den Schlüssel dazu finden wir in unserer Fähigkeit zur symbolischen Kommunikation. Diese überbrückt in einzigartiger Weise die jeweiligen Einsamkeiten zwischen Ich und Du zu einem Wir.

Und mehr: Wir benutzen nicht nur irgendwelche Symbole – Schreie, Gesten, Töne, Zeichen und dergleichen; sondern propositional-sprachlich strukturierte. Wir können – in aller Kürze – Sachverhalte begrifflich und binär beurteilen: ja/nein; wahr/falsch; gut/schlecht; richtig/falsch usw. – und zwar bewusst.

Erst diese Art der Kommunikation ermöglicht uns mehr als nur den einfachen Austausch von Informationen, welchen wir bei vielen Lebewesen beobachten. Wir bewegen uns daher in einem besonderen, auf Erden einzigartigen „Raum der Gründe“ (Wilfrid Sellars) - mit seinem naturwissenschaftlichen Pendant, dem „Raum der Ursachen und Wirkungen“ - und können Argumente austauschen, Perspektiven abwägen und zu begründeten Entscheidungen kommen.9

Wir können Normen oder Prinzipien formulieren, wie sie für moralische Überlegungen unabdingbar sind. Wir sind in der Lage, von unmittelbarer Erfahrung – und Emotionen! – Abstand zu nehmen. Das kann, so weit wir sehen, kein anderes Lebewesen. Wir sollten diese Fähigkeit nutzen.

Miteinander sprechen zu können, hebt uns nicht nur aus unserem Umfeld hervor, sondern ist unser Schicksal. Es ermöglicht nicht nur, sondern fordert zugleich beständiges Nachdenken über die Welt, uns selbst und andere.

Es ist nicht geklärt, wie Sprache und Bewusstsein im Einzelnen zusammenhängen. Klar ist aber, dass durch dialogische Kommunikation unser Bewusstsein geschärft und vertieft wird.

Der Raum der Gründe wird von uns allen gemeinsam aufgespannt. Selbst wenn jemand vermeintlich nur für sich denkt, tut er es sprachlich - was nichts anderes bedeutet, als dass man in Verbindung steht mit allen, die der Sprache mächtig sind. Mit anderen Worten: Zu denken, ohne wenigstens potenziell alle Mitglieder der Sprachgemeinschaft einzubeziehen, ist nicht möglich! Wer propositional denkt, tut es unabdingbar eingedenk aller anderen.

Das hat weitreichende Konsequenzen. Sprachliches Denken verändert und formt sowohl das individuelle Bewusstsein als auch den Umgang miteinander in komplexer Bewegung, in einem fortdauernden Sprachspiel (Ludwig Wittgenstein). Es ist dadurch die Basis allen Strebens nach Humanität. Die wäre ohne Sprachgebrauch nicht denkbar. Insbesondere reflektierendes Be-denken ist moralisch von höchster Relevanz. Je mehr wir uns in der Fähigkeit zum sprachlichen Umgang üben, nicht zuletzt mit uns selbst, desto mehr erweitern wir den Kreis des Menschseins. In dem, was wir ›Moral‹ nennen, findet sich mithin die Essenz unserer Besonderheit als Spezies.

Leider wird, wie jede/r weiß, dieses Sprachspiel oft erbärmlich gespielt. Von den einen unabsichtlich, was Verständigungen misslingen und viel Frustration entstehen lässt; von anderen absichtlich, um egoistische Zwecke hinterhältig zu erreichen. Es ist eine Tatsache, dass Menschen seit Jahrzehntausenden einander betrügen, belügen, sich gegenseitig quälen und Leid antun. Tag für Tag.

Gleichwohl halten wir fest: Wir Menschen sind, sofern bei Bewusstsein, niemals allein. Sprache und geteilte Erinnerung verbinden uns und zwar als Menschen.

Denken ist demzufolge nicht denkbar in Einzahl; Humanität ist daher nicht denkbar in der Einzahl. Wir können nicht sinnvoll vom Menschen reden, ohne von Menschen zu reden.

Und vielleicht ist das, ohne dass sie es klar benennen könnte, genau das, worauf sich die Raumfahrerin bei ihrer Rückkehr freut: nicht auf etwas Abstraktes, das man Moral nennt, sondern auf das Miteinander, auf die gelebten Beziehungen, die es prägen - und wie schön es ist, wenn sie ›gut‹ verlaufen; d.h. wenn sie gelingen.

Denn trotz aller Widrigkeiten ist eines gewiss: Wir brauchen einander. Und so brauchen wir auch Moral.

Zu fragen „Wozu Moral?“ trifft also nicht den Punkt. Sondern wie wir unser Miteinander befriedigend hinkriegen, ist die Aufgabe. Und ob wir - als Menschen - gut sein wollen.


