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Leben wir in der besten aller möglichen Welten?

·310 Wörter·2 min

Die Frage klingt heute fast automatisch ironisch. Ihr klassischer Ort ist jedoch die Theodizee: der Versuch, Gottes Güte, menschliche Freiheit und das Übel in der Welt zusammenzudenken.

In diesem Zusammenhang vertritt Gottfried Wilhelm Leibniz die berühmte These, Gott habe unter allen möglichen Welten die beste gewählt.

Die einschlägige Stelle findet sich in den Essais de Théodicée, erste Partie, §§ 8–10. Dort heißt es sinngemäß, Gott hätte keine Welt hervorgebracht, wenn es unter den möglichen Welten kein Bestes gäbe.

Für mich ist daran weniger die theologische Voraussetzung interessant als die erkenntnistheoretische Zumutung.

Denn die übliche Kritik an Leibniz — man denke an Voltaires Lehrmeisterfigur Pangloss (übersetzt: Vielzüngiger) in Candide ou l’Optimisme (1759) — lebt oft davon, vom kontingent Konkreten unmittelbar auf das Ganze zu schließen: Hier Leid, dort Grausamkeit; also kann diese Welt nicht die beste sein.

Das mag naheliegen, zwingend ist es nicht. Aus der Perspektive endlicher Erkenntnis ist keineswegs klar, dass wir in der Lage wären, die Gesamtverfassung der Welt zu beurteilen. Als Wesen, die in der Welt leben, können wir uns schlechterdings nicht außerhalb ihrer stellen.

Das heißt nicht, dass Leibniz recht hat. Es heißt nur, dass auch seine Kritiker sich nicht ohne Weiteres ein abschließendes Urteil erlauben können.

Denn wer das Lokale sieht, sieht noch nicht das Ganze. In einer säkularen, allenfalls agnostischen Perspektive bleibt daher eine doppelte Zurückhaltung angezeigt: weder theologischer Optimismus noch vorschneller metaphysischer Pessimismus.

Vielleicht ist das die ernstere Fassung der Frage: nicht, ob diese Welt nachweislich die beste aller möglichen ist, sondern ob wir überhaupt in der Lage sind, aus unserer beschränkten Perspektive ein finales Urteil über sie zu fällen.

Zurückhaltung im Urteil ist angeraten.

Quelle
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  • Gottfried Wilhelm Leibniz, Versuche in der Theodicée über die Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und den Ursprung des Übels, erste Partie, §§ 8–10.

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