Der folgende Text versteht sich als Versuch einer zivilisierten, diskursiven Reaktion auf eine Situation, in der bloßes Zusehen zunehmend unzureichend erscheint.
Über „Likes“ und die Vermeidung von Analyse #
Der Vorgang ist unscheinbar und alltäglich geworden. Jemand teilt im Freundes– und Bekanntenkreis einen Beitrag aus dem Internet – verbunden mit der impliziten Erwartung, dass man diesen „like“ und weiter verbreite. Die Zustimmung gilt als selbstverständlich, die moralische Stoßrichtung als geklärt. Der Klick soll bestätigen: Man hält zusammen. Man steht gemeinsam auf der „richtigen“, der „guten“ Seite.
Doch die Erwartung erfüllt sich nicht immer. Was, wenn sie unterlaufen wird? Zum Beispiel von mir.
Ich verweigerte mich und tat dies auch kund, indem ich eine begründete Zurückweisung schrieb:
„Liken und Sharen sind, scheint mir, so etwas wie Vermeidungsstrategien. Um sich nicht in ebenso genauem wie differenzierenden Denken (und Tun) üben zu müssen.“
Ein Hinweis also darauf, dass meiner Meinung nach für den geteilten Beitrag die Verhältnisse komplexer wären und dass Zustimmung ohne begriffliche Klärung wenig zum Verstehen und noch weniger zu tragfähigen Lösungen beitrage.
Dazu verlinkte ich zu einem meiner Texte, wo es – in anderem Zusammenhang – um Social media ging.
In dem verlinkten Textabschnitt ging es um Diskurssimulation:
Nirgendwo zeigt sich heute diese Versteinerung der Gewissen und der Rückfall in eine Welt instinktgesteuerten Verhaltens alltäglicher als in den Social Media oder den Kommentaren selbst seriöser Zeitschriften im Internet. Statt miteinander um Genauigkeit zu ringen und die Lösungen zu suchen, die so dringend nötig wären, verrohen Menschen und Sprache. Chats versinken, durch Aufmerksamkeit steuernde Algorithmen verstärkt, in Niedertracht und Hass. Aus Meinungsgegnern werden Feinde, die anzugreifen und niederzumachen sind. Noch mehr Likes und Shares sind der Lohn. Argumentation und kultivierter Disput weichen zunehmend der Zerstörung, besonders gegen jene, die widerständig bleiben und sich keiner Gruppe unreflektiert verpflichten wollen.
Die Reaktion darauf verblüffte mich und tut es noch.
Sie ist aufschlussreich. Denn sie eskaliert, und zwar sofort, ohne Umschweife und in verletzender Härte.
Ich zitiere:
„Wobei ich gestehen muss, dass mir das Selbstzitat zu dem dein Link führt ziemlich banal und oberflächlich scheint. Eher persönliches Statement als Analyse. Zelebriert Hüpfen im Dreieck weit weg von der Realität außerhalb des stillen Kämmerchens. Ist sich selbst zufrieden. Und damit das Gegenteil eines Beitrags zu „ angemessenen Lösungen“.
Das ist wie in der Musik: Heimliche vergeistigte Selbstverwirklichung auf dem Wohnzimmersofa vs kollektive Materialisierung von Energie auf der Sessionbühne. Mir ist das zweite lieber.
Ich würde zur Überarbeitung raten.
Und könnte Jaspers und natürlich Rombach empfehlen..
Diese Antwort hält sich nicht mit Einwänden auf; kein Begriff wird aufgenommen, keine Diagnose geprüft, keine Gegenanalyse entfaltet. Stattdessen erfolgt eine Verschiebung ad hominem, sogar in nochmaliger rhetorischer Steigerung: ad personam. Volle Breitseite gegen mich.
Und schließlich die „Leseempfehlung“, etwas, das unverhohlen autoritativ gemeint und unter Akademikern als, in diesem Falle aggressives, name dropping bekannt ist:1
Das hervorstechendste Element dieser Replik ist jedoch eine Metapher: das „vergeistigte Wohnzimmersofa“. Es wird der „kollektiven Materialisierung von Energie auf der Sessionbühne“ gegenüber gestellt. Das eine stehe, wird suggeriert, für introvertierte, nichtsnutzige Selbstverwirklichung; das andere für energetisch geladene Tatkraft. Gekrönt mit: „Mir ist das zweite lieber.“
Diese Metapher ist nicht beiläufig. Sie übernimmt die „argumentative“ Hauptlast – durch Vitalitätsgehabe als Ersatzangebot. Nicht das Ringen um wahr oder falsch, um argumentative Präzision und begriffliche Schärfe zählt, sondern ob etwas lebendig rüberkommt, „kollektiv materialisiert“, wie es heißt.
Und das war es dann. Hier endet der „Diskurs“. Bevor er überhaupt angefangen hat.
(Das gilt wörtlich. Der Kontakt brach mit dem oben zitierten post ab.)
Es wäre aber auch schwierig, nach diesem messengertypisch kurzen Schlagabtausch die Kommunikation wieder aufzunehmen.
Was hier sich zeigt, lässt sich als Diskursabwehr durch Personalisierung, verbunden mit Statusgesten beschreiben. Gemeint ist eine kommunikative Praxis, bei der Kritik, unabhängig von ihrer Berechtigung, von vornherein nicht argumentativ beantwortet, sondern postwendend durch Personalisierung, Bewertungen, Metaphern, Geschmacksurteile und Autoritätsverweise abgetan und geblockt wird. Nicht ohne die eigene Person zu erhöhen.
Symptomatisch der Schlusssatz:
„Und könnte Jaspers und natürlich Rombach empfehlen.“
Was als „Empfehlung“ daherkommt, erfüllt dieselbe Funktion wie das Sharen und Liken: die Sachebene gerade nicht betreten zu müssen.
Ironischerweise konterkarieren sowohl die beiden aufgerufenen Autoritäten als auch die verbalen Invektiven zuvor das vorgeschobene Bestreben.
Erstens:
Karl Jaspers steht ausgesprochenermaßen für eine Diskussionskultur, in der offen und argumentativ, existentiell, auf keinen Fall jedoch plakativ gestritten wird. Die Aufforderung, sich mit einem Daumen hoch oder Daumen runter zu positionieren, um Stellung zu nehmen, hätte ihn wohl höchstlich befremdet. Ebenso lehnte er argumenta ad personam ab. Herabwürdigung war ihm, hierin ganz kantisch, zuwider.
Jaspers richtete sich gerade gegen Lagerdenken und wohlfeile moralische Selbstgewissheit und gegen das Ausweichen vor der Zumutung des Gesprächs. Widerspruch und inhaltlicher Dissens waren ihm kein Störfall, sondern kennzeichnend für den Ernst des Denkens.
Heinrich Rombach eignet sich ebenso wenig – mit allem Vorbehalt, da ich selbst nichts original von ihm, sondern nur über ihn gelesen habe.2
Zweitens:
Statt irgendeine ernsthafte Auseinandersetzung zu suchen, wird nichts weiter getan, als auf den anderen, mich, verbal einzuschlagen und zusätzlich eine Status-Kulisse aufzubauen. „Du solltest dich erstmal schlau machen, bevor wir reden“, wird mir bedeutet.
Alle diese Schüsse gehen durchweg nach hinten los.
Festzuhalten bleibt: Ein Dialog wird offensichtlich nicht gewünscht.3
Man könnte von einem performativen Widerspruch sprechen. Mein Kritiker erfüllt die Aussagen des als „banal und oberflächlich“ geschmähten Textes. Er reagiert mustergültig in der von mir beschriebenen Weise:
- kein Bezug auf Argumente
- keine Auseinandersetzung mit Begriffen
- keine Gegenposition
Das ist Diskurssimulation im Twitter-Format.
Wie ist das alles zu verstehen? Was passiert hier? #
Wenn so unerwartet harsch reagiert wird, muss ich mit meiner Kritik einen sweet spot getroffen haben.
Ich erkläre es mir so, dass nicht meine Argumente und auch nicht meine vielleicht ungeschickte Direktheit das bewirkten, sondern dass ich auf einer ganz anderen als der Sachebene ungewollt Treffer gelandet habe. Die müssen wehgetan haben, um so wütende Gegenschläge zu provozieren.
Mich erinnert das an meine Jugend, nachdem ich angefangen hatte, mit meinem Vater über Gott und die Welt zu diskutieren. Er konnte es nicht ertragen, wenn er mir, dem Naseweis, gelegentlich Zugeständnisse machen sollte oder sogar Recht geben musste; oder passender im Konjunktiv: wenn er mir hätte einmal Recht geben müssen. Er tat es nie, weil er es nicht konnte. Stattdessen wurde er wütend und schrie mich irgendwann nieder. Er brauchte das letzte Wort. Unbedingt.
Im Lauf der Zeit entwickelte ich die Taktik, wenn es mal wieder gefährlich wurde, den Mund zu halten. Ich schwieg hartnäckig. Ich schaute ihn nur noch an und sagte einfach nichts mehr. Das trieb ihn vollends auf die Palme. Er tobte und schlug sogar gelegentlich zu. Nicht ausdrücklich recht zu bekommen, brachte ihn um den väterlichen Verstand.
Ein seltsames Verhalten? Mein Vater identifizierte sich, so begreife ich es heute, als Person mit seinen Meinungen. Er baute darauf seine Identität auf. Wenn ich letztere argumentativ ins Wanken brachte oder auch nur ins Wanken zu bringen drohte, wankte vermeintlich auch seine persönliche und elterliche Autorität. Das durfte nicht sein.
Ich hatte in Diskussionen keine Chance. Ich konnte seine Meinungen nicht in Frage stellen, ohne dass er sich als Person dadurch in Frage gestellt sah. Was natürlich nicht stimmte. Er blieb mein Vater und ich blieb der Sohn.
Wenn ich diese Erinnerung wiederum in den großen Zusammenhang stelle, sehe ich mich an die Grundfrage aller Moral verwiesen, so wie Ernst Tugendhat sie für die Ethik stellte:
Wie will ich mich als Mensch verstehen?
Das klingt ähnlich, wie die Frage, wie ich mich als Person verstehen wolle und worüber ich mich identifiziere.
Aber da ist ein wesentlicher Unterschied! Wer bei der eigenen Person stoppt, anstatt weiterzugehen zu der von Tugendhat geforderten exemplarischen Sicht, verschließt sich den Horizont über sich hinaus auf den Menschen als solchen. Erst wenn alle sich als Mensch spüren und sehen lernten, sagt uns Tugendhat, sozusagen immer auch stellvertretend für alle anderen, erreichten wir wahrhaft moralisches Terrain.
Stattdessen verharren die meisten in egozentrischer Perspektive. Moral degeneriert zu Moralismus. Aus moralischer, skrupulöser Selbstvergewisserung wird moralische Selbstbestätigung. Statt um den Menschen geht es um einzelne Ichs. Und das ist die wahre Quelle vieler Streitereien. Auch derjenigen damals mit meinem Vater. Und, will mir scheinen, dieselbe Struktur prägt auch den aktuellen Zusammenhang.
Habe ich mein Gegenüber also persönlich aus der Fassung gebracht? Habe ich ungewollt an seiner Identität gekratzt? Am Ego?
Das könnte jedenfalls die Feuerkraft erklären, die aufgeboten wurde. Hätte nicht als Antwort ein: „Schade! Dann ein andermal.“ gereicht? Vielleicht verbunden mit der Frage nach den Gründen meiner Ablehnung? Von mir aus auch: „Bitte verschone mich mit deinen Belehrungen!“
Ich hätte das als unangenehm empfunden – und vielleicht meinen Text, wie angeraten, „überarbeitet“, um ihn weniger belehrend erscheinen zu lassen.
Doch wäre mir die Antwort nicht als so unangemessen und unverschämt vorgekommen wie jetzt.
Speist sich die Unverschämtheit mithin aus einem Gefühl der Beleidigung? Werden deshalb gelernte Höflichkeit und erwachsene Souveränität ausgesetzt zugunsten des Impulses, drauf zu schlagen? Ähnlich wie bei meinem Vater?
Vom Alltäglichen zum Politischen #
In diesem Sinn passiert Diskursabwehr nicht einfach, auch und schon gar nicht in der Form, dass persönlich attackiert wird. Solche Attacken sind vielmehr Teil gesellschaftlichen Moralstrebens, solange Moral in Persönlichkeiten und deren Identitätsverlangen gefangen bleibt.
Mir will sich darin im Kleinen zeigen, was im Großen derzeit als Polarisierung beklagt wird und sich weltweit zeigt. Ganze Gesellschaften spalten sich. Man denkt und – vor allem – fühlt zunehmend binär: Wir und Die, Linke und Rechte, Schwarz und Weiß. Differenzierungen sind nicht erwünscht, begrifflich schon gar nicht. So wie diskursive Zugeständnisse anscheinend gleich die Identität meines Vaters bedrohten, so führen uneindeutige, zunehmend unübersichtliche gesellschaftliche Verhältnisse zu kollektiver Abwehr, hochemotionalisiert zu Hass. Man grenzt sich gegeneinander ab, bildet Lager, bekämpft sich schließlich.
