Empörung ist flüchtig. Sie hängt von Nähe, Betroffenheit, Stimmung und Aufmerksamkeit ab. Was uns heute aufrüttelt, lässt uns morgen kalt. Was uns unmittelbar betrifft, bewegt uns stärker als das Leid Fremder. Moralische Motivation, die allein auf Empörung setzt, bleibt selektiv, instabil und anfällig für Verzerrungen.
Hinzu kommt: Empörung neigt dazu, sich selbst zu rechtfertigen. Wer empört ist, fühlt sich schnell im Recht. Gerade darin liegt ihre Gefahr. Empörung kann Kritik abwehren, statt sie zu ermöglichen. Sie kann in Selbstgerechtigkeit umschlagen oder sich moralisch verkleiden. Moral, die dauerhaft tragen soll, darf sich darauf nicht verlassen.
Wenn Moral nicht im Moralismus enden soll, braucht sie eine andere Form der Motivation.