  1. Vgl. https://eol.jsc.nasa.gov/SearchPhotos/photo.pl?mission=AS08&roll=14&frame=2383#myModal1 – Das NASA-Foto AS08-14-2383, bekannt als “Earthrise”, wurde am 24. Dezember 1968 von Apollo-8-Astronaut William Anders aufgenommen. Es zeigt die Erde, die etwa fünf Grad über dem Mondhorizont aufsteigt. Das Foto wurde aus einer Entfernung von etwa 386.000 km von der Erde aufgenommen und zeigt die Erde über dem östlichen Rand des Mondes. Auf der Erde überquert der Sonnenuntergangs-Terminator Afrika, und Nord- und Südamerika sind unter Wolken verborgen. Die Fotografie wurde mit einer Hasselblad-Kamera gemacht. Dieses ikonische Bild gilt als eine der bedeutendsten Umweltschützer-Fotografien und hat die Wahrnehmung der Menschheit von ihrem Platz im Universum nachhaltig verändert. ↩︎

  2. Ich werde in meinem Text / meinen Texten nicht durchgehend gendern. Um aber das Bewusstsein für Diversität wachzuhalten, streue ich hier und da entsprechende Formeln ein. ↩︎

  3. Vgl. Susan Neiman: Das Böse denken. Eine andere Geschichte der Philosophie. Berlin: Suhrkamp, 2018, S. 19 ff. – Neiman betont, dass das Spannungsfeld zwischen dem, was ist und dem, was sein soll, die treibende Kraft des philosophischen und insbesondere moralphilosophischen Nachdenkens ist. ↩︎

  4. Vgl. Charles Taylor: Ein säkulares Zeitalter. Aus dem Englischen von Ulrich Steinvorth u.a. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009, bes. S. 25 ff. und S. 711 ff. – Taylor argumentiert, dass mit dem Rückzug religiöser und anderer traditioneller Autoritäten die Frage nach der Begründung einer säkularen Moral neu zu stellen ist; diese müsse unter den Bedingungen der Moderne eigenständig legitimiert werden. Siehe dazu auch Charles Taylor: Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1996, S. 652 ff. ↩︎

  5. Dies korrespondiert mit Ansätzen der Vulnerabilitätsethik, insbesondere bei Martha Nussbaum und Judith Butler, die die zwischenmenschliche Verletzlichkeit und wechselseitige Abhängigkeit als Grundlage moralischer Verpflichtungen begreifen. ↩︎

  6. Lange vor der Bibel entstanden bedeutende ethische Texte und Regelwerke: Der babylonische Codex Hammurabi (ca. 1750 v. Chr.) enthielt nicht nur Rechtsnormen, sondern auch moralische Prinzipien. Im alten Ägypten finden wir in den “Lehren des Ptahhotep” (ca. 2350 v. Chr.) Maximen für ein tugendhaftes Leben. In Indien formulierten die Upanishaden (ab ca. 800 v. Chr.) ethische Grundsätze wie Ahimsa (Gewaltlosigkeit). Aus China stammen die moralphilosophischen Werke von Konfuzius (551–479 v. Chr.) und Laozi (6. Jh. v. Chr.). Diese verschiedenen Traditionen zeigen, dass das Nachdenken über gelingende Zwischenmenschlichkeit ein universelles menschliches Anliegen ist, das sich parallel in verschiedenen Kulturen entwickelte. ↩︎

  7. Camus, Albert: Der Mensch in der Revolte. Essays. Reinbek bei Hamburg, 1996. Am Schluss des gleichnamigen Kapitels. ↩︎

  8. Vgl. Aristoteles, Rhetorik, 1.2, 1356a, die drei Arten der Überzeugung (πίστεις) ↩︎

  9. Der Begriff “Raum der Gründe” (“space of reasons”) wurde von dem Philosophen Wilfrid Sellars (1912-1989) geprägt. Er beschreibt damit einen konzeptionellen Raum, in dem Menschen Gründe geben und verlangen, Behauptungen rechtfertigen und kritisieren können. Anders als der physikalische Raum der Ursachen und Wirkungen ist der Raum der Gründe normativ strukturiert - hier geht es nicht um kausale Erklärungen, sondern um die Frage, was richtig oder falsch, gerechtfertigt oder ungerechtfertigt ist. Diese Fähigkeit, sich im Raum der Gründe zu bewegen - also Argumente auszutauschen und zu bewerten - unterscheidet den Menschen von anderen Lebewesen und ist zentral für unser moralisches Denken und Handeln. Der Begriff wurde später von Philosophen wie John McDowell und Robert Brandom – bei denen das „Geben und Nehmen von Gründen" zentral ist – sowie, in jüngerer Zeit und aus praktischer-philosophischer Perspektive, von Julian Nida-Rümelin aufgegriffen und weiterentwickelt, der dieses dialogische Verständnis von Rationalität für seine Ethik fruchtbar macht. ↩︎