Es wächst im Kleinen wie Großen die Versuchung, Komplexität durch eindeutige Signale zu ersetzen. Likes, Herabwürdigung Andersdenkender, Autoritätsverweise leisten scheinbar diese Entlastung. Sie ersparen zumindest die Mühen konstruktiver Auseinandersetzung.
Ausweg #
Der Ausweg liegt nicht im Rückzug und nicht im Zynismus. Schon gar nicht in einem Noch–Mehr an Moralismus. Er liegt in der Wiederaneignung handwerklich gekonnter und gelassener Diskursfähigkeit: in der Erarbeitung tragfähiger Begriffe, in der Trennung von Befindlichkeiten und realen Verhältnissen, in der Bereitschaft, Analysen und Diagnosen einer „zersetzenden“ Kritik auszusetzen. (Der Ausdruck stammt von Hannah Arendt, die das positiv meinte.) Und darin, Moral nicht nur persönlich zu nehmen. Sie betrifft uns alle.
Es geht nicht darum, auf der „richtigen Seite“ zu stehen oder „Schuldige“ ausfindig zu machen, oder niederzumachen, was einem nicht passt. Polarisierung ist kein erstrebenswertes Ziel.
Es geht darum, miteinander eine der Komplexität unseres zivilisatorischen Lebens angemessene Differenzierung zu erreichen.
Dass dieses Streben Richtung Versachlichung selbst nicht spannungsfrei ist und nicht sein kann, versteht sich fast von selbst. Wir können gar nicht nur „objektiv“ reden. Jedes Gespräch bleibt kommunikativ riskant. Es drohen immer Missverständnisse und Frustration. Dass man auch jeweils ganz persönlich nicht immer so geschickt agiert, wie man es sich wünschte, ist kein Einwand gegen den Versuch, sondern Teil der Diagnose. Ich kann ein Lied davon singen.
Doch wenn es eine Chance gibt, die Temperatur unserer Konflikte im Gespräch zu senken, dann nicht durch schnellere Zustimmung oder (noch) stärkere Empörung und schon gar nicht durch Diffamierung, sondern im Gegenteil:
Durch langsam gewonnene, geduldige, Irrwege in Kauf nehmende, gründliche, genaue Urteilsfindungen.
Warum nicht gemeinsam auf dem Wohnzimmersofa oder am Küchentisch? So unspektakulär wie es wäre.
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Zum Begriff name dropping vgl. u. a. Erving Goffman: The Presentation of Self in Everyday Life. New York: Anchor Books, 1959, insb. Kap. 1–2, wo der strategische Einsatz von Status- und Autoritätsmarkern als Mittel der Eindruckssteuerung beschrieben wird. In fachlichen Kontexten kann das Nennen von Namen eine legitime kommunikative Abkürzung unter Eingeweihten darstellen; diskursiv problematisch wird es dort, wo Autoritätsverweise argumentativen Gehalt ersetzen und als Abwehr- oder Beendigungsstrategie gegenüber inhaltlicher Kritik fungieren. ↩︎
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Die Gegenüberstellung von Sofa (für Lebensabgewandtheit) und Bühne (Lebendigkeit) reproduzierte jenen Dualismus von Weltferne und Dazugehörigkeit, von Innen und Außen, den er mit seiner Tiefenphänomenologie zu überwinden trachtete. ↩︎
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So gesehen, könnte ich mir die Überarbeitung meines „banalen und oberflächlichen“ Textes sparen. Ich habe es trotzdem getan. Es geht mir um die Sache. Da kann Präzisierung nicht schaden. Vgl. https://thoes-koessel.de/lang/dreisprung_annaeherung3/#diskurssimulationen-und-immergleiche-muster Die Grundaussagen haben sich allerdings nicht geändert! Ich habe sie nur besser unterfüttert mit Hinweisen zu empirischen Erkenntnissen und im Ton, hoffe ich, etwas konzilianter formuliert. Ich finde nichts dabei, mit meinen Thesen und Begründungen anzuecken; nicht aber käme es mir in den Sinn, jemanden zu beleidigen. ↩